Personen:Martin Gollwitz, Professor
Friederike, dessen Frau
Paula, deren Tochter
Dr. Neumeister
Marianne, seine Frau
Karl Gross
Emil Gross, genannt Sterneck, dessen Sohn
Emanuel Striese, Theaterdirektor
Rosa, Dienstmädchen bei Gollwitz
Auguste, Dienstmädchen bei Neumeister
Meissner, Schuldiener
Ort der Handlung: Eine kleine deutsche Stadt
Zeit: Gegenwart
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Anmerkung: an einigen wenigen Stellen ist der Text lückenhaft und es fehlen dort einzelne in der mangelhaften Vorlage unleserliche Worte.
Erster Akt(Arbeitszimmer des Professors. Türen in der Mitte, rechts und links. Im Hinterprospekt links von der Mitteltür ein kleiner Alkoven, welcher durch eine Zuggardine abzuschließen ist In diesem Alkoven eine Chaiselongue und ein kleines Tischchen, auf welchem Bücher liegen. Im Vordergrund links ein Schreibtisch mit Büchern, Schriften, Papieren usw. vollgeräumt Rechts vorn ein kleiner Arbeitstisch auf dem sich ebenfalls Bücher, Schriften usw. befinden, hinter demselben ein kleines Sofa. Bücherschränke an den Wänden.)
1. SzeneRosa — (dann) Meissner
Rosa (sitzt auf dem Stuhl am Schreibtisch liest die Zeitung): „Einem
hochzuverehrenden Adel sowie hochverehrlichem Publikum, allen Kunstfreuden
und Gönnern dieser Stadt erlaubt sich der hochachtungsvoll Unterfertigte
die tiefergebene Anzeige zu machen, daß am sechsten September im Saale
des hiesigen Schützenhauses die Theatervorstellungen beginnen werden."
(spricht) Theater — bei uns hier — ah, das wird aber schön werden.
— liest weiter) „Die gefertigte Direktion wird alles aufbieten,
um die gerechtfertigten Erwartungen dieser kunstsinnigen Stadt weit
zu übertreffen. Alles Nähere besagen die Anschlagzettel. Hochachtungsvoll,
ergebenst Emanuel Striese, Theaterdirektor." — (spricht) Na,
das weiß ich, solange die Madame in Heringsdorf ist, gehe ich jeden
Abend ins Theater; wenn sie wieder zurück ist, kommt man sowieso nicht
mehr aus dem Haus und ins Theater schon gar nicht.
Meissner (durch die Mitte mit einem Stoß blauer Schulhefte unter dem Arm): Ganz ergebenster Diener, Fräulein Rosa.
Rosa: Ach du meine Güte, bringen Sie schon wieder Extemporalienhefte?
Meissner: Nu ja — für den Herrn Professor — aus der Quarta Stück, (legt sie auf den Tisch rechts)
Rosa: Und bis wann sollen wir sie denn durchsehen?
Meissner: Bis übermorgen.
Rosa (schlägt ein Heft auf): „Über den zweiten punischen Krieg.“ Na, ich danke, da wird sich der arme Professor wieder schön ärgern. Wenn ich nur von dem Krieg höre! Da schreiben die Jungen immer das dümmste Zeug zusammen.
Meissner: Oberhaupt die Jungens! — Nu bin ich schon zwanzig Jahre am Gymnasium, und sie werden nicht klüger und werden nicht klüger.
Rosa: Und grade mit dem Krieg trifft's jedes Jahr um dieselbe Zeit. Immer wenn wir in der Küche beim Gurkeneinlegen sind, ist der Professor in der Quarta beim punischen Krieg.
Meissner: Freilich, freilich, der Lehrplan ist wie ein Kalender. Immer wieder dasselbe.
Rosa (schlägt mit der Hand auf das geöffnete Heft, in dem sie einige Seiten gelesen hat): Nein, so'n dummer Bengel! Hören Sie nur, was der da zusammenschreibt, (liest) „Nachdem die Römer im Jahre 241 vor Christi mit dem ersten punischen Krieg fertig waren, fingen sie 23 Jahre später, also im Jahre 218 den zweiten Krieg an." (spricht) So'n Unsinn! 41 und 23 ist doch im Leben nicht 18! — Nicht mal zählen können die Jungens.
Meissner: Und so was sitzt in Quarta!
2. SzeneVorige — Gollwitz
Gollwitz (durch die Mitte. Überzieher, Hut): Meißner, was machen Sie denn hier? (gibt Rosa den Hut.)
Meissner: Ah, der Herr Professor! Bitte ergebenst, Herr Professor, ich habe nur die Hefte gebracht.
Gollwitz (den Überzieher ausziehend): Schön, schön!
Rosa: Da stehen wieder Sachen drin, Herr Professor —
Gollwitz (lachend): So? (gibt Rosa den Überzieher)
Rosa: Und der Regenschirm?
Gollwitz: Welcher Regenschirm?
Rosa: Ach Gott, Herr Professor — Der neue seidene! Ich habe doch noch gesagt, Sie sollen mir ihn nicht wieder stehen lassen!
Gollwitz: Sollte ich ihn wirklich ------?
Rosa: Natürlich! Was ist denn heute? (überlegt) Donnerstag: Von zwei bis drei Quinta Geographie und von drei bis vier in der Prima. Sehen Sie gleich mal nach. Meißner.
Gollwitz (nachrufend): Vielleicht steht er auch im Konferenzzimmer.
Meissner (in der Tür): Schön, Herr Professor. (ab)
Rosa (ihm nachrufend): Dunkelbraun, die Krücke wackelt ein bißchen, und unten fehlt die Zwinge.
Gollwitz (ist zum Schreibtisch getreten): Ist kein Brief von meiner Frau gekommen?
Rosa: Nein, Herr Professor.
Gollwitz: Gestern nicht, heute auch nicht? Es wird doch nichts passiert sein? —
Rosa: Was soll denn passiert sein, machen Sie sich keine Sorgen.
Gollwitz: Ist sonst niemand hier gewesen?
Rosa: Ja, vor einer halben Stunde ein Herr, der mit Ihnen sprechen wollte.
Gollwitz: Wer war es denn?
Rosa: Ich kenne ihn nicht, er sah aus wie ein Pastor, — glattrasiertes Gesicht, eine Menge Ringe auf der Hand. — In einer halben Stunde will er wiederkommen.
Gollwitz: Ist gut. Wir werden ja sehen.
Rosa: Was soll ich denn heute zum Abendbrot kochen?
Gollwitz: Quäle mich doch nicht damit! — Mach’, was du willst.
Rosa: Das sagen Sie immer, Herr Professor, und wenn ich Ihnen nachher das Essen bringe, lassen Sie mir’s wieder stehen.
Gollwitz: Wenn ich doch keinen Appetit habe!
Rosa: Natürlich, wenn man immerzu studiert und schreibt und arbeitet! — Sie müssen sich ein bißchen Bewegung machen, Herr Professor — spazieren geh'n, Kegel schieben. Und das sage ich Ihnen, wenn das Theater erst anfängt, dann müssen Sie mir jeden Abend hingehen.
Gollwitz: Theater?
Rosa: Lesen Sie denn gar keine Zeitungen, Herr Professor, da steht's ja doch, (gibt ihm das Blatt) Schützenhaus — 6. September.
3. SzeneVorige — Doktor Neumeister — Marianne
Neumeister (den Kopf zur Türe hereinsteckend): Guten Abend, Schwiegerpapa. Da im Vorzimmer ist eine kleine reizende Frau, darf ich sie hereinlassen?
Gollwitz: Meinetwegen.
Marianne (schiebt ihn zurück und sieht ins Zimmer): Papa, darf denn mein Mann, der unausstehliche Mensch, auch mit hereinkommen?
Gollwitz: So kommt doch schon, Ihr großen Kinder, Ihr laßt Euch ja ohnedies selten genug sehen bei Eurem armen verlassenen Papa.
Neumeister: Ja, es ist unrecht von uns, aber wir sind so glücklich ...
Marianne: Und wenn Leopold den ganzen Tag fort ist, bin ich auch froh, wenn ich ihn des Abends zu Hause habe.
Neumeister: Natürlich!
Marianne: Aber du solltest öfter zu uns kommen —
Neumeister: Oder mal ins Gasthaus gehen. Was machst du denn ganz allein zu Hause?
Gollwitz: Ich langweile mich eben. Ich hätte nie gedacht, daß mir Mama und Paula so fehlen würden.
Marianne: Was hast du denn für Nachricht von Ihnen?
Gollwitz: Da liegt ihr letzter Brief von vorgestern.
Marianne (nimmt den Brief vom Schreibtisch): Da sind ja auch Blumen darin, (nimmt ein gepreßtes Blumensträußchen heraus)
Gollwitz: Die hat Paula auf einem Spaziergang gepflückt.
Marianne: Ach, wie nett! (liest den Brief)
Neumeister: Also, der Schwiegermama bekommt das Bad gut?
Gollwitz: Ja, ihr schon, aber — mir?! (nimmt ihn beiseite) Weißt du, lieber Junge, solche Badereise kostet doch verteufelt viel Geld. Ich hab's mir jetzt zusammengerechnet, — unter zweitausend Mark komme ich nicht weg.
Neumeister: Aber für Mama war's wirklich notwendig.
Gollwitz: Und für Paula auch, das Kind ist siebzehn Jahr alt, man muß sie doch ein wenig in die Welt führen. Das sehe ich ein. Aber du weißt, wie knapp ich mich mit meinem Gehalt einrichten muß; zweitausend Mark reißen ein Loch in die Rechnung. Ich habe mir vorläufig damit geholfen, daß ich Paulas Geld von der Sparkasse nahm; aber das muß wieder ersetzt werden, denn, wenn es meine Frau erführe ...!
Neumeister: Das könnte hübsch werden!
Gollwitz: Ob ich mal eine Kleinigkeit auf der Börse riskiere?
Neumeister (entrüstet): Papa! —
Gollwitz: Es machen doch so viele Leute.
Neumeister: Aber du verstehst gar nichts davon!
Gollwitz: ... was ich verstehe, ist eben nichts zu verdienen.
Marianne (hat inzwischen den Brief gelesen): Mama und Paula scheinen sich ja sehr zu amüsieren.
Gollwitz: Ich gönne es ihnen, aber ich kann Euch sagen, mir sind die vier Wochen entsetzlich lang geworden. Wenn man so durch 20 Jahre gewöhnt ist, Tag für Tag Frau und Kind um sich zu haben, und dann auf einmal mutterseelenallein in seinen vier Wänden hockt...
Marianne: Armer Papa. Was hast du denn nur immer gemacht?
Gollwttz: Ich habe alles Mögliche versucht. Meine Bibliothek geordnet, Rechnungen, Briefe, Manuskripte durchstöbert, sogar bis auf meine Studentenzeit zurück; — Kinder da habe ich unter anderem das Ding hier ausgegraben, das hat mir wirklich Spaß gemacht, (nimmt aus einem Schreibtischfach ein Manuskript)
Neumeister: Du, das sieht ja wie lyrische Gedichte aus.
Gollwitz: Schlimmer, — es ist eine Römertragödie. Marianne: Die du geschrieben hast?
Gollwitz: Ja, als Student. Mein Gott, welcher Student hätte keine Römertragödie geschrieben! Und nun habe ich das Ding wieder durchgelesen und dabei wirklich meine helle Freude gehabt. Es ist ja natürlich unreif und unfertig, aber es ist doch Schwung drin und Feuer und — Jugend.
4. SzeneVorige — Rosa
Rosa (bei dem letzten Satz durch die Mitte mit dem Regenschirm des Professors)
Gollwitz: Nicht wahr, Rosa?
Rosa (mit einem verhimmelten Seufzer): Ach, Herr Professor!
Gollwitz: Ich habe es ihr nämlich vorgelesen.
Neumeister und Marianne (zugleich): Der Rosa — hahaha!
Gollwttz: Ja, lacht nur. Ihr laßt Euch doch nicht sehen, und an irgendjemand muß man schließlich seine Verse auslassen! Da hat die Rosa eben herhalten müssen.
Rosa: Ach, Herr Professor, ich höre Ihnen ja so gern zu. Ich sage Ihnen, Frau Doktor, das ist ein himmlisches Stück, so traurig, so traurig! (trocknet sich die Tränen)
Gollwitz: Heule nur nicht gleich wieder.
Rosa: Ich kann nicht anders! Wenn ich nur das Heft sehe, muß ich schon weinen — gerade so wie beim Zwiebelschneiden, (ab nach rechts)
Gollwitz: Nun, da siehst du, wie ich in den vier Wochen heruntergekommen bin; da sitze ich und lese einer albernen alten Person meine Jugend-Eseleien vor.
Neumeister: Das ist noch gar nicht so schlecht, Schwiegerpapa. Moliere hat ja auch seine Stücke der Haushälterin vorgelesen, bevor er sie aufführen ließ; gerade das naive Urteil einer solchen Person —
Marianne (die bisher am Schreibtisch in einem Buch geblättert und gelesen hat, plötzlich aufschreiend): Ach, das ist zu stark. (wirft die Blumen, die sie in der Hand hielt, in den Aschbecher)
Gollwitz und Neumeister (springen auf gleichzeitig): Was gibt's denn? Was hast du denn?
Marianne (zwischen beide tretend, Gollwitz das Buch hinhaltend): Papa, kann man sich auf den Menschen, der das Buch da geschrieben hat, verlassen?
Gollwitz (das Titelblatt ansehend): „Balzac?" (lächelnd) Na, ich denke doch.
Marianne (zu Neumeister): So? Mein Herr, dann sind Sie ein ganz niedriger Charakter.
Neumeister: Wie?
Marianne: Hier steht's — bitte, lesen Sie!
Neumeister (liest): „Jede Braut würde — wenn sie das Vorleben ihres Bräutigams erführe — noch am Tage der Hochzeit vom Altar zurücktreten" —
Marianne: Also, was hast du für ein Vorleben?
Neumeister: Aber Marianne — ?
Marianne: Papa, was hat er für ein Vorleben?
Gollwitz: Aber Kind!
Marianne (kopierend): „Aber Marianne, aber Kind" — damit kommt Ihr mir nicht los. Hier ist der Roman von Balzac! Gestehe also!
Neumeister: Wenn ich aber doch nichts zu gestehen habe ...
Marianne: Wie käme der Mann denn zu solchen Behauptungen?
Neumeister: Der hat mich eben nicht gekannt.
Marianne: Na, wir werden ja sehen, ob du zu Hause auch so frech bist; — du denkst, weil du hier Papa zum Schutz hast. — Adieu, Papa!
Gollwitz: Willst du denn schon gehen?
Neumeister: Marianne, so höre doch. Marianne: Bitte, wir sprechen uns zu Hause aus. Neumeister: Das kann hübsch werden.
Gollwitz: Das muß ich sagen, da erzählt Ihr mir immer von Eurem häuslichen Glück, und so oft Ihr zu mir kommt, zankt Ihr Euch.
Marianne: So? Willst du jetzt vielleicht auch noch seine Partei nehmen? (weinerlich) Ach, wenn nur Mama schon hier wäre! — Wenn sie kommt, erzähle ich ihr alles. — Adieu! (geht zur Tür)
Neumeister: Kind, ich komme ja mit.
Marianne: Bitte, das ist durchaus nicht nötig, (ab durch die Mitte)
Neumeister: Papa, ich will dir keine Vorwürfe machen, aber, wenn ich mal eine Tochter habe, die erziehe ich anders, meinem Schwiegersohn passieren solche Sachen nicht, (ab durch die Mitte)
Gollwitz: Das soll mir eine Warnung sein, der Balzac wird versteckt; denn wenn der meiner Frau in die Hände fällt, die wäre am Ende imstande, mir auch eine Szene zu machen, (ab rechts mit dem Buch)
5. SzeneRosa — Striese
Rosa (mit Striese durch die Mitte): So, bitte treten Sie nur hier ein; der Herr Professor ist zu Hause; ich habe ihm schon gesagt, daß Sie hier waren.
Striese (spricht im sächsischen Dialekt): Nu, das ist ja sehr schön, da danke ich Ihnen auch ganz ergebenst, mein Fräulein.
Rosa: Ich werden Sie gleich melden.
Striese: Nee, nee, bitte, warten Sie noch 'nen kleinen Augenblick, (legt Hut, Überzieher und Schirm auf einen Stuhl im Hintergrund, erscheint im Frackanzug) ich muß mich erst in Positur werfen. So, so. Und nun haben Sie die große Güte und sagen Sie dem Herrn Professor: Der Theaterdirektor Emanuel Striese ließe ganz gehorsamst um die Ehre bitten ...
Rosa: Herrgott! Sie sind der Theaterdirektor!
Striese: Ja. Nicht wahr, da staunen Sie. Ich bin gerade dabei, den Herren Honoratioren meine Besuche zu machen. Sagen Sie mal, mein schönes Fräulein, geht denn Ihre Herrschaft ins Theater?
Rosa: Ach, bewahre! Seit ich hier im Dienst bin, ist noch keiner aus dem Haus ins Theater gekommen.
Striese: Was Sie sagen! — Und wie lange sind Sie denn schon hier im Dienst?
Rosa: Zu Micheli werden's zehn Jahre.
Striese: Ei, du blaues Donnerwetter, du, — wie ist denn das nur möglich?
Rosa: Die Madame erlaubt's nicht.
Striese: Und sollte man den Herrn Professor denn gar nicht ein bißchen für die Kunst interessieren können?
Rosa: Den wohl; der hat sogar selbst ein Stück geschrieben.
Striese (interessiert): Ah!
Rosa: Dort auf dem Schreibtisch liegt's. Ich sage Ihnen, das ist ein Stück, das ist ein Stück! So was aus der alten Zeit.
Striese: Nu, hören Sie. Hat er's denn schon irgendwo aufführen lassen?
Rosa: Gott bewahre. Außer mir kennt's kein Mensch.
Striese: Ei, Herrjeses, das wäre Butter auf meine Bemme!
Rosa: Wie?
Striese: Hören Sie, liebes Fräulein, der Herr Professor ist wohl so einer von die Ersten hier in der Stadt?
Rosa: Das will ich meinen; — wenn der über die Straße geht, den grüßen alle Jungens.
Striese: Nu, so was. (überlegend) Hm, hm. hm!
Rosa: Was haben Sie denn?
Striese: Nee. nee. nee. horchen Sie nur gar nicht hin! Es geht mir nur so eine Idee durch den Kopf.
Rosa: Ich werde dem Herrn Professor sagen, daß Sie hier sind. (ab rechts)
Striese: Das ist recht, — das ist recht. Sagen Sie's ihm. (für sich) Striese, jetzt könntest du zeigen, daß du ein Diplomat bist. Wenn ich denke wie wir voriges Jahr in Königsroda das Stück von dem Telegraphenbeamten gegeben haben — es war, weiß Gott, das reine Blech — aber das Theater war bumsdicke voll. Nu ja, wenn einer aus der Stadt ein Stück schreibt, auf so was laufen die Leute immer. Meine Frau hat's hernach noch zum Abschiedsbenefiz gegeben, und's war auch wieder ausverkauft. Zwei ausverkaufte Häuser! Das soll dem Telegraphenbeamten in Königsroda erst einer nachmachen, nicht einmal der Goethe bringt das fertig, und das ist doch gewiß ein Tausendsapermenter als Dichter.
6. SzeneStriese — Gollwitz
Gollwitz: Sie wünschen mich zu sprechen, Herr---------?
Striese: Striese, Emanuel Striese, ganz ergebenst aufzuwarten, Herr Professor.
Gollwitz: Und womit kann ich Ihnen dienen? — (zum Sitzen einladend)
Striese (sich setzend): Oh, bitte ganz ergebenst, von „Dienen" kann
gar keine Rede sein, Herr Professor. Ich wollte mir nur erlauben,
mich vorzustellen. Ich bin der Theaterdirektor. Ich stehe eben im Begriffe,
die hervorragenden Persönlichkeiten der hiesigen Stadt eigenhändig zum
Abonnement einzuladen. Sie haben mir auch schon alle zugesagt, (an
den Fingern herzählend) Da ist einmal der Herr Kreisrichter ...
(stockt) ... der Herr Kreisrichter kommt nämlich ganz gewiß ...
dann ... (stockt) ... Also, wie gesagt, der Herr Kreisrichter
... und dann ... wären neben dem Herrn Kreisrichter noch drei sehr schöne
Sitze, die ich eigens für den Herrn Professor und die werte Familie
reserviert habe —
Gollwitz: Es tut mir wirklich leid, aber wir gehen eigentlich nie ins Theater.
Striese: Bei mir werden Sie eine Ausnahme machen, und Sie werden's nicht zu bereuen haben. Da ist zum Beispiel gleich unsere Eröffnungsvorstellung „Hasemanns Töchter" von L' Arronge. das geht wie geschmiert; wie spielen's ohne Souffleur.
Gollwitz: Wahrhaftig?
Striese: Das ist eine virtuose Leistung, besonders von mir und meiner Frau; uns beide können Sie mitten in der Nacht aufwecken, so spielen wir „Hasemanns Töchter", und was mein übriges Personal anbelangt, so kann ich mir wohl ohne Übertreibung schmeicheln, es sind Künstler dabei — alle Hochachtung! Mein erster Liebhaber zum Beispiel, der ist aus einem sehr feinen Haus entsprungen: wenn Sie den sehen, glauben Sie, Sie haben einen Prinzen vor sich.
Gollwitz (gelangweilt): So, so!
Striese: Sehen Sie, das ist überhaupt sozusagen eine Spezialität von mir, junge Talente ausfindig zu machen. Ebenso ist es mit den Herren Autoren: — bei mir sind eine ganze Menge Stücke zuerst auf die Bühne gekommen, — die jetzt in allen Hoftheatern gegeben werden. Da war erst neulich in Königsroda ein höherer Beamter, der mir sein Erstlingswerk anvertraut hat.
Gollwitz: Nun, und Sie haben es aufgeführt?
Striese: Freilich! Und gefallen hat's. — gefallen------. Ich kann Ihnen nur sagen, Herr Professor, sechs ausverkaufte Häuser haben wir damit gemacht. Meine Frau hat die Hauptrolle gespielt, davon sprechen die Leute heute noch in Königsroda. Übel ist den Leuten geworden — so voll war's; und jetzt geht das Stück über alle Bühnen. Der Verfasser hat ein heidenmäßiges Geld damit verdient. Er schreibt schon ein zweites.
Gollwitz: In der Tat?
Striese: Wie ich Ihnen sage. Aber nun, Herr Professor, will ich Sie nicht länger aufhalten, (steht auf)
Gollwitz (hält ihn zurück): Aber ganz und gar nicht, lieber Direktor, erzählen Sie nur weiter.
Striese: Nee, nee. ich habe schon viel zu lange gestört, und da Sie sich ja eigentlich gar nicht für das Theater interessieren ---------
Gollwitz: Nun — vielleicht doch. Ich habe nämlich — einen Freund, der auch ein Stück geschrieben hat.
Striese: Ist es die Möglichkeit! (beiseite) Beißt schon.
Gollwitz: Ich habe das Manuskript zufällig hier liegen (zeigt auf den Schreibtisch) — es ist eine Römertragödie.
Striese: Herrjeses, Herr Professor, das wäre so was für mein Theater. Die römischen Tragödien, auf die sind wir nämlich eingefuchst. Könnte ich vielleicht einmal einen Blick — (greift nach dem Manuskript)
Gollwitz (hält das Manuskript zurück): Ja, ich weiß wirklich nicht...
Striese: Auf mich können Sie sich verlassen, ich bin verschwiegen, sagen Sie mir wenigstens, wie das Stück heißt.
Gollwitz: „Der Raub der Sabinerinnen."
Striese: „Der Raub der Sabinerinnen." — Ei verflixt — das ist ein ganz kolossaler Titel.
Gollwitz: Meinen Sie?
Striese: Na, ob und wie. Das sehe ich schon so gedruckt auf dem Theaterzettel. „Der Raub der Sabinerinnen." Da werden die Leute stürzen, denn das ist was für's Publikum! Da seh' ich den Kreisrichter schon sitzen ------------- Das Stück müssen Sie mich lesen lassen, ich nehme es gleich mit, morgen früh haben Sie es wieder.
Gollwitz: Lieber Direktor, das geht nicht! — Das Stück gehört nicht mir, ich darf es nicht aus der Hand geben.
Striese: Schön, Herr Professor, darüber werden wir uns auch noch nicht streiten, da lese ich es gleich hier, — das heißt, mit Ihrer gütigen Erlaubnis.
Gollwitz: Aber...
Striese: Nee, nee, da gibt's nun gar kein Gefitze mehr, ich setze mich da ganz still in ein Eckchen, in einem halben Stündchen habe ich es ausgelesen.
7. SzeneVorige— Rosa— (dann) Gross
Rosa (durch die Mitte): Herr Professor, ein Herr ist draußen, Carl Groß aus Berlin.
Gollwitz: Ich kenne keinen Carl Groß. Was will er denn?
Rosa: Er sagt, er wäre ein alter Freund vom Herrn Professor.
Gollwitz: Hast du gesagt, daß ich zu Hause bin?
Rosa: Freilich, ich dachte---------
Gollwitz: Dann laß ihn nur eintreten.
Rosa (ab)
Gollwitz: Lieber Direktor, bitte gehen Sie einstweilen da in mein Wohnzimmer; Sie können ja das Manuskript mitnehmen und drinnen lesen.
Striese: Natürlich, Herr Professor, bitte tun Sie nur, als ob ich hier zu Hause wäre, (im Abgehen nach links wohlgefällig auf das Manuskript klopfend) Das Stück wird gegeben, und wenn es noch schlechter wäre als dem Telegraphenbeamten seines. (ab rechts)
Gross (durch die Mitte): Guten Tag, lieber Professor, ich habe nicht viel Zeit, aber da bin ich.
Gollwitz (beiseite): Den kenne ich ja gar nicht.
Gross: Das heißt Wort halten, was?
Gollwitz: Allerdings, allerdings, indessen — Sie entschuldigen wohl, — ich bin ein wenig zerstreut — ich muß aufrichtig gestehen ------
Gross: Ich glaube wahrhaftig, Sie kennen mich nicht mehr------
Gollwitz: Ja, wenn ich ganz aufrichtig sein soll ...
Gross: Aber ich bin doch der Weinhändler Carl Groß aus Berlin.
Gollwitz: Ach so, ja, —ja — hm, hm (beiseite) keine Ahnung!
Gross: Vor zwei Jahren, als Sie auf einen Tag in Berlin waren, haben wir doch den ganzen Abend nebeneinander im Theater gesessen.
Gollwitz: Richtig, ja, im Wallnertheater.
Gross: I bewahre, im Reichshallen-Theater. Erinnern Sie sich denn nicht mehr an den dressierten Ochsen?
Gollwitz: Oh natürlich — entschuldigen Sie nur, daß ich Sie nicht gleich erkannt habe.
Gross: Sie haben mir damals doch so viel erzählt von dem Nest hier und von Ihrer Frau und von den beiden Töchtern, und wenn ich einmal durchkomme, soll ich Sie besuchen. Na, nun komme ich durch — nun besuche ich Sie. Aber wenn es Ihnen vielleicht unangenehm ist, dann kann ich ja wieder gehen.
Gollwitz (ihn zurückhaltend): Aber ich bitte Sie, Herr Groß, nehmen Sie doch Platz; ich bedaure nur, daß meine Frau nicht anwesend ist, sie ist mit meiner Tochter im Seebad.
Gross: Mit Marianne?
Gollwitz (befremdet): Nein, mit Paula.
Gross: Also mit der jüngeren. Die ältere war ja damals ein bißchen bleichsüchtig; hat sich das gegeben?
Gollwitz (wie oben): Oh, ich danke, ja, sie ist jetzt verheiratet. — (beiseite) Was ich dem Menschen alles erzählt haben muß.
Gross (schreit ihn an): Glücklich?
Gollwitz: Außerordentlich! – Die jungen Leute leben wie die Tauben miteinander.
Gross (schlägt auf den Tisch und springt auf): Da soll doch das Wetter dreinschlagen —
Gollwitz: Erlauben Sie ---------
Gross: Was andere, Leute für ein Glück mit ihren Kindern haben, und ich —?
Gollwitz: Sie haben wohl Unglück mit Ihren Kindern?
Gross: Hören Sie, Professor, jetzt wird's mir zuviel. Sie tun ja, als ob ich Ihnen die Geschichte noch gar nicht erzählt hätte.
Gollwitz: Ach ja, ich besinne mich — Ihr Fräulein Tochter------
Gross: Was, Tochter, ich habe gar keine Tochter — aber mein Sohn Emil, — der Schlingel!
Gollwitz: Richtig, richtig, der Schlingel.
Gross: Genauso ist's mit ihm gekommen, wie ich es Ihnen damals gesagt habe.
Gollwitz: Ah, das überrascht mich.
Gross: Wie kann Sie denn das überraschen, es konnte gar nicht anders kommen. Nichts lernen wollen, — den ganzen Tag herumbummeln, — Schulden machen, — Liebschaft, — leichtsinniges Frauenzimmer, — was war das Ende vom Lied? — Durchgebrannt! Na — mein Sohn ist er — gewesen!
Gollwitz: Aber ich bitte Sie, ein junger Mensch---------
Gross: Was? Wollen Sie den Burschen vielleicht noch in Schutz nehmen? Dann will ich Ihnen einmal die Geschichte von A bis Z erzählen. Setzen Sie sich nieder.
Gollwitz (seufzend): Ach du lieber Gott!
Striese (sieht zur Tür heraus, das Manuskript in der Hand): Herr Professor, Herr Professor!
Gross: Was ist denn das wieder für eine Störung?
Gollwitz: Entschuldigen Sie nur "einen Augenblick, (zu Striese tretend) Was wollen Sie denn?
Striese: Nehmen Sie es nur nicht ungütig, aber ich halte es da drinnen wahrhaftig nicht mehr aus vor Freude.
Gollwitz: Haben Sie denn schon gelesen?
Striese: Ja, den ersten Akt habe ich hinter mir. — Das ist geradezu ein großartiges Gemälde menschlicher Leidenschaften, und die Sprache, die Sprache! —
Gollwitz: Sie glauben also wirklich, daß man es aufführen könnte?
Striese: Eine wahre Affenschande ist es, Herr Professor, daß so ein Stück im Schreibtisch liegt. — So was gehört aufs Theater, — auf mein Theater.
Gollwitz: Ja, aber —
Gross (hat bis jetzt Zeichen der Ungeduld gemacht und springt nun auf): Wenn Sie wichtigere Geschäfte haben, kann ich ja gehen.
Gollwitz: Bitte, bitte, ich stehe sofort zu Diensten (zu Striese) Lesen Sie nur erst die anderen Akte, die sind noch schöner —
Striese: Nee, Herr Professor, Ihr Wort in Ehren, aber das glaube ich Ihnen nicht. Noch schöner als der erste Akt, das ist ja geradewegs ein Ding der Unmöglichkeit. (im Abgehen beiseite) Den hab' ich, den hab' ich! (ab)
Gollwitz: Also, ich bitte, Herr Groß.
Gross: Bis wohin hatte ich Ihnen denn die Geschichte damals in den Reichshallen erzählt?
Gollwitz: Verehrter Herr, ich muß gestehen, mir ist inzwischen so vielerlei durch den Kopf gegangen —
Gross (ärgerlich): Da bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen die ganze Geschichte noch einmal zu erzählen.
Gollwitz {jämmerlich): Lieber Gott!
Gross: Um es also kurz zu machen: Meine Frau ist eine geborene Quisenow. Gott, ich war ein junger Mensch, und sie hatte eigentlich so gut wie nichts, als ich sie im Jahre 48 heiratete.
Gollwitz (jammernd) 48, und jetzt haben wir 84!
Gross: Ja, ja! Die Zeit vergeht. — Wie nun unser ältester Junge geboren wurde ------
Gollwitz: Dieser entsetzliche Emil?
Gross: Ach, keine Idee — da kommen doch erst der Fritz und der Paul dazwischen. Emil ist der Jüngste.
Striese (von links): Meine Herren, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, nur eine einzige Zwischenfrage möchte ich mir erlauben.
Gollwitz: Was wollen Sie denn?
Striese: Steht denn hier in der Stadt überhaupt Militär?
Gollwitz: Wieso?
Striese (leise, vertraulich): Weil da zum zweiten Aktschluß der große Einzug der Priester vorgeschrieben ist. Da brauche ich doch wenigstens meine sechs bis acht Mann Soldaten dazu.
Gollwitz: Soldaten?
Striese: Es läuft freilich höllisch ins Geld, man muß jedem zwanzig Pfennige geben und ein Galeriebillet auch noch für den weiblichen Anhang, aber lieber Gott, das Publikum ist eben durch die Meininger so verwöhnt, da darf man sich nicht lumpen lassen.
Gross: Hören Sie, verehrter Herr Professor, jetzt reißt mir aber die Geduld.
Gollwitz: Wie?
Gross: Da sprengen Sie mich eigens von Berlin hierher, und dann lassen Sie mich hier stehen und kümmern sich gar nicht um mich?
Gollwitz: Ich bin eben ein bißchen beschäftigt — ich —
Gross: Glauben Sie, ich habe nichts zu tun? Ich muß wieder weiter, um halb acht Uhr mit dem Courierzug.
Gollwitz: Ach wie schade!
Gross: Ja, wenn's Ihnen noch so leid tut — ich kann Ihnen nicht helfen — das Geschäft vor allem. Aber, wenn ich von der Messe zurückkomme, dann bleibe ich ein paar Tage hier, da werden wir hoffentlich ungestört sein.
Gollwitz: Gewiß, gewiß!
Gross: Vergessen Sie bis dahin nicht wieder, was ich Ihnen heut' erzählt habe, sonst müßte ich noch einmal von vorn anfangen.
Gollwitz: Ach nein — alles, nur das nicht.
Gross: Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin — erzählen Sie ihr aber vorläufig gar nichts von meinem Emil, ich möchte die Sache gern diskret behandelt wissen, (ab)
Gollwitz: Herr, du meine Güte, ist das ein Mensch! (ruft zur Tür hinaus) Rosa! Rosa!
8. SzeneVorige — Rosa
Rosa (durch die Mitte): Herr Professor?
Gollwitz: Wenn der Herr, der eben fortgegangen ist, jemals wiederkommt, so sagst du ihm, ich wäre nicht zu Hause, ich wäre verreist, ich hätte mich einer wissenschaftlichen Expedition nach dem Nordpol angeschlossen.
Rosa: Schön, Herr Professor, (ab)
Striese (hat wieder im Vordergrund im Manuskript geblättert): Herr Professor, dafür lege ich meine Hand ins Feuer: Das dahier ist ein Aktschluß von großartiger Wirkung. Wie da im Vordergrund jeder einzelne Römer eine verzweifelte Sabinerin im Arm hält, während in der Mitte der König Titus Tatius mit einem schrecklichen Fluch die Fäuste gen Himmel reckt und ganz im Hintergrund der Mond auf die Geschichte herunterschaut! — Da möchte ich doch gleich eine ganze Sonntagseinnahme gegen einen einzigen Neugroschen verwetten, daß die Leute, wenn sie nach Hause gehen, sagen werden: So was haben wir, weiß Gott, auf unserm Theater noch nicht erlebt.
Gollwitz: Ja, das liest sich vielleicht ganz hübsch, aber wer weiß, wie es auf der Bühne wirkt.
Striese: Nu, seien Sie so gut, dafür bin ich jetzt gerade 25 Jahre Theaterdirektor; wenn ich ein Stück lese, dann stellt sich vor meinem geistigen Auge gleich alles in dramatischen Formen dar.
Gollwitz: Nun denn, lieber Direktor, ich will Ihnen reinen Wein einschenken. Das Stück ist nicht von einem meiner Freunde, — es ist von mir selbst.
Striese (ihm schalkhaft drohend): Ob ich mir's nicht gleich gedacht habe, Herr Professor? Mir macht keiner seine Fisematenten vor.
Gollwitz: Nun werden Sie begreifen, daß bei meiner Stellung als Schulmann und bei meinen Familienbeziehungen in der Stadt an eine Aufführung dieses Stücks gar nicht zu denken ist.
Striese: Aber, Verehrter, Sie brauchen sich ja am Ende gar nicht als Verfasser auf dem Zettel zu nennen; da machen- wir einfach drei Sternchen und wenn mich einer danach fragt, so sage ich eben, das Stück ist von einer hervorragenden, aber ungenannt sein wollenden Persönlichkeit hiesiger Stadt.
Gollwitz: Nein, darauf kann ich mich unmöglich einlassen, es käme schließlich doch heraus, schon durch die Schauspieler.
Striese: Da können Sie nun ganz unbesorgt sein; auf meine Leute kann ich mich verlassen. Da gibt's gar kein Getratsche; dafür sorgt schon meine Frau.
Gollwitz: Frau? (beiseite) Alle Wetter, da fällt mir meine eigene Frau ein — wenn die erführe — (laut) Nein, mein lieber Direktor, schlagen Sie sich die Sache aus dem Kopf, es geht absolut nicht.
Striese: Herr Professor, machen Sie einen armen Theaterdirektor nicht unglücklich. Und Sie selber! Bedenken Sie nur, was Sie für ein schönes Sümmchen Geld dabei verdienen können. Wenn wir es erst aufgeführt haben, dann wird's auf allen großen Theatern gegeben, und dann schneit es Ihnen die Hundertmarkscheine nur so zum Fenster herein.
Gollwitz (zögernd): Wenn es aber nicht gefällt?
Striese: Von Nichtgefallen kann bei dem Stück überhaupt nicht die Rede sein. Übrigens können Sie mir nach der letzten Probe immer noch sagen: Striese, es ist nichts, ich nehme mein Stück zurück.
Gollwitz: Allerdings, wenn Sie mir diesen Weg zum Rückzug offen lassen und mir tiefste Verschwiegenheit geloben, dann wäre ja am Ende gar nichts riskiert dabei, und dann könnte ich mich vielleicht entschließen ...
Striese: Nee, Sie sind schon entschlossen, Herr Professor, das sehe ich Ihnen an der Nasenspitze an; — schlagen Sie ein, die Sache ist abgemacht.
Gollwitz (einschlagend)
Striese: Ich gebe es gleich zur Eröffnungsvorstellung.
Gollwitz: Das wäre ja schon in acht Tagen?
Striese (sich den Überzieher anziehend): Freilich, am sechsten September.
Gollwitz: Das wäre mir recht. — (beiseite) Solange bleibt meine Frau jedenfalls noch in Heringsdorf, (laut) Können Sie denn die Rollen auch gut besetzen?
Striese (das Manuskript unter dem Arm, Hut in der Hand): Na, seien Sie so gut, Herr Professor, da haben wir schon ganz andere Stücke besetzt. Und das sage ich Ihnen gleich: Den König Titus Tatius gebe ich selber, schon wegen der künstlerischen Verkörperung des königlichen Anstands. Meine Frau spielt die Virginia, da werden Sie Ihre Freude erleben. Die Rolle ist ihr sozusagen auf den Leib geschrieben.
Gollwitz: So, so!
Striese: Sehen Sie, da habe ich gerade ein paar Bilder von ihr. (zieht aus der Rocktasche einige Photographien) Da ist sie als „Maria Stuart" — da als „jüngster Leutnant" und hier als „schöne Helena." Da ist sie am besten getroffen; wenn Sie gütigst erlauben, lasse ich Ihnen das Bild zum Andenken hier. (er stellt das Bild mit vieler Umständlichkeit so auf den Schreibtisch, daß es dem Publikum im Auge bleiben muß) Und nun empfehle ich mich, Herr Professor. Es bleibt doch bei unserer Verabredung, nicht wahr?
Gollwitz (gibt ihm die Hand): Ja; aber was Ihre Frau anbelangt, die „Virginia" ist doch eigentlich eine tragische Rolle.
Striese: I, das macht gar nichts. Die Frau hat eine staunenswerte Verwandlungsfähigkeit in sich, die Herren Kritiker vergleichen sie immer mit einem Chamäleon. Ich sehe sie schon vor mir, wie sie zum zweiten Aktschluß verzweiflungsvoll vor dem König Romulus auf die Knie stürzt, sich die Oberkleider vom Leibe reißt und ausruft: „In meines Unglücks Nacht blieb mir der feste Glauben. Du kannst das Leben mir, doch nicht die Ehre rauben." Ich habe die Ehre, (ab)
Gollwitz: Wenn die Sache nur verschwiegen bleibt, denn sonst ich hätte doch am Ende---- (wendet sich nach hinten)
9. SzeneGollwitz — Rosa
Rosa (eilig durch die Mitte): Herr Professor, Herr Professor, der hat ja unser Stück mitgenommen —
Gollwitz: Wer?
Rosa: Der Theaterdirektor — ich hab's doch gesehen, er hat es in der Hand gehabt.
Gollwitz: Unsinn, das wird irgendein anderes Buch gewesen sein.
Rosa: Nein, das war unser Stück, ich habe ganz deutlich den Kaffeefleck auf dem Umschlag gesehen.
Gollwitz: Aber wenn ich dir sage------
Rosa: Herr Professor, geben Sie sich keine Mühe, ich weiß alles, unser Stück wird aufgeführt, hier im Theater, von richtigen Schauspielern.
Gollwitz: Pst! Schreie doch nicht so!
Rosa (flüsternd): Soll es denn niemand wissen?
Gollwitz: Natürlich nicht. Daß du dich nicht unterstehst, auch nur eine Silbe zu verraten, keinem Menschen, und besonders meiner Frau nicht, wenn sie am Ende doch früher zurückkommen sollte, (beiseite) Ich werde ihr übrigens gleich schreiben, sie soll noch 14 Tage wegbleiben, (setzt sich zum Schreibtisch)
Rosa: Nein, nein, verlassen Sie sich nur auf mich, von mir soll keine Seele etwas erfahren. Sehen Sie, Herr Professor, noch gestern beim Teppichklopfen ist es mir eingefallen. — Ach Gott, hab' ich mir gesagt, wenn die Madame zurückkommt, ist es aus mit der schönen Zeit. Ich werde es nie vergessen, Herr Professor, (gerührt) wenn Sie abends so dagesessen haben und gelesen und gelesen und mir sind immer die dicken Tränen heruntergekullert, und dann habe ich noch die ganze Nacht davon geträumt, es war zu schön! ...
Gollwitz (schreibend, ohne auf Rosa zu hören): Wenn ich nur einen glaubwürdigen Vorwand wüßte, um meine Frau noch so lange hinzuhalten! — Ah, das wird gehen! (schreibt eifrig fort)
Rosa: Aber eines steht fest: wenn das Stück hier im Theater gegeben wird, muß ich dabei sein. Und wenn mich die Madam' nicht hinlassen will, dann lauf ich ohne Erlaubnis fort, und wenn sie mich am nächsten Tag wegjagt, dann tröste ich mich mit den schönen Worten aus unserem Stück: „Und ist dein Zorn auch noch so hoch gestiegen, du kannst mein Herz wohl brechen — doch nicht biegen."
Gollwitz (hat fertiggeschrieben, gibt Rosa eine Korrespondenzkarte): So, Rosa, gib' diese Karte gleich auf die Post. Ich ziehe mir einen anderen Rock an und gehe ins Schützenhaus hinüber. (im Abgehen nach rechts beiseite) Ich will doch wenigstens sehen, wie die Bühne aussieht, (ab rechts)
Rosa (liest die Korrespondenzkarte): „Liebe Friederike, ich sitze hier einsam an meinem Schreibtisch bei einer Tasse Tee ---------"
10. SzeneRosa — Friederike — Paula
Friederike und Paula (im Reisekostüm, mit übergehängten Taschen, vielem Handgepäck und einigen Bouquets in der Hand, kommen durch die Mitte)
Friederike (hat die letzten Worte Rosas gehört): Rosa, was machst du denn da?
Rosa: Barmherziger Himmel! — Die Madame und das Fräulein! —
Friederike: Was hast du denn da gelesen?
Rosa: Ach Gott, es ist nur eine Postkarte vom Herrn an die gnädige Frau.
Friederike: Und das liest du? (reißt ihr die Karte fort)
Rosa: Nein, die gnädige Frau, so unerwartet. (jammernd) Was wird nur der Herr Professor dazu sagen?
Friederike: Wieso?
Rosa: Ich meine nur, weil wir uns schon so sehr nach Ihnen gesehnt haben.
Paula (hat ihr Handgepäck abgelegt): Wo ist denn Papa?
Rosa: Da drinnen, er wollte eben ins Schützenhaus gehen.
Friederike (erstaunt): Ins Schützenhaus?
Rosa: Ja wegen dem (sich besinnend) wegen dem Bier; er geht jeden Abend ins Schützenhaus wegen dem Bier.
Friederike: So, so? Hole jetzt unsere Koffer herauf, (legt ab)
Rosa: Schön, Madame! — (ab durch die Mitte)
Paula: Ich will Papa gleich sagen, daß wir hier sind.
Friederike: Nein, bleib nur; wir wollen ihn hier überraschen.
Paula: Der gute Papa wird Augen machen! Jetzt, wo er eben an dich geschrieben hat----
Friederike (liest die Karte): „Meine liebe Friederike, ich sitze hier einsam an meinem Schreibtisch bei meiner Tasse Tee — (stockt, sieht Paula fragend an) es ist halb neun Uhr" —
Paula: Mama, es ist ja erst drei Viertel auf acht.
Friederike (weiter lesend): „Vor mir auf dem Schreibtisch steht dein Bild" ...
Paula (findet auf dem Schreibtisch das Bild, das Striese dorthin gestellt hat, sieht es an, erschrickt): Ah! (steckt das Bild in die Tasche)
Friederike: Was hast du denn?
Paula (unschuldig): Ach, nichts.
Friederike (weiter lesend): „Die kleinen Blümchen, die ihr mir geschickt habt, stehen vor mir im Wasserglas" —
Paula (indigniert): Mama, die Blümchen liegen ja hier im Aschbecher.
Friederike (beiseite): Das sind ja lauter Lügen. (weiter lesend) „Ich sehne mich sehr nach Euch, aber trotzdem bitte ich Euch dringend, noch einige Zeit in Heringsdorf zu bleiben. Wir haben nämlich kein Dienstmädchen im Hause."
Paula: Wie?
Friederike (weiter lesend, schnell): „Die arme Rosa hat einen herben Verlust erlitten. Ihre Tante in Insterburg ist am Kopftyphus gestorben: natürlich will sie am Begräbnis teilnehmen: wer könnte der Bedauernswerten diesen Wunsch versagen. Ich habe sie auf acht Tage beurlaubt, gestern abend ist sie abgereist."
Paula (entsetzt die Hände zusammenschlagend): Mama!
Friederike (in einen Stuhl sinkend): Entsetzlich!
11. SzeneVorige — Gollwitz
Gollwitz (schon hinter der Szene hörbar, tritt singend auf): So leben wir, so leben wir etc. (tritt ins Zimmer, sieht Friederike und Paula — erschrickt) Allmächtiger! Meine Frau! (mit übertriebener Freundlichkeit) Meine liebe Friederike, meine gute Paula! Ihr seid da? Das ist ja eine reizende Überraschung. Ich habe mich so sehr nach Euch gesehnt, eben habe ich noch eine Postkarte abgeschickt und Euch gebeten, recht bald zu kommen.
Friederike (drohend): Martin, ich habe deine Karte schon gelesen.
Gollwitz (beiseite) Oh weh! (laut) Du wirst doch nicht glauben —
Friederike: Ich glaube gar nichts! Aber soviel sage ich dir: E i n -m a l ins Bad und n i e w i e d e r! (ab)
Paula (tritt auf Gollwitz zu — zieht das Bild aus der Tasche): Und dabei hat Mama noch nicht einmal das Schlimmste gesehen, ich habe es dort auf dem Schreibtisch gefunden — das Bild hier — (zeigt ihm die Photographie)
GolLwitz: Ewige Götter! „Die schöne Helena."
Paula (mit mißbilligendem Kopfschütteln): Papa! Papa! Zweiter Akt(Wohnzimmer bei Neumeisters)
1. SzeneDoktor Neumeister — Auguste — Emil Sterneck
Neumeister (am Schreibtisch arbeitend)
Auguste (durch die Mitte, eine Karte abgebend): Ein Herr ist draußen!
Neumeister (lesend): Emil Sterneck, Schauspieler? (kopfschüttelnd) Auguste: Auf der andern Seite steht auch was.
Neumeister: Ach so! (wendet die Karte um und liest): „Hinter dem dir gänzlich unbekannten E. Sterneck verbirgt sich dein alter Kommilitone Emil Groß" — (freudig zu Auguste) Emil Groß? laß ihn gleich eintreten! — (Auguste ab, weiter lesend) „Der dich in Erinnerung an unsere vergnügte Studienzeit in Leipzig um eine wichtige Unterredung bittet."
Sterneck (durch die Mitte)
Neumeister (auf ihn zueilend): Junge, ist es denn möglich? Du, mein flotter Leibfuchs, bist unter die Priester Thaliens gegangen?
Sterneck: Ja, Gott sei's geklagt! Gegenwärtig jugendlicher schüchterner Liebhaber, Naturbursche, Operettentenor und Regisseur bei der Direktion Emanuel Striese.
Neumeister: Wie bist du denn dahin gekommen?
Sterneck: Wie man zu allen Dummheiten kommt, — durch eine glückliche Vereinigung von Liebe und Leichtsinn----------du weißt ja, daß ich damals in die Tochter unseres Rektors verliebt war. Wir tauschten dreiviertel Jahr lang Briefe, Händedrücke und schließlich sogar Küsse.
Neumeister: So weit war die Geschichte, als ich von der Universität abging.
Sterneck: Und weiter ist es auch nicht gekommen. Ich war nur ihre erste Liebe, sozusagen, der Chambregarnist in ihrem Herzen, auf 14tägige Kündigung. Eines Tages wurde ich hinausgeworfen, ein Rechtsanwalt zog ein, und der wohnt heute noch darin, mit Familie, denn sie hat ihn geheiratet und ihm zwei Kinder geschenkt.
Neumeister: Und du?
Sterneck: Ich verliebte mich aus Verzweiflung in eine kleine Schauspielerin.
Neumeister: So seid Ihr alle! — Eine Liebesgeschichte nach der anderen. Da kann ich mich natürlich nicht wundem, wenn meine Frau mich unausgesetzt quält, ich soll ihr meine Jugendstreiche erzählen.
Sterneck: Und nun komme ich zu der traurigen Geschichte, aus der du mich herausziehen sollst: Die Belege dazu werde ich dir aus dieser Mappe ordnungsgemäß vorlegen. — Also jene kleine Schauspielerin war ein reizendes Wesen, siehe Beilage A. (zieht eine Photographie aus der Mappe) Hier ist ihr Bild!
Neumeister: Ah! (betrachtet es)
Sterneck: Mit blauen Augen und rabenschwarzen Locken. Beilage B. (zieht eine lange schwarze Locke aus der Mappe)
Neumeister: Oh!
Sterneck: Wir lernten uns eines schönen Sommerabends kennen, und sie schenkte mir eine Rose als Symbol ihrer jungfräulichen Neigung. Beilage C. (wie oben)
Neumeister: Sehr sinnig!
Sterneck: Als wir den ersten seligen Kuß tauschten, schenkte ich ihr zum ewigen Angedenken einen Ring. Beilage D. (putzt ihn am Rockärmel) Sieht aus wie Gold.
Neumeister: Du hast ihr das ewige Andenken also wieder weggenommen?
Sterneck: Um es zu den Akten meines Romans zu legen. — Was mich aber am schwersten drückt, ist Beilage E. (wie oben) Hier, dieses Paket Rechnungen.
Neumeister: Unbezahlt?
Sterneck: Leider! — Papa wollte kein Geld mehr schicken. — Darüber grämte sich meine Angebetete so tief, daß sie mir schrieb, wir müßten uns trennen, sie wolle ins Kloster gehen. Später erfuhr ich, daß sie sich die Beilage B (ergreift die Locke) eidottergelb gefärbt habe und in Stargard als Boccaccio unerhörte Triumphe feiere.
Neumeister (schüttelt ihm die Hand): In Stargard — das ist schmerzlich.
Sterneck: Das übrige kannst du dir leicht denken. — Ich versilberte meine goldene Uhr — hier ist der Pfandschein, und lief aus Verzweiflung zum Theater. Da habe ich mich bald überzeugt, daß ich keine Spur von Talent besitze, und nun bin ich das Zigeunerleben satt und übersatt und möchte mich sobald als möglich mit meinem Vater aussöhnen. Meine Briefe schickt er uneröffnet zurück, aber auf dich hält er große Stücke, denn du warst ja immer der Solideste und Tugendhafteste von uns allen — und wenn du ihm also schreiben wolltest —
Neumeister: Aber gewiß, mein Junge, das will ich sofort tun. Ich schicke ihm die Mappe mit einem vernünftigen Brief, und du legst einige reuevolle Zeilen bei. (legt die verschiedenen Beilagen in die Mappe und schließt dieselbe in seinen Schreibtisch)
(Beide stehen auf)
Sterneck: Die will ich sofort schreiben, ich bringe sie dir noch heute.
2. SzeneVorige — Marianne (Straßentoilette, von links)
Neumeister: Ah, da ist meine Frau! — Liebe Marianne, ich stelle dir hier Herrn Emil Groß vor, einen alten Freund aus meinen Studentenjahren.
Marianne (jetzt freundlich): Ein Jugendfreund meines Mannes? Das ist ja sehr interessant. Lieber Leopold, ich bitte dich, — drüben in meinem Zimmer liegt das letzte Heft von „Nord und Süd". Auguste soll es sofort zu meiner Mama bringen.
Neumeister: Schön, mein Kind. —Auf Wiedersehen, lieber Groß, (ab links)
Marianne (beiseite): Der soll mir die Wahrheit sagen. — (laut) Herr Groß, Sie müssen uns recht oft besuchen. Mein Mann plaudert zu gern von seiner Universitätszeit. Er hat mir schon die lustigsten Geschichten erzählt. Nun, Sie wissen es so gut wie ich, er hat es ein bißchen arg getrieben.
Sterneck (beiseite): Der? — So ein Renommist!
Marianne: Sie waren gewiß bei allen seinen Abenteuern?
Sterneck (renommierend): Meistens. — Nur manchmal, wenn es mir gar zu toll wurde ---
Marianne: Er hat also nicht übertrieben, wenn er mir gesagt hat, daß er in der ganzen Stadt als „Don Juan" gefürchtet und bekannt war?
Sterneck: Übertrieben? Gott bewahre. Im Gegenteil — ich sage Ihnen, gnädige Frau, über seine Streiche könnte man ein ganzes Buch schreiben.
Marlene (gezwungen lustig): Also wirklich! — Ach, wie mich das freut! Ich danke Ihnen auch noch vielmals für Ihre Mitteilungen. Und auf baldiges Wiedersehen! (gibt ihm die Hand) Nicht wahr?
Sterneck: Wenn Sie gestatten, gnädige Frau —!------(Verbeugung)
Eine lustige Frau! (ab)
Marianne: Es ist also doch so! — Jetzt muß er mir beichten!
3. SzeneMarianne — Neumeister (von links)
Neumeister: Liebes Kind, hier ist das Heft. — Soll ich es gleich wegschicken?
Marianne (reißt ihm das Heft aus der Hand): Du hast also gar nicht bemerkt, daß ich dich nur weggeschickt habe, um aus deinem Freunde endlich etwas über dein Vorleben herauszulocken.
Neumeister (vorwurfsvoll): Marianne!
Marianne: Freiwillig erzählst du mir ja nichts, trotz all' meiner Bitten.
Neumeister: Aber kommst du mir schon wieder mit dieser fixen Idee, mit der du mich nun schon seit vier Tagen quälst! —
Marianne: Es ist kein fixe Idee. Zuerst habe ich dich freilich nur halb im Scherz gefragt, aber seitdem habe ich es mir überlegt, und nun ist es mir bitterer Ernst. Wenn du mich doch nur begreifen wolltest! Ich bin ja nicht so kindisch, auf deine Vergangenheit eifersüchtig zu sein; aber ich habe dich zu lieb, um mich mit der Rolle einer Frau im gewöhnlichen Sinne zu begnügen. Ich will dein bester Freund, dein treuester Gefährte sein. Und darum verlange ich es, als mein gutes Recht, auch deine intimsten Geheimnisse kennen zu lernen, (weinerlich) Ich habe dir doch auch nichts verschwiegen.
Neumeister: Wenn ich aber gar keine Geheimnisse habe?
Marianne: Leopold, erleichtere dein Herz.
Neumeister: Aber ich täte es ja so gern.
Marianne: Lieber, einziger Leopold, tue es, tue es! O, ich habe dich oft beobachtet, wenn du glaubtest allein zu sein, wenn du so gedankenvoll vor dich hinsahst, als ob dich trübe Erinnerungen innerlich beunruhigten. — Siehst du, grade wie jetzt wieder! (ihn ansehend. Neumeister wendet sein Gesicht ab) Es ist ja auch ganz unmöglich, daß bei einem Mann, wie du es bist, das Leben so im Alltagsgeleise hingerollt sein sollte. Gestehe mir doch alles — und du wirst sehen, daß du an mir eine starke und treue Freundin hast. Bitte! Bitte!
Neumeister (feierlich): Versprichst du mir auch ganz fest, daß du mich dann mit der Angelegenheit in Ruhe lassen wirst?
Marianne: Ich verspreche es dir feierlich!
Neumeister: Gut, dann will ich dir die Geschichte erzählen, (geht zum Schreibtisch) Aber wirst du mir auch verzeihen können, Marianne?
Marianne (eifrig): Gewiß, gewiß!
Neumeister: Nun also (nimmt die Mappe aus dem Schreibtisch) — so höre!
Marianne (sich auf dem Sofa behaglich zurechtrückend): Jetzt kommt es, endlich!
Neumeister (mit der Mappe in der Hand, setzt sich zu ihr): Also: Als ich noch Student in Leipzig war, ging ich jeden Abend ins Theater —
Marianne (glücklich)'. Siehst du, davon hast du mir noch nie etwas gesagt, (küßt ihn)
Neumeister: Dort lernte ich eine hervorragende Schauspielerin kennen, — hier ist ihr Bild, (reicht Marianne die Photographie)
Marianne: Und für sie hast du geschwärmt — hast sie geliebt?
Neumeister (mit einem Seufzer): Unsäglich! — Sie schenkte mir eine Rose, — diese hier — (reicht ihr die Rose) und da ich mit leidenschaftlichem Ungestüm mehr forderte, schnitt sie sich auch noch eine Locke ab, — da hast du sie — (gibt die Locke)
Marianne: Du bist ein Engel! (küßt ihn)
Neumeister: Warte, es kommt noch besser. Im sinnlosen Taumel meiner verbrecherischen Liebe schenkte ich ihr einen goldenen Ring, den habe ich ihr aber wieder weggenommen; — hier ist er. (gibt den Ring)
Marianne: Du hast sie gewiß mit Geschenken überhäuft?!
Neumeister: Oh, aber sehr!
Marianne: Und hast Schulden gemacht?
Neumeister: Leider — hier hast du die Rechnungen — (gibt die Rechnungen) Alle unbezahlt. Schließlich habe ich sogar die goldene Uhr meines Großvaters versetzt, — hier ist der Pfandschein, (gibt den Schein)
Marianne: Der ist ja schon seit zwei Jahren verfallen. Machst du dir denn darüber gar keine Gedanken?
Neumeister: Ja, es drückt mich. Aber hin ist hin.
Marianne: Nun und weiter, weiter!
Neumeister: Ist dir denn das noch nicht genug?
Marianne: Die Sache muß doch ein Ende haben. Was ist denn aus dem Mädchen geworden?
Neumeister: Die Ärmste — sie nahm den Schleier!
Marianne: Und ihre Angehörigen? Hatte sie denn gar niemanden?
Neumeister: Richtig, doch — einen Onkel!
Marianne: Der dich zur Rechenschaft gezogen hat, mit dem du dich schlagen mußtest?
Neumeister: Ja, der Onkel, der gab keine Ruhe, der wollte durchaus Blut sehen. Ein merkwürdiger Mensch, dieser Onkel.
Marianne: Und das alles hast du bis jetzt still mit dir herumgetragen? Ein Charakter bist du, das muß wahr sein. (Umarmung)
4. SzeneVorige — Friederike — Paula
Paula (in der Mitteltür): Ha, ha, ha! Sieh nur, Mama! „Das häusliche Glück" — lebendes Bild, gestellt von Herrn und Frau Neumeister —
Friederike: Aber Paula!
Neumeister (leise): Die Mama! — Daß du ihr keine Silbe erzählst.
Marianne (ebenso): Ehrenwort, (laut) Liebe Mama, das ist schön, daß du kommst, (leise zu Friederike) Ich habe dir etwas sehr Wichtiges mitzuteilen, wir gehen in mein Zimmer.
Friederike (leise): Gut!
Neumeister: Na, liebe Schwiegermama, habe ich nicht recht gehabt mit Heringsdorf. Um zehn Jahre jünger.
Friederike: Schmeichler.
Marianne (leise zu Paula): Halte Leopold hier fest, ich muß mit Mama sprechen.
Paula (leise): Gut.
Friederike: Marianne, was macht denn Euer Papagei?
Marianne: Er steht in meinem Zimmer. Er hat schon wieder einige neue Worte gelernt.
Neumeister: Jetzt sagt er den ganzen Tag: „Gib mir ein Küßchen."
Friederike: Das muß ich einmal hören. Komm', Marianne.
Neumeister (ängstlich): Ich kann ihn ja holen.
Marianne: Ach wozu, — wir gehen hinüber, (nimmt die Mappe mit, Friederike und Marianne ab durch die Mitte)
Neumeister (sich ängstlich an sie anschließend): Auch gut, wir gehen hinüber. (will nach)
Paula (ihn zurückhaltend): Leopold, bitte, einen Augenblick — ich muß dich etwas fragen.
Neumeister: So, aber ich möchte------(will sich losmachen)
Paula: Nein, es ist wichtig.
Neumeister: Also ich bitte, schnell — was willst du?
Paula: Seit wir von Heringsdorf zurück sind, habe ich so merkwürdige Anfälle ------
Neumeister (ängstlich nach der Mitteltür blickend, zerstreut): So, so! (beiseite) Ich wette, Marianne erzählt ihrer Mutter die ganze Geschichte. —
Paula: Aber du hörst mich gar nicht an.
Neumeister (wie oben): O ja — sprich nur!
Paula: Fühle mal meinen Puls, (hält ihm den Arm hin) Bemerkst du nichts?
Neumeister: Nein.
Paula: Siehst du, wenn ich des Morgens aufgestanden bin und meinen Kaffee getrunken habe —
Neumeister: Na, was ist es denn dann?
Paula: Dann ist es noch nichts, aber nach dem Frühstück gehe ich gewöhnlich eine Stunde im Garten spazieren ...
Neumeister: Wenn dir das nicht bekommt, dann bleibe eben in deinem Zimmer.
Paula: Aber Leopold, der Spaziergang tut mir gerade gut.
Neumeister: Nun also ------ (will fort)
Paula (hält ihn fest): Aber gestern ist mir etwas Eigentümliches passiert: Eben bei meinem Spaziergang im Garten wollte ich mir eine Rose abschneiden.
Neumeister (erschreckt): Eine Rose? (erinnert sich wieder an die Mappe) — Beilage C. — Laß mich, ich muß zu meiner Frau. —
Paula (hält ihn fest): Da bekam ich plötzlich einen Schwindel und Herzklopfen, mir wurde ganz schwarz vor den Augen, als ob ich ohnmächtig werden sollte.
Neumeister: Ohnmächtig — ich hole dir Tropfen! (reißt sich los, ohne auf Paula zu achten, ab durch die Mitte)
Paula: Nein, jetzt nicht, bleib' hier, es kommt schon wieder. Ach, ach, ach! (sinkt, eine Ohnmacht fingierend, in einen Stuhl. Kleine Pause. Dann sieht sie sich vorsichtig um und bemerkt, daß sie allein ist — springt auf) Er ist mir wahrhaftig entwischt. Nun, ich habe meine Schuldigkeit getan. So ein herzloser Mensch, (hört Schritte von außen) Ach nein, ich habe ihm Unrecht getan, da kommt er wieder. Jetzt schnell wieder in Ohnmacht fallen. (wirft sich auf den Sessel und stöhnt) Ach, ach!
5. SzenePaula — Emil Sterneck
Sterneck (durch die Mitte, mit einem Brief in der Hand): So, da bringe ich — (bemerkt Paula) Was ist denn das? — Eine junge Dame — ? Die scheint krank zu sein? Wo ist denn ------? (sieht sich um und findet einen Refraichisseur) Ah hier, (tritt zu Paula und bespritzt sie mit dem Refraichisseur)
Paula (immer mit festgeschlossenen Augen, glaubt daß sie mit Neumeister spräche, gibt schwache Lebenszeichen, leise stöhnend): Ach, das tut wohl, — ich danke dir — noch mehr!
Sterneck (weiter spritzend, beiseite): Wie schön sie ist.
Paula (wie oben): Wasser, spritze mir ein wenig Wasser auf die Stirn.
Sterneck (suchend): Um Gottes willen, wo ist denn Wasser? (findet es) Gott sei Dank, (befeuchtet aus der Karaffe sein Taschentuch und netzt Paula die Stirn)
Paula: Wie gut du bist — bitte, auch ein wenig auf die Schläfen. (Sterneck tut es) So, so! Ach, das tut wohl.
Sterneck (der bis jetzt geflüstert hat. plötzlich ganz laut): Fühlen Sie sich schon besser, mein Fräulein?
Paula (beim Ton seiner Stimme die Augen öffnend, aufspringend, erschrocken ausrufend): Ach du lieber Gott — ein Fremder?
Sterneck: Verzeihen Sie, mein Fräulein, wenn ich Sie erschreckt habe, aber ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen zu Hilfe zu kommen.
Paula (verlegen): Ich danke Ihnen auch sehr, — aber ich glaubte — mein Schwager -----
Sterneck: Ich schätze mich glücklich, gerade so im rechten Augenblick gekommen zu sein, umso mehr, da meine ärztlichen Kenntnisse —
Paula: Sie sind Arzt?
Sterneck: Nein, mein Fräulein, aber ich habe ein paar Semester gleichzeitig mit meinem Freunde Neumeister Medizin studiert, — ich heiße Emil Groß.
Paula: Doktor Neumeister — ist mein Schwager.
Sterneck: Dann habe ich wohl' die Ehre, mit Fräulein Gollwitz, der Tochter des Professors ------
Paula: Ja, bitte erzählen Sie dem Papa nichts von meiner Ohnmacht.
Sterneck: Bewahre, Fräulein, ich habe natürlich sofort gemerkt, daß Sie sich nur mit irgendjemand im Hause einen kleinen Scherz machen wollten.
Paula: Wie?
Sterneck: Nun, die Ohnmacht vorhin war wohl nicht ernst gemeint?
Paula: Erlauben Sie, das war sehr ernst, ich habe diese Anfälle jetzt alle Tage.
Sterneck (beiseite): Die lügt recht geläufig.
Paula: Bitte fühlen Sie meinen Puls; wenn Sie etwas davon verstehen, müssen Sie doch erkennen, daß ich Fieber habe.
Sterneck: Gewiß, mein Fräulein, sogar sehr stark! (beiseite) Keine Spur!
Paula: Nun also!
Sterneck: Ja, ja, Fräulein, jetzt ist mir auch Ihr ganzer Zustand klar. Bevor die Anfälle kommen, haben Sie ein Sausen und Brausen in den Ohren, Flimmern vor den Augen, Hämmern im Kopf, nervöses Zucken in den Händen, dabei der eine Fuß eiskalt und der andere siedendheiß. Nicht wahr?
Paula: Ganz richtig. Das stimmt alles ganz genau. Und was raten Sie mir?
Sterneck: Aufrichtig?
Paula: Ganz aufrichtig — ich bin auf alles gefaßt.
Sterneck: Nun denn, mein Fräulein, ich rate Ihnen, sich eine andere Krankheit auszudenken.
Paula (entrüstet): Wie?
Sterneck: Sie müssen etwas mehr Sorgfalt auf die Erfindung der Symptome verwenden.
Paula (immer entrüsteter): Ah!
Sterneck: Ein Zustand, wie Sie ihn mir soeben geschildert haben, existiert überhaupt nicht oder wenigstens nur im Reiche der Phantasie.
Paula (patzig): Gott, verehrter Herr, Sie haben eben nicht zu Ende studiert! Bis zu meiner Krankheit sind Sie gar nicht gekommen.
Sterneck (lustig): Das wäre eine Möglichkeit. Und schon deshalb tut es mir leid, daß ich vom Lehrsaal auf die Bühne desertiert bin.
Paula (interessiert): Sie sind Schauspieler?
Sterneck: Das heißt, ich habe es mir eine Zeitlang eingebildet. Aber es war eine Täuschung. — Ich gebe es auf. Meine letzte Rolle wird wohl der „Markus" in dem Stück Ihres Herrn Papa sein.
Paula (überrascht): Was, Papa hat ein Stück geschrieben?
Sterneck (erschreckt beiseite): Alle Wetter — !
Paula: Und läßt es hier aufführen?
Sterneck (beiseite): O weh, das hätte ich nicht verraten sollen.
Paula: So sprechen Sie doch; — das interessiert mich sehr!
Sterneck: Nein, mein Fräulein, — entschuldigen Sie, — es war ein Mißverständnis, — ich habe mich versprochen.
Paula (beiseite): Ach so — ich soll nichts davon wissen.
Sterneck: Das Stück ist nicht von Ihrem Papa. — Wie käme der Herr Professor dazu — es ist nämlich — eigentlich -----
Paula: Ich weiß schon. (beiseite) Na warte! (laut) Sie meinen das alte Theaterstück, welches Papa in der fürstlichen Bibliothek gefunden hat?
Sterneck: Natürlich! das meine ich.
Paula: In dem es sich um die Christenverfolgung handelt — unter Ruma Pompilius.
Sterneck: Dasselbe. — Aber sagen Sie Ihrem Herrn Papa nichts.
Paula: Nein. Aber Sie müssen mir auch etwas versprechen.
Sterneck: Nun?
Paula (boshaft): Wenn Sie wieder einmal einer Professorstochter etwas vorlügen wollen, verwenden Sie ein bißchen mehr Sorgfalt auf die Zusammenstellung der Jahreszahlen. Denken Sie doch nur: — Christenverfolgung und — Ruma Pompilius, der schon 700 Jahre vor Christi Geburt gestorben ist!
Sterneck: Entsetzlich!
Paula: Grämen Sie sich nicht, jetzt sind wir quitt.
Sterneck: Das heißt, Fräulein, Sie bekommen eigentlich noch etwas heraus. (sich vor den Kopf schlagend) 700 Jahre!
Paula: Ja, ja, das kommt davon, wenn man nicht ausstudiert hat.
6. SzeneVorige — Gollwitz (durch die Mitte)
Sterneck (erschrocken): Der Professor.
Gollwitz: Ah, Herr Sterneck! — Was machen Sie denn hier?
Sterneck: Ich — ich habe einen Brief an den Doktor Neumeister abzugeben.
Gollwitz: So, so!
Paula: Mein Schwager ist in seinem Zimmer.
Sterneck: Dann erlauben Sie, daß ich mich empfehle. Die Sache hat sehr große Eile. (mit Verbeugung) Mein Fräulein — Herr Professor! (ab durch die Mitte)
Paula: Papa, ich finde es sehr unrecht von dir, daß du vor mir Geheimnisse hast.
Gollwitz: Wie?
Paula: Du weißt doch, daß ich immer zu dir halte.
Gollwitz: Aber Kind!
Paula: Gib dir keine Mühe, ich weiß alles.------ Du hast ein Theaterstück geschrieben und willst es aufführen lassen.
Gollwitz: Um Gotteswillen, Paula, nicht so laut. Wenn Mama uns hörte. Denke dir, sie hat seit vier Tagen noch kein freundliches Wort mit mir gesprochen.
Paula: Wie wir dich aber auch angetroffen haben bei unserer Rückkehr.
Gollwitz: Hat sie mit dir darüber noch gesprochen?
Paula: Keine Silbe.
Gollwitz: Ein unheimliche Frau. Siehst du, das trägt sie nun so tagelang mit sich herum, und da geht man immer in der Angst neben ihr her, und plötzlich, wenn man es sich am wenigsten versieht, bricht das Donnerwetter los. Tu' mir den einzigen Gefallen und laß mich so wenig als möglich mit ihr allein.
Paula: Papa ------- ist der „Markus" in deinem Stück eine schöne Rolle?
Gollwitz: Der „Markus"? Natürlich: Der hat eine wunderschöne Rede im zweiten Akt. Zum dritten ersticht er sich.
Paula: Da kommt er also nachher gar nicht mehr vor?
Gollwitz: Aber Paula, wenn er sich doch erstochen hat.
Paula: Ach, wie schade.
Gollwitz: Ich war gestern heimlich auf der Probe.
Paula: Und wie hat es dir gefallen?
Gollwitz: Kind, das weiß ich eigentlich nicht, denn ich kann dir sagen, ich habe vor Aufregung nichts gesehen und nichts gehört.
Paula: Du hast wohl rechte Angst?
Gollwitz: Freilich, ich schlafe schon keine Nacht mehr und gehe herum wie im Fieber und doch, wenn ich daran denke, daß noch etwas dazwischen kommen könnte — ich zittere bei der Idee.
Paula: Sage mir doch, ob der „Markus" ---------
Gollwitz: Pst! Da ist die Mama, (zu Friederike, die durch die Mitte eintritt) Nun, meine liebe Friederike!
7. SzeneGollwitz — Paula — Friederike
Gollwitz: Ich wollte mir die Freude machen, Euch abzuholen.
Friederike (kühl): Ich danke dir. Paula, geh' hinüber zu Marianne!
Gollwitz (macht ihr Zeichen, zu bleiben]
Paula: Aber Mama, schickst du mich schon wieder fort, ich habe doch den Papa so lange nicht gehabt.
Gollwitz: Ja, wir haben uns so lange nicht gehabt, (hängt sich in Paula ein)
Friederike: Geh' jetzt nur, ich habe mit Papa zu sprechen.
Paula (im Abgehen): Der arme Papa! (ab)
Gollwitz (beiseite): Jetzt geht's los.
Friederike: Lieber Martin, du weißt wohl, daß ich eigentlich noch einige Erklärungen von dir zu fordern hätte.
Gollwitz (unschuldig): Ja, Schatz, ich bin ja auch gern bereit...
Friederike: Nein, bitte, ich verzichte. Ich bin überzeugt, daß du dir seither die schönsten Lügen ausgedacht haben wirst.
Gollwitz (gekränkt): Aber Friederike!
Friederike: Jetzt handelt es sich um etwas anderes. — Ich brauche 500 Mark, und zwar sofort.
Gollwitz: 500 Mark!? Ja, willst du mir nicht erklären?
Friederike: O nein, ich verlange ja auch keine Erklärungen von dir. Die Sache ist wichtig, ich muß das Geld haben.
Gollwitz: Aber wo soll ich es denn hernehmen?
Friederike: Wenn du sonst keinen Rat weißt — geh' auf die Sparkasse —
Gollwitz (erschrocken): Jetzt kommt es an den Tag!
Friederike: Dort liegen die 2000 Mark für Paulas Ausstattung.
Gollwitz: Friederike, du willst das Geld angreifen?
Friederike: Es muß sein, in einem Jahr wird es wieder ersetzt. Du wirst mir also morgen früh das Sparkassenbuch geben.
Gollwitz (beiseite): Das habe ich ja gar nicht mehr.
Friederike: Was sagst du?
Gollwitz (stammelnd): Ich? Nichts!
Friederike: Du bist ja auf einmal so verlegen. Gollwitz, solltest du vielleicht — . —?
Gollwitz: Aber was fällt dir denn ein? Ich denke nur eben daran, daß du gar nicht bis morgen zu warten brauchst. Ich habe vorhin mein Gehalt behoben. — Da sind die 500 Mark. (sucht nervös in seiner Brieftasche, zieht eine Banknote hervor und macht dabei aus Versehen einen Riß in dieselbe) Ach mein Gott, nun hätte ich den Schein beinahe noch zerrissen.
Friederike: Das macht nichts. Gib nur her!
Gollwitz (beiseite, jammernd): Das war mein ganzes Geld und — morgen ist der Erste.
8. SzeneVorige — Neumeister – Marianne
Neumeister: Nun, Schwiegerpapa, du bist auch hier? — Das ist hübsch. (begrüßt ihn) Aber du machst ja ein so unglückliches Gesicht? Fehlt dir etwas? (fühlt ihm den Puls)
Friederike (hat Marianne beiseite genommen, leise zu ihr, indem sie ihr die Mappe und den 500-Mark-Schein übergibt): Mach' keine Redensarten, hier sind 500 Mark, damit kannst du diese Sündenrechnungen deines Mannes bezahlen, (auf die Mappe zeigend) und dann ist alles erledigt.
Marianne: Ach, Mama, wie gut du bist, (will sie umarmen)
Friederike (wehrt sie ab): Pst! (laut zu Gollwitz) Martin, bist du heute abend zu Hause?
Gollwitz (unschuldig): Aber, liebe Friederike, wo sollte ich denn —
Friederike (ihn unterbrechend): Na, du gehst jetzt so viel fort, ohne mir zu sagen, wohin ----- (leise weiter)
Marianne (hat indessen Neumeister herangewinkt und ihm Geld und Mappe übergeben): Siehst du, wie gut es war, daß du mir alles gebeichtet hast. — Hier hast du 500 Mark, damit bezahlst du diese abscheulichen Rechnungen, und dann ist alles erledigt.
Neumeister (will sie umarmen): Du bist ein Engel!
Marianne (ihn abwehrend): Pst!
Friederike: Komm, Marianne, ich habe mit dir zu sprechen, (ab mit Marianne nach links)
Neumeister (betrachtet die Banknote): Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf, (steckt das Geld ein — lustig) Wenn sich das so gut rentiert, werde ich meiner Frau öfter eine Geschichte aus meinem Vorleben erzählen.
Gollwitz (ist sorgenvoll auf und abgegangen): Ob ich vielleicht meinen Schwiegersohn anpumpe? — Aber der Mensch hat auch nie Geld. — Na, ich versuch's. (mit gezwungener Lustigkeit Neumeister seine Zigarrentasche offerierend) Willst du eine Zigarre, lieber Junge?
Neumeister: Natürlich, gib nur her, heute bin ich schon einmal in der Nehmerlaune, (nimmt die Zigarre, schneidet sie ab und steckt sie in den Mund)
Gollwitz: Warte, ich gebe dir auch Feuer, mein lieber Leopold, (recht freundlich) Dabei fällt mir übrigens ein, ich wollte dich um eine Gefälligkeit bitten.
Neumeister: Was denn?
Gollwitz: Kannst du mir nicht auf ein paar Monate mit Geld aushelfen?
Neumeister: Aber mit Vergnügen.
Gollwitz (erfreut): Wahrhaftig?
Neumeister (nach der Brieftasche greifend): Wieviel soll's denn sein?
Gollwitz: Soviel wirst du gar nicht haben.
Neumeister: Nun, geniere dich nicht.
Gollwitz (zaghaft): 500 Mark!------
Neumeister (prahlerisch): 500 Mark? Das ist ja eine Kleinigkeit. Da hast du sie. (gibt das Geld)
Gollwitz (umarmt ihn): Leopold, du bist ein edler Mensch.
Neumeister: Der 500-Markschein ist zwar ein bißchen zerrissen, aber das schadet wohl nichts?
Gollwitz (sehr enttäuscht): Zerrissen? (sieht sich den Schein genau an beiseite) Das ist ja mein eigener 500-Mark-Schein. Den hat er meiner Frau abgeschwindelt. Na warte, das Geld kriegt er nie wieder, (steckt es in die Brieftasche)
9. SzeneVorige — Striese
Striese (durch die Mitte): Gott sei Dank, Herr Professor, daß ich Sie endlich finde, ich bin schon bei Ihnen zu Hause gewesen.
Gollwitz (erschrocken): Striese, — was wollen Sie denn hier?
Striese: Ich habe eine wichtige Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen.
Gollwitz: Aber hier, — wenn meine Frau Sie sähe —
Neumeister: Mama kann jeden Augenblick kommen.
striese: Nu, meine Herren, was ist denn schließlich dabei? Die gnädige Frau kennt mich ja gar nicht; im schlimmsten Falle könnten der Herr Professor auch eine kleine Notlüge gebrauchen. Ich könnte doch ein alter Bekannter von Ihnen sein. Es sind ja jetzt so viele Fremde in der Stadt wegen des Schützenfestes, na. da bin ich eben auch zum Schützenfest da, nicht wahr?
Neumeister: Es ist jedenfalls besser, wenn die Schwiegermama Sie gar nicht sieht.
Gollwitz: Was wollen Sie eigentlich?
Striese: Herrjeses, Herr Professor. Es handelt sich um die Sklavin „Tullia" in Ihrem Stück. — Ich weiß wahrhaftig nicht, wer die spielen soll. Ich habe nämlich kein einziges Frauenzimmer mehr frei.
Gollwitz: Ja — was machen wir denn da?
Striese: Ich habe die Sache mit meiner Frau besprochen, die macht nämlich alles möglich. Die können Sie mit Ihren Stücken in gar keine Verlegenheit bringen, und wenn sie der Shakespeare selber wären. Und da hat sie natürlich auch wieder einen genialen Ausweg gefunden, sie meint, wenn der Herr Professor die große Güte hätten, aus der Sklavin Tullia eine Sklaven Tullius zu machen. Dann wären wir schön raus.
Gollwitz: Das ist unmöglich. — Aus der Tullia kann ich keine männliche Rolle machen. Erinnern Sie sich nur an den großen Monolog im ersten Akt. (zitierend) „O, war' ich doch als Mann geboren!" ------ Das kann man doch nicht von einem Manne sprechen lassen.
Striese: Freilich, freilich. Da hätte dieser Wunsch eigentlich keine innere Berechtigung mehr.
Gollwitz: Nun also.
Striese: Ja, Herr Professor, wenn es absolut kein Mann sein darf, und ein Frauenzimmer haben wir nicht mehr, da bleibt nur eines übrig: wir machen ganz einfach ein Kind daraus.
Gollwitz: Ein Kind? — Nein, Striese, eine solche Kürzung lasse ich mir nicht gefallen.
Striese: Ich sage Ihnen, mein Jüngster, der Gottlieb, der eignet sich vortrefflich dazu.
Gollwitz: Sie glauben wirklich, daß das möglich wäre?
Striese: Na und ob. Das ist ein Teufelsjunge, und wenn Sie ihm die Rolle noch ein bißchen zusammenstreichen — ich habe das Buch gleich mitgebracht------(gibt ihm das Manuskript aus dem ersten Akt) A propos, Herr Professor, da auf dem Umschlag ist ein Kaffeefleck — aber der muß bei Ihnen draufgekommen sein, — unser Kaffee macht keine Flecke.
Gollwitz: Soll ich denn das alles gleich hier ändern?
Striese: Ei Herrjeses, ja doch! Wir haben heute abend noch eine Probe.
Gollwitz (zu Striese): Also meinetwegen, kommen Sie. (ab rechts)
Striese: Gleich! (zu Neumeister) Ich hätte nur noch eine ganz ergebene Bitte an Sie, Herr Doktor. Meine Frau hat nämlich in der Stadt erfahren, daß der Herr Doktor einen so sehr schönen Papagei besitzen sollen, und da glaubt meine Frau, daß Sie vielleicht die Gewogenheit haben werden, uns den Papagei für die Aufführung vom „Raub der Sabinerinnen" gütigst zu leihen.
Neumeister: Kommt denn in dem Stück ein Papagei vor?
Striese: Nee, nee, das nu eben freilich nicht; aber der zweite Akt spielt in einem Pinienhain, und da dachte meine Frau, daß es sich gleich charakteristisch machen täte, wenn wir da den Papagei auf die Bühne brächten und auf einen Pinienbaum hinaufsetzen tun täten.
Neumeister: Haben Sie denn überhaupt einen Pinienhain?
Striese: Das grade nicht, aber meine Frau weiß sich in jeder Lage zu helfen. Sie nimmt dazu ganz einfach unsere gewöhnliche Walddekoration, und im Vordergrund der Bühne stellt sie die zwei Oleanderbäume auf, die sonst gewöhnlich im Schützenhaus-Garten bei der Kegelbahn stehen. Nun vergegenwärtigen Sie sich die malerische Wirkung, Herr Doktor, wenn auf dem Gipfel des Oleanderbaumes der Papagei sitzen täte! Da müßte man sich doch gradezu im Geiste nach Rom versetzt fühlen.
Neumeister: Donnerwetter, jetzt fängt die Sache an, mich zu interessieren. Das wird ja das reine Ausstattungsstück?
Striese: Nu freilich.
Neumeister: Da entwickeln Sie wohl auch in den Kostümen einen besonderen Luxus?
Striese: Das will ich meinen. Was das anbelangt, da läßt sich meine Frau nicht lumpen. Die schönsten Kostüme hat sie herausgesucht, und die nicht mehr ganz tadellos sind, die werden neu gewendet. Nur mit den Anzügen für das Sabinerheer sind wir in der gräßlichsten Verlegenheit gewesen.
Neumeister: So?
Striese: Ja. gestern abend, wie wir schlafen gegangen sind, stand das Sabinerheer vor unserem geistigen Auge noch gänzlich unbekleidet da — aber, mitten in der Nacht — mir träumte eben, die selige Birch-Pfeiffer säße an meinem Bett und läse mir ihr neuestes Stück vor — da schreit meine Frau plötzlich ganz laut auf, daß ich vor Schreck beinahe aus dem Bett gerumpelt wäre. — „Ich hab's", schreit sie, „Emanuel — ich hab's. — Eben ist es mir eingefallen, wie wir uns die Kostüme für das Sabinerheer beschaffen können. Wir borgen uns ganz einfach die Uniformen von der hiesigen freiwilligen Feuerwehr!" — Na, was sagen Sie da dazu?
Neumeister: Hahaha! Die Sabiner als Feuerwehrmänner! Hahaha! (wirft sich lachend auf einen Stuhl)
Striese (beiseite): Ich glaube wahrhaftig, der macht sich über mich lustig.
Neumeister: Striese, Mensch, Direktor! Das muß ich sehen. Mein Papagei auf dem Oleanderbaum. Hahaha! (lacht)
Striese ... der Mensch eine gewisse Animosität gegen mein Kunstinstitut hat. (wütend) Wenn es mir jetzt nicht um das Stück wäre, dem möchte ich meine Meinung sagen, (sehr freundlich) Empfehle mich, Herr Doktor. (ab rechts)
Neumeister: Ach du lieber Gott. Habe ich gelacht!
10. SzeneNeumeister — Friederike
Friederike: Sie scheinen ja sehr lustig zu sein.
Neumeister (beiseite): Meine Schwiegermutter!
Friederike: Ich hätte eigentlich ein paar ernste Worte mit Ihnen zu sprechen.
Neumeister: Mit mir?
Friederike: Meine Tochter hat mir alles erzählt.
Neumeister: Ah, das ist aber nicht hübsch.
Friederike: Ich bitte, es war ihre Pflicht, als mein Kind —
Neumeister: Aber Ihr Kind ist meine Frau, und als Frau hätte sie die Pflicht —
Friederike (streng): Wo Sie, nach dem, was vorgefallen ist, noch den Mut hernehmen, von „Pflichten" und dergleichen zu sprechen, das ist mir unbegreiflich.
Neumeister (beiseite, kläglich): Da schein' ich mir was Hübsches eingebrockt zu haben.
Friederike: Sie sehen, ich mache Ihnen nicht die geringsten Vorwürfe, ich werde auch meinem Mann nichts von Ihren Verirrungen erzählen.
Neumeister: Schön, sprechen wir überhaupt nicht mehr darüber.
... zen Angelegenheit selbst in die Hand.
Neumeister (aufspringend): Gerechter Himmel!
Friederike: Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß es schwerlich wieder eine Schwiegermutter geben wird, die sich in einem ähnlichen Fall nachsichtiger und taktvoller benehmen könnte als ich.
Neumeister (verzweifelt): Nein, so etwas gibt es nicht wieder.
Friederike: Dafür verlange ich von Ihnen aber auch die volle Wahrheit. Vor allen Dingen, wie stehen Sie mit jenem Mädchen? Ist zwischen Euch auch alles aus?
Neumeister (die Hand zum Schwur erhebend, feierlich): Aus und begraben für ewige Zeiten.
Friederike: Gut, weiter: Die Rechnungen werden Sie bezahlen. Marianne hat Ihnen die 500 Mark gegeben?
Neumeister: Ja, die sind schon wieder weg.
Friederike: Wie?
Neumeister (sich verbessernd): Ich meine, die sind schon weg — mit der Post — ich habe die Rechnungen gleich bezahlt.
Friederike: Das ist brav. Und nun, den wichtigsten Punkt.
Neumeister: Noch ein Punkt?
Friederike: Wie ist gegenwärtig Ihr Verhältnis zu dem Onkel? -
Neumeister: Zu welchem Onkel?
Friederike: Nun, zu dem unglücklichen Onkel jenes Mädchens, der von Ihnen Rechenschaft für das Schicksal seiner Nichte fordern will.
Neumeister: Ach Gott, Schwiegermama, der wird sich schon beruhigen.
Friederike: Nein, Leopold. Mit dieser .... Versicherung kann ich mich als Mutter nicht zufrieden geben. Es handelt sich um das Glück meines Kindes, und deshalb will ich Gewißheit haben.
Neumeister: Aber —
Friederike: Versuchen Sie es nicht, mich irre zu machen. Mein Entschluß steht fest. Ich selbst werde nach Leipzig reisen, ich selbst werde mit dem Mann sprechen — Auge in Auge — und nicht eher ruhen mit Bitten und Beschwörungen, bis ich seine Verzeihung für Sie erlangt habe.
Neumeister (beiseite): Wenn doch jetzt ein Erdbeben käme.
Friederike: Geben Sie mir seine Adresse, ich reise noch morgen früh.
Neumeister (verzweifelt): Aber verehrte Schwiegermama, das ist ganz unmöglich.
Friederike: Warum?
Neumeister: Weil — weil — weil ich mich mit dem Onkel vollständig ausgesprochen habe.
Friederike: Aber Sie waren doch gar nicht in Leipzig.
Neumeister: Nein — aber er war hier.
Friederike: Wie? Er sollte eigens zu dem Zweck hierhergekommen sein?
Neumeister: Ach nein, er kam ganz zufällig. — Wie man eben so wo hinkommt — als Fremder------Es sind ja so viele Fremde jetzt in der Stadt — beim Schützenfest.------Er ist auch zum Schützenfest hergekommen.
Friederike: Und Ihr seid wirklich ausgesöhnt?
Neumeister: Wir sind ein Herz und eine Seele!
Friederike (gibt ihm beide Hände) Ach, Leopold, wie mich das freut. Sagen Sie es nur gleich Marianne, das arme Kind ängstigt sich so. Und dann soll nie mehr zwischen uns die Rede davon sein.
Neumeister: Auf mich können Sie sich verlassen, wenn Sie nicht anfangen — ich spreche gewiß nie wieder darüber, (beiseite) An d i e Geschichte werde ich denken, (ab links)
Friederike (ihm nachschauend): Er ist ein bißchen leichtsinnig, aber er hat ein gutes Herz.
11. SzeneFriederike — Striese
Striese (von rechts): Ei Herrjemersch, die Frau Professorin! (will zur Mitteltür schleichen)
Friederike: Was ist denn das? — Ein Fremder? (laut) Was wünschen Sie, mein Herr?
Striese (verlegen, beiseite): Sie hat mich schon. Nun heißt's frech sein, (laut) Nu sehen Sie, verehrte Frau Professorin ...
Friederike: Sie kennen mich? Suchen Sie vielleicht meinen Mann?
Striese: Den Herrn Professor — i bewahre, wie käme ich denn dazu?
Friederike: Also meinen Schwiegersohn?
Striese: Ganz recht, gnädige Frau, ich bin nur wegen des Herrn Doktors da.
Friederike: Dann will ich ihn rufen, (macht einen Schritt zur Tür links)
Striese: Nee, nee, Madame, ich danke schön; bemühen Sie sich nur gar nicht, wir haben uns schon völlig ausgesprochen.
Friederike (erstaunt): Ausgesprochen?
Striese: Ja, ja, wir sind ganz einig miteinander.
Friederike (beiseite): Der Mensch scheint mir so verlegen? — (laut) Erlauben Sie, mein Herr, Sie sind nicht aus unserer Stadt?
Striese: Nee, Verehrteste, wenn Sie es nicht ungütig nehmen möchten, ich bin aus Leipzig.
Friederike (aufschreckend): Aus Leipzig? Herr, dann sind Sie also------?
Striese (ängstlich): Nee, nee, Madame, das bin ich wahrhaftig nicht, ich bin nur ganz zufällig hergekommen — zum Schützenfest.
Friederike (auffahrend): Zum Schützenfest?
Striese (beiseite): Wenn ich nur erst draußen wäre, (will sich zur Tür schleichen)
Friederike (hält ihn fest): Mein Herr, Sie wollen mir den Grund Ihres Hierseins verheimlichen. Geben Sie sich keine Mühe. Ich weiß, was Sie hier im Hause suchen.
Striese: Sie weiß es? — Ich bin ein geschlagener Mann!
Friederike: Und nun lasse ich Sie nicht fort von hier, bis alles zwischen uns klar ist.
Striese (beiseite): Ach du himmlische Barmherzigkeit, — sie will mir das Stück wegnehmen.
Friederike: Ich kenne das traurige Los Ihrer Nichte.
Striese: Meiner Nichte? Verzeihen Sie, ich habe gar keine Nichte.
Friederike: Weil Sie sie hartherzig verstoßen haben?
Striese: Ja, ja, ich habe sie verstoßen, (beiseite) Was meint sie denn eigentlich?
Friederike: Und jetzt sind Sie hergekommen, um von meinem Schwiegersohn Rechenschaft zu fordern?
Striese (vergnügt): Ei, du Donnerwetter, du, es handelt sich also um den unangenehmen Menschen, den Doktor, und ich hatte schon eine heidenmäßige Angst wegen unseres Stückes.
Friederike: Sagen Sie mir offen, hegen Sie noch einen Groll gegen Leopold?
Striese: Nu, wenn ich ganz aufrichtig sein soll, muß ich Ihnen sagen, Ihr Leopold ist ein ganz vorwitziger junger Mensch, der mich in meinen heiligsten Gefühlen aufs bitterste gekränkt hat.
Friederike: Ich verstehe Ihren Schmerz, — was müssen Sie gelitten haben, bis sich hinter dem armen Mädchen die Pforten des Klosters für immer geschlossen haben.
Striese (beiseite): Das ist ja eine ganze Räubergeschichte, die sich der junge Mann da zusammengedichtet hat. Na warte, dem werden wir es eintränken, (laut) Sehen Sie, Frau Professorin, über meine unglückliche Nichte will ich gar nicht mehr sprechen; die Sache ist mir zu peinlich. — Aber der junge Herr hat noch ganz andere Sachen auf dem Kerbholz.
Friederike: Was sagen Sie?
Striese: Da hat er unter anderem in Leipzig ein Techtelmechtel gehabt mit einer gewissen Louise. Ihr Vater hieß Müller und war Musiker im Stadttheater-Orchester — bei dem alten Mann hat er sich eingeschlichen und hat sich so gestellt, als wollte er Flöte spielen lernen.
Friederike: Es ist unerhört.
Striese: Natürlich war gar keine Idee von Flöte spielen, auf das Mädel hat er es abgesehen. Das Ende war denn auch ein ungemein trauriges. Eines Tages hat er die arme Louise schnöde verlassen, unter dem unwürdigen Vorwande, daß sie ihm zu blaß sei. Nu hören Sie, das ist doch weiß Gott kein Benehmen für einen anständigen jungen Menschen.
Friederike: Davon hat er meiner Tochter freilich nichts erzählt.
12. SzeneVorige — Neumeister
Friederike: Ah, da sind Sie ja, Herr Schwiegersohn. —
Striese (mit einem ängstlichen Blick auf Neumeister): O weh, nun glaube ich, wäre es gut, wenn ich schon weg wäre, (zieht sich nach dem Hintergrund)
jenes Mädchens ausgesprochen haben.
Neumeister: Das habe ich auch.
Friederike: Ich weiß es, der würdige Mann hat es mir selbst bestätigt.
Neumeister: Was, der Onkel selbst?
Friederike (zeigt auf Striese): Nun, hier steht er ja.
Neumeister: Wahrhaftig, hier steht er. (auf ihn zueilend) Der liebe, liebe Onkel, (schüttelt ihm die Hand — leise) Sie haben mir herausgeholfen, ich danke Ihnen! (stolz zu Friederike) Sehen Sie, Schwiegermama, da haben Sie wieder einen Beweis, daß ich immer die Wahrheit spreche.
Friederike: Die Wahrheit? Sie? Geben Sie sich keine Mühe mehr, mich über Ihren wahren Charakter zu täuschen, dieser wackere Mann hat mir Aufklärung gegeben ...
Neumeister: Über mich?
Friederike: Er hat mir Dinge erzählt------
Neumeister: Aber erlauben Sie!
Friederike: Still, kein Wort mehr davon. Wenn er, der Schwergekränkte Ihnen verziehen hat, dann will auch ich nicht länger mehr zürnen. Aber eines sage ich Ihnen: Von jetzt an überwache ich jeden Ihrer Schritte, und wenn ich jemals das Geringste bemerke, werde ich Ihnen nur ein Wort zurufen: Denken Sie an das Flötenspiel! (ab durch die Mitte)
Neumeister (ihr nachsehend): Ja, zum Donnerwetter, was soll denn das heißen? (zu Striese) Herr, ich glaube, Sie haben sich unterstanden ------
Striese (heuchlerisch): Nun, mein guter Herr Doktor, habe ich es denn nicht recht gemacht?
Neumeister: Den Kuckuck haben Sie. Wie kommen Sie überhaupt dazu, sich in meine Angelegenheiten zu mischen? Wenn Sie Komödie spielen wollen, so gehen Sie auf ein Schmierentheater.
Striese: Schmierentheater! Hören Sie, jetzt läuft mir die Galle über. Wissen Sie denn überhaupt, was eine Schmiere ist? Es ist wahr, wir ziehen von einem Ort zum andern, aber mein erhabener Kollege, der Herzog von Meiningen, macht es ja ebenso. — Es ist wahr, daß ich meinen Schauspielern fast gar keine Gage bezahlen kann, aber dafür leisten sie desto mehr. Da ist zum Beispiel mein erster Held — ein früherer Apotheker, — das ist ein Beleuchtungsinspektor, wie Sie ihn suchen können; mit Hilfe einer einzigen Petroleumlampe und einer roten Glasscheibe läßt Ihnen der die Sonne untergehen, daß es Ihnen nur so vor den Augen flimmert. Und dabei das Familienleben unter meinen Leuten! Meine Frau kocht für die ganze Gesellschaft, damit meine Sozietäre sich an Entbehrungen gewöhnen. Der Charakterspieler ist nicht zu stolz, die Kartoffeln zu schälen, und mein Jüngster kann gar nicht einschlafen, wenn nicht der Intrigant, der gute Kerl, ihn vorher eine Stunde lang in der Stube herumträgt. Und wie anhänglich mir die Leute sind. Meine jugendlich-naive Liebhaberin ist nun bald 18 Jahre bei mir, sie denkt gar nicht daran, wegzugehen. Und was schließlich meine Frau anbelangt ------ nicht nur, daß sie das Kassenwesen besorgt, den Schauspielern die Haare brennt, in der Stadt die Requisiten zusammenborgt und abends die größten Rollen spielt, nein, sie hat trotz dieser Überbürdung im Laufe der Jahre noch Zeit gefunden, mich mit einer Schar lieblicher Kinder zu beschenken. Sehen Sie, Herr Doktor, das wird an einer Schmiere geleistet, und ich bin der Direktor! Empfehle mich! (wendet sich zum Gehen) Dritter Akt(Wohnzimmer bei Gollwitz. — Eine Mitteltür. — Links zwei Seitentüren. — Rechts vorn ein Fenster. Rechts hinten eine Seitentür)
1. SzenePaula — Gollwitz
Paula (liegt im Schaukelstuhl und liest die „Fliegenden Blätter"): Ha-haha! Das ist sehr gut! (springt auf. geht dem eintretenden Gollwitz mit dem Blatt entgegen) Sieh nur, Papa, das ist ein famoser Spaß, der da in den Fliegenden Blättern steht------
Gollwitz: Ach, Kind, mir ist wahrhaftig nicht zum Lachen. Ich sage dir, ich habe eine Unruhe und eine Angst in mir —
Paula: Das ist das Lampenfieber.
Gollwitz: Wenn nur der heutige Abend schon vorüber wäre, (sieht nach der Uhr) In anderthalb Stunden fängt die Vorstellung an.
Paula: Ich möchte so gerne dabei sein.
GoLLWrrz: Paula, sei vernünftig, es geht nicht, du kennst ja Mama.
Paula: Aber du wirst doch hingehen?
Gollwitz: Selbstverständlich. Leopold will auch mitkommen. Wir werden Mama sagen, daß wir in die Ressource müssen, ich habe deshalb schon den Frack angezogen, — verrate uns nicht.
Paula: Wird es denn hübsch werden, Papa?
Gollwitz: Das wissen die Götter. Aus der letzten Probe bin ich ganz verzweifelt fortgelaufen, der Direktor behauptet allerdings, heute abend würde es viel besser gehen.
Paula: Und wie spielt denn der Markus?
Gollwitz: Ah, der Herr Sterneck? — Der junge Mann scheint mir noch der beste von allen zu sein.
Paula: Siehst du, das habe ich mir gleich gedacht. Nicht wahr, er hat so etwas Vornehmes und die schöne Stimme ... Ich könnte weinen, daß du mich nicht mitnimmst.
2. SzeneVorige — Rosa
Rosa (durch die Mitte, flüsternd): Herr Professor! Pst! Herr Professor!
Gollwitz (ebenfalls flüsternd): Was gibt es denn?
Rosa (immer flüsternd): Der Direktor ist da.
Gollwitz (erschreckt): Um Gotteswillen, — Paula, wo ist denn die Mama?
Paula: Sie ist mit Leopold und Marianne da drinnen.
Gollwitz: Sieh' mal durchs Schlüsselloch, ob sie nicht herauskommt.
Paula (zur Tür links vorn, sieht durchs Schlüsselloch)
Gollwitz (zu Rosa): Was will er denn?
Rosa: Er sagt, er muß den Herrn Professor ganz dringend sprechen, er hat auch noch einen Schauspieler mit, den Herrn Sterneck.
Paula (bei dem Namen Sterneck sich rasch umdrehend, laut): Den Markus?
Gollwitz: Pst! (zu Rosa) Die Herren sollen hereinkommen, aber leise, hörst du?
Rosa: Schön, Herr Professor, (schleicht ab)
Gollwitz: Und du, Paula, gehst zu Mama und hältst sie zurück, damit wir nicht überrascht werden.
Paula (zögernd): Aber, Papa?
Gollwitz (ungeduldig): So geh' doch! (geht leise zur Mitteltur)
Paula (schmollend): Gerade jetzt soll ich fort. — (legt ein Schlüsselbund, das sie aus der Tasche nimmt, auf das Kaminbrett) Aber ich komme wieder, (erwidert mit freundlichem Kopfnicken den stummen Gruß des eben eintretenden Sterneck, — dann schnell links vorn ab)
3. SzeneGollwitz — Striese — Sterneck
Gollwitz: Aber, Direktor, um Gotteswillen, was gibt es denn? Ist etwa die Vorstellung abgesagt?
Striese (mit langem bis ungefähr an die Knöchel reichenden Paletot (Kaisermantel) bekleidet): Abgesagt? Wo denken Sie denn hin? Das Haus ist ja ausverkauft. Sogar eine pensionierte Hofdame hat ihren allerhöchsten Besuch zugesagt. Es wird großartig werden!
Gollwitz: Ach, wenn es nur erst vorüber wäre. — Ich habe eine Angst, ich bin gar kein Mensch mehr.
Striese: Ei ja, freilich, Herr Professor, — das glaube ich gern, um so größer wird nachher auch die Freude sein, wenn wir den Bombenerfolg hinter uns haben.
Gollwitz: Ja, aber Striese, es ist jetzt schon ein Viertel sieben. — Sie kommen im ersten Akt. werden Sie denn noch mit dem Kostümieren fertig werden?
Striese: Da seien Sie nur ganz außer Sorge. Jetzt stehe ich noch da in meinem Zivilmantel, wie Sie sehen — und in einer halben Stunde können Sie mich schon auf der Bühne erblicken als König Titus Tatius. Das geht bei mir wie ein Donnerwetter: — 'raus mit die Trikots — 'rein in die Tunika — und der Sabinerkönig ist fertig.
Gollwitz (dringend): Aber was wollen Sie denn jetzt hier?
Striese: Nun, Herr Professor, es handelt sich um die verwetterte Rolle von der Sklavin Tullia.
Gollwitz: Aber die habe ich ja schon für Ihren kleinen Jungen, den Gottlieb, umgeschrieben.
Striese: Freilich, aber jetzt ist es meiner Frau eben im letzten Augenblicke eingefallen, daß der Junge, der Gottlieb, gerade in derselben Szene das große Kampfgetöse hinter den Kulissen übernehmen muß, weil wir doch sonst niemanden mehr dafür haben.
Gollwitz: Was machen wir denn dann?
Striese: Nun, nun, seien Sie nur nicht gleich verzweifelt; meine Frau hat schon wieder einen Ausweg gefunden, (an den Fingern abzählend) Sehen Sie. eine Frauenrolle kann die Tullia nicht sein, weil wir kein Frauenzimmer mehr übrig haben, — eine Männerrolle soll es nicht sein, weil Sie als Autor dagegen sind, — eine Kinderrolle darf es auch nicht sein, weil mein Gottlieb das Kampfgetöse macht, es bleibt also nichts übrig, als daß wir die ganze Rolle in einen Brief zusammenziehen.
Gollwitz: Was, in einen Brief?
Striese: Ja, den Brief kann dann ein stummer Bote dem Markus auf der Bühne überreichen.
Sterneck: Erlauben Sie, meine Herren, ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß wir auch keinen stummen Boten haben, der mir den Brief bringen kann.
Striese: Nu, Herrjeses, was ist denn da weiter dabei, die jungen Leute wissen sich auch gar nicht zu helfen. Wenn Ihnen der Brief nicht gebracht werden kann, dann müssen Sie ihn eben auf der Bühne finden. Die Szene spielt doch in einem Wald, nicht wahr? Nun, da legen wir den Brief so wie ganz zufällig auf einen Baumstumpf.
Gollwitz (jammernd): Mensch, Mensch, das geht ja nicht, wir werden ausgelacht.
Striese: Seien Sie so gut, Herr Professor. Da haben wir schon ganz andere Sachen zuwege gebracht. Schreiben Sie nur jetzt schnell den Brief, es ist die höchste Zeit, das andere wird sich schon finden.
Gollwitz: ..... ich bin auf alles gefaßt, (im Abgehen nach rechts vorn jammernd) Wenn ich mich mit der Sache doch gar nicht eingelassen hätte.
Striese (mit ihm abgehend): Warten Sie einen Augenblick, lieber Stemeck, ich bringe ihnen gleich den Brief. Nee, so ein Dichter, so ein Dichter. (ab)
4. SzeneSterneck — Rosa
Rosa (den Kopf eilig durch die Mitteltür streckend, dann eilig und leise hereinkommend): Lieber, einziger Herr Sterneck, sagen Sie mir man bloß, was gibt's denn? Ich habe beim Schlüsselloch gehorcht, aber die sprechen ja so leise, man kann gar nichts verstehen. Es handelt sich um unser Stück, nicht wahr?
Sterneck: Allerdings!
Rosa: Wird es vielleicht nicht aufgeführt? Ist was dazwischen gekommen? Wenn Sie „Ja" sagen, falle ich um.
Sterneck: Beruhigen Sie sich nur, Rosa. Es ist alles in bester Ordnung, ich habe Ihnen auch Ihr Sperrsitzbillet mitgebracht.
Rosa (nimmt das Billet): Ach du lieber Gott, ich weiß noch gar nicht, wie ich hinkommen soll. Die Madame läßt einen nicht fort; aber wenn es gar nicht anders geht, laufe ich heimlich weg, denn zu Hause halte ich es doch nicht aus vor Aufregung. Ach, Herr Sterneck, schreiben Sie nur nie ein Stück. Ich kann Ihnen sagen, was man mit so einem Stück für Angst durchmacht.
Sterneck: Lassen Sie nur, es wird schon alles gut ablaufen.
Rosa: Ich glaub's nicht, ich glaub's nicht. Sehen Sie, ich habe mir noch gestern abend vorm Schlafengehn wieder die Karten gelegt, und immer fällt's unglücklich. Immer liegt die Pik sieben neben dem Herrn Professor. Ist das nicht ein Jammer!
Sterneck (lachend): Aber Rosa!
Rosa: Nee, nee, lachen Sie nicht. Unser Fräulein Paula hat früher auch immer gelacht über mein Kartenaufschlagen, und nun sollten Sie sie einmal sehen; seit ein paar Tagen sitzt sie immer da am Tisch und legt sich die Karten. Da stecken sie noch. (nimmt aus den Arbeitskörbchen ein Spiel Karten und legt es dann wieder hinein)
Sterneck: Haben Sie denn Fräulein Paula auch meine Bouquets immer übergeben?
Rosa: Freilich, jeden Morgen vorm Kaffee.
Sterneck: Und was hat dann das Fräulein gesagt?
Rosa: Oh. Die war wütend.
Sterneck: Wütend? O weh!
Rosa: Wie ich gesagt habe, daß die Blumen von Ihnen sind. Herr Sterneck, hat sie mich fürchterlich heruntergemacht. „Wie ich mich so etwas unterstehen könnte" und „was ich mir eigentlich von ihr dächte."
Sterneck (traurig): Ach, du lieber Gott! Sie hat es also übelgenommen. Und was hat sie denn mit den Bouquets gemacht?
Rosa: Die nimmt sie immer mit in ihr Zimmer und stellt sie auf ihren Schreibtisch, und wenn eines verwelkt ist, wickelt sie es in Seidenpapier ein und legt es in die Hutschachtel.
Sterneck (glücklich aufschreiend); In die Hutschachtel? Ach Rosa, wenn Sie wüßten, wie glücklich mich das macht, (schwärmerisch) In die Hutschachtel!
5. SzeneVorige — Paula
Paula (von links vorn): Rosa, hast du nicht------? Ach, entschuldigen
Sie, Herr Sterneck, Sie sind hier?
Sterneck (mit Verbeugung): Ja, Fräulein, ich warte auf den Direktor.
Paula (verlegen): So, so, Rosa, hast du meine Schlüssel gesehen?
Rosa (will sich im Zimmer umsehen)
Paula (sie ängstlich abwehrend): Nein, nein, hier können sie nicht sein, ich habe sie wohl in der Küche liegen lassen oder in der Speisekammer — sieh einmal nach; — wenn du sie dort nicht findest, muß ich sie im Keller gelassen haben, ich war vorhin unten, (sucht im Zimmer nach den Schlüsseln)
Rosa: Schön, Fräulein! (will durch die Mitte abgehen)
Sterneck (leise zu Rosa): Rosa, da ist ein Taler. Aber kommen Sie mir nicht so bald wieder aus dem Keller herauf.
Rosa (beide verständnissinnig ansehend): Ach so! Fräulein, wenn ich die Schlüssel im Keller nicht finde, dann kann ich ja auch mal auf dem Boden nachsehen?
Paula (ungeduldig): Ja, ja, geh' nur!
Rosa (im Abgehen): Jetzt bleibe ich draußen und sehe durchs Schlüsselloch. So etwas habe ich zu gerne, (ab)
Paula (suchend): Es ist mir unbegreiflich ...
Sterneck: Darf ich Ihnen vielleicht suchen helfen, Fräulein?
Paula: Oh, ich danke Ihnen. Rosa wird sie wohl finden, (setzt sich links vorn) Wollen Sie nicht Platz nehmen?
Sterneck: Wenn Sie erlauben, Fräulein — (setzt sich, kleine Verlegenheitspause, befangen) Ach, Fräulein, ich hätte eigentlich eine recht große Bitte an Sie.
Paula: An mich?
Sterneck: Ich sehe da ein Spiel Karten in Ihrem Körbchen, verstehen Sie sich vielleicht zufällig auf die Kunst des Kartenlegens?
Paula (eifrig): Oh ja, das kann ich sehr gut.
Sterneck: Sehen Sie, Fräulein, ich bin sonst nicht abergläubisch, aber es gibt doch Stimmungen, in denen man gern eine Frage an das Schicksal richten möchte.
Paula (eifrig): Da haben Sie recht, — solche Stimmungen gibt es.
Sterneck: Ich stehe nämlich augenblicklich vor einem Wendepunkt meines Lebens. Ich will einen Schritt tun, der mich entweder sehr glücklich oder — sehr unglücklich machen muß. — Da fehlt einem eben der Mut — aber wenn Sie mir einen kleinen Wink geben wollten —
Paula (mit gespielter Unschuld): Ich?
Sterneck: Nun ja, das heißt — ich meine Ihre Karten. Ach bitte, schlagen Sie mir mein Schicksalsbuch auf.
Paula (mischt die Karten): Nun, wenn Sie es durchaus wollen. — Bitte, heben Sie ab. So ... (legt wahrend des folgenden Dialogs die 32 Karten in 4 Reihen á 8 Karten auf dem Tisch aus) Sie müssen sich aber auch etwas dabei denken.
Sterneck (sieht ihr schwärmerisch ins Gesicht): Ach ja, Fräulein, ich denke mir etwas dabei.
Paula (zeigt auf die eben hingelegte Karte): Sehen Sie das hier, das sind Sie. (legt weiter)
Sterneck: Der Coeur-König? Aha!
Paula (wie oben): Das hier sind Ihre Gedanken, (legt weiter)
Sterneck: Bitte, womit beschäftigen sich denn meine Gedanken?
Paula (wie oben): Natürlich mit nichts Ernstem, (auf zwei nebeneinanderliegende Karten zeigend) Flüchtige Neigung — baldige Trennung, (beendet das Auflegen der Karten)
Sterneck: Fräulein, ich bitte, das muß ein Irrtum sein.
Paula: Also jetzt geben Sie acht, (mit dem Finger die auf dem Tisch liegenden Karten geläitfig abzählend): 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. — Ein alter Herr.
Sterneck: Das Kann nur mein Papa sein.
Paula (weiterzahlend): 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. — Ist böse. — 1, 2. 3. 4, 5, 6, 7. — Hat aber nicht viel zu bedeuten.
Sterneck: Ach, das wäre mir lieb.
Paula: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. — Ein wichtiger Brief.
Sterneck: Aha, das ist der Brief, den mein Freund Neumeister an meinen Vater geschrieben hat, um ihn mit mir zu versöhnen.
Paula: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. — Ein unselbständiger junger Mann.
Sterneck: Das bin ich!
Paula: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. — Eine junge Dame. — Eine kleine Ohnmacht.
Sterneck: Hat aber nicht viel zu bedeuten.
Paula: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. — Die Dame ist ganz nahe.— 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. — Mit Ihnen geht eine Veränderung vor.
Sterneck (schwärmerisch): Ach ja, das stimmt.
Paula: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. — Die junge Dame------(stockt)
Sterneck: Nun, die junge Dame?
Paula (aufspringend): Das ist ja alles Unsinn!
Sterneck: Aber, Fräulein, wie kann denn das Unsinn sein, jetzt wo es gerade am schönsten wird. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. Was ist es mit der jungen Dame?
Paula: Ach, das — das kann ich Ihnen nicht sagen. (läuft ab nach hinten links)
Sterneck (will sie zurückhalten): Aber Fräulein Paula. So, jetzt läuft sie fort und läßt mein Schicksal da liegen. Wenn ich nur wüßte, was diese Karte hier (auf eine Karte pochend) zu bedeuten hat.
6. SzeneSterneck — Rosa
Rosa (steckt den Kopf zur Tür herein, neugierig, flüsternd): Wie weit ist es denn, Herr Sterneck?
Sterneck (zieht sie an der Hand ins Zimmer und zu dem Tisch links vorn): Sie müssen mir helfen. — Kommen Sie nur her; sehen Sie sich das an. (zeigt ihr die Karten) Da liege ich, ein unselbständiger junger Mann; da liegt sie, eine junge Dame. — Was bedeutet nun die Coeur-acht hier?
Rosa: Das wissen Sie nicht? Das ist doch das allereinfachste. Die junge Dame liebt den jungen Mann.
Sterneck: Sie liebt ihn? Sie liebt ihn! Ach, bin ich zu glücklich, (umarmt Rosa)
7. SzeneVorige — Striese
Striese (von rechts vom, sieht die Umarmung, erschrocken): Sterneck, Mensch! Was machen Sie denn?
Sterneck (schnell auf ihn zueilend): Direktor, ich bin zu glücklich. Sie liebt mich! Verstehen Sie denn? 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. — Sie liebt mich!
Striese (ihn ängstlich festhaltend): Um Gotteswillen —junger Mann. Sie werden mir doch nicht verrückt werden? Jetzt gerade vor der Vorstellung. Kommen Sie, kommen Sie. Wir müssen ja augenblicklich in die Garderobe: es ist ja schon sieben. (zieht ihn ab durch die Mitte)
Sterneck: Richtig, es ist ja schon 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7. (ab)
Rosa (hat inzwischen die Karten zusammengenommen und wieder in das Körbchen gelegt): Was? Gleich sieben? Das Theater fängt an. Und ich noch in dem Aufzug, (bindet ihre Schürze ab) Jetzt nehme ich mir schnell mein Tuch um und laufe hinüber. Soll die Madame nachher schimpfen, soviel wie sie will. (schnell ab durch die Mitte)
8. SzeneNeumeister — (dann) Gollwitz — (bald darauf) Paula
Neumeister (von links vorn mit übertriebener Freundlichkeit zurücksprechend): Ja, ja, liebe Schwiegermama, ich komme gleich wieder, (schließt die Tür und geht auch zur Tür rechts hinten) Ich danke, das wird eine schöne Geschichte werden, (die Tür aufmachend) Schwiegerpapa, komm' heraus, denke dir —
Gollwitz (eilig auftretend]: Was gibt es denn?
Neumeister: Denke dir, die Mama läßt uns nicht fort.
Gollwitz: Hast du ihr denn nicht gesagt, daß wir in die Ressource —
Neumeister: Natürlich. Alles umsonst. Sie besteht darauf, dajS wir zu Hause bleiben. Es soll nämlich heute abend eine Art von Versöhnungsfest gefeiert werden; Mama und Marianne sind in sehr gerührter Stimmung.
Gollwitz: Entsetzlich! (geht ans Fenster) Sieh doch, im Schützenhaus drüben ist schon alles erleuchtet; die Vorstellung muß gleich anfangen.
Paula (kommt von links hinten)
Neumeister: Wie die Leute hineinströmen------
Gollwitz: Und wir stehen hier! Da habe ich die Loge in der Hand. (zeigt das Billet)
Neumeister: Und können nicht hinüber. Was machen wir denn nur?
Paula (vorkommend): Das will ich Euch sagen.
Gollwitz: Du?
Neumeister: Sprich doch!
Paula: Ich werde Euch beiden aus dem Haus helfen, aber nur unter der Bedingung, daß Ihr mich dann mit in Eure Loge nehmt.
Gollwitz: Aber wie willst du denn?
Paula: Ganz einfach. Wenn Mama hereinkommt, fängst du, Papa, an, mit mir zu zanken; ich gebe vorlaute Antworten. Du wirst zornig und schickst mich für den ganzen Abend auf mein Zimmer. Ich gehe weinend hinaus, laufe lachend über die Hintertreppe und erwarte Euch drüben im Theater.
Neumeister: Ja, aber wir?
Paula: Wenn ich draußen bin, (zu Neumeister) nimmst du meine Partei. Ihr kommt in einen Wortwechsel, erhitzt Euch und greift schließlich nach den Hüten, um beide davonzulaufen.
Neumeister: Brillante Idee!
Gollwitz (verzweifelt): Kinder — Kinder — Das geht ja nicht.
9. SzeneVorige — Friederike — Marianne
Friederike (mit Marianne von links vorn): Nun, Martin, hat dir unser lieber Leopold schon alles erzählt?
Gollwitz (zerstreut]: Ja, ja, leider.
Friederike: Nein, Martin, zürne ihm nicht mehr. Es ist richtig, seine Vergangenheit war stürmisch bewegt, aber er hat uns alles ehrlich eingestanden und aufrichtig bereut. Wir haben ihm von ganzem Herzen verziehen. Nicht wahr, Marianne?
Marianne (umarmt Neumeister): Mein guter Mann!
Neumeister: Marianne!
Friederike: Und von jetzt ab, Leopold, keine Heimlichkeiten mehr.
Neumeister (Friederike umarmend): Nie wieder, das verspreche ich!
Friederike (zu Gollwitz): Und du versprichst es mir auch? Keine Unwahrheiten, keine Geheimnisse mehr zwischen uns. Nicht wahr, lieber Martin? (umarmt ihn)
Gollwitz (zerstreut): Gewiß, gewiß.
Friederike: Kinder, das ist heute für uns ein schöner Abend.
Neumeister und Gollwitz (seufzend): Ach ja!
Friederike: Den wollen wir aber auch recht gemütlich miteinander verleben.
Gollwitz (sieht auf die Uhr): Liebe Friederike, ich wollte aber mit Leopold noch in die Ressource. Der Konsistorialrat Hofmann ist nämlich aus Berlin gekommen.
Friederike: Den kannst du morgen auch noch sprechen.
Gollwitz: Morgen?
Neumeister: Das heißt — } (zugleich)
Friederike (abwehrend): Nein, nein, nein, Ihr bleibt hier! Wir lassen uns unsere schöne Familienfeier nicht stören.
Paula (die bisher ungeduldig aus dem Fenster geblickt hat, laut rufend): Ach Gott, das wird schrecklich langweilig werden.
Friederike: Was sagst du?
Marianne: Aber Paula! } (zugleich)
Paula: Nun ja, mir ist es eben langweilig, (leise zu Gollwitz) Jetzt mußt du wütend werden.
Neumeister (leise zu Gollwitz): Vorwärts, vorwärts.
Friederike: Martin, was sagst du denn dazu?
Gollwitz: Ja — allerdings, Paula, ich begreife dich nicht.
Paula (leise): Weiter, weiter.
Gollwitz: Du benimmst dich in einer Weise------
Paula: Ich weiß nicht, was du heute mit mir hast. Vorhin frage ich dich ganz arglos, ob es wahr ist, daß die Indier am Polterabend ihre Schwiegermütter verbrennen, und da fährst du mich gleich an und willst mich auf mein Zimmer schicken. Aber ich bin kein Kind mehr, das lasse ich mir nicht gefallen.
Neumeister (leise zu Gollwitz): Jetzt gib's ihr tüchtig.
Friederike: Aber Paula! } (gleichzeitig)
Gollwitz (mit gespieltem Zorn): So? Du willst dir etwas nicht gefallen lassen? Jetzt gehst du augenblicklich auf dein Zimmer und läßt dich den ganzen Abend nicht mehr blicken und daß niemand von Euch zu ihr hineingeht.
Friederike: Aber Martin!
Marianne: Papa! } (zugleich)
Gollwitz: Marsch, vorwärts — auf dein Zimmer!
Paula (weinend): Nein, diese Behandlung hier in dem Haus, (ab links hinten)
Marianne: Die arme Paula!
Gollwitz (immer wütend): Willst du mir auch noch dreinreden? Das fehlte mir gerade.
Neumeister (dazwischentretend, mit gespieltem Zorn): Halt, Schwiegerpapa, jetzt habe ich genug. — Wie du es mit Paula hältst, geht mich nichts an. Aber wenn du meine Frau beleidigen willst, das wird mir zuviel.
Gollwitz: Du unterstehst dich —?
Friederike (begütigend): Aber Martin!
Gollwitz: Was? Und du auch noch? Ihr seid also alle gegen mich verschworen? Und gerade heute, wo ich mich so auf den gemütlichen Familienabend gefreut habe, treibt Ihr mich mit Gewalt zum Hause hinaus? Gut. Ihr sollt Euren Willen haben. Ich gehe! (rasch ab durch die Mitte)
Friederike: Kinder, was sagt Ihr dazu?
Marianne (jammernd): Entsetzlich!
.... fortgehen lassen? — In dieser Aufregung? Wer weiß, was ihm zustoßen kann.
Marianne: Leopold!
Friederike: Laufen Sie ihm nach. Schnell, schnell.
Neumeister: Ich fliege! (schnell ab durch die Mitte)
Friederike (jammernd auf und ab): Nein, diese Männer, diese Männer!
Marianne: Das heißt, der Papa. Denn wie gutherzig mein Mann ist, das hast du ja gesehen, er läuft ihm jetzt nach, und dabei ist doch eigentlich er der Beleidigte.
Friederike: Dein Mann hätte sich überhaupt nicht dreinmischen sollen, dann wäre es gar nicht so weit gekommen.
Marianne (weinerlich): Das ist nicht recht, Mama. — Leopold ist der beste und edelste Mensch.
Friederike: So? Und seine leichtsinnigen Streiche in Leipzig? Die Geschichte mit der Schauspielerin und den unbezahlten Rechnungen?
Marianne: Das hast du ihm selbst alles längst verziehen. Du wolltest überhaupt gar nicht mehr darüber sprechen — und jetzt fängst du doch wieder an. Das hätte ich nicht von dir erwartet!
Friederike: Laß mich zufrieden, ich will gar nichts mehr hören (setzt sich hin und strickt wütend)
Marianne: Ich auch nicht, (setzt sich, nimmt die „Fliegenden Blätter" und liest)
(kleine Pause)
Marianne (schreit aufl: Ach, das ist ja unerhört!
Friederike: Was hast du denn?
...., sie machen sich über uns lustig. Papa und mein Mann.
Friederike: Aber Kind, so sprich doch —
Marianne: Sie haben uns einfach zum besten gehalten mit einem Witz aus den „Fliegenden Blättern". Da hör' nur. (liest) „Wenn Herr Schlaumeier des Abends ohne seine Frau ausgehen will, hat er mit seinem Onkel folgende List verabredet: Auf ein gegebenes Zeichen behauptet der Onkel plötzlich, daß die Indier am Polterabend ihre Schwiegermütter verbrennen ..."
Friederike (entsetzt): Marianne!
Marianne (weiter lesend): „Hierüber entspinnt sich nun zwischen den beiden Herren ein lebhafter Streit, in dessen Verlauf Herr Schlaumeier scheinbar so wütend wird, daß er schließlich seinen Hut greift und davonläuft." — Was sagst du dazu?
Friederike: Oh, es ist empörend. Sie haben uns also eine unwürdige Komödie vorgespielt.
Marianne: Natürlich. Denke doch nur, wie Papa plötzlich ohne allen Grund auf Paula losgefahren ist.
Friederike: Richtig! Und dann hat er das gute unschuldige Kind aus dem Zimmer gewiesen.
Marianne: Meine arme arglose Schwester.
Friederike (öffnet die Tür links hinten und macht einen Schritt ins Zimmer): Paula, liebes Kind, komm heraus!
Marianne (geht auch zur Tür und ruft hinein): Wir wissen alles.
Friederike (aus Paulas Zimmer mit einem Schrei herausstürzend): Marianne! — Es ist niemand im Zimmer. Sie ist fort.
Marianne (zu ihr ins Zimmer stürzend): Was sagst du, Mama?
Friederike: Hut und Mantel sind auch weg.
Marianne (aus Paulas Zimmer): Die Tür zur Hintertreppe ist offen. Sie ist fortgelaufen.
Friederike (mit einem plötzlichen Schrei. Acn, was fällt mir da ein?
Marianne: Nun?
Friederike: Paula ist mit im Komplott?
Marianne: Richtig! Sie war es ja, die von den indischen Schwiegermüttern zu sprechen anfing.
Friederike: O, dieses ungeratene Kind.
Marianne: Mein pflichtvergessener Mann!
Friederike: Dieser gewissenlose Vater!
Marianne: Und dabei hat mir Leopold noch vor zehn Minuten hier auf dieser Stelle feierlich versprochen, nie wieder eine Unwahrheit zu sagen.
Friederike: Und mein Mann hat mir geschworen, hier auf dieser Stelle ...
Marianne: Mama, das bricht mir das Herz.
Friederike: Du armes Kind, für dein ganzes Leben nun gefesselt an einen Mann, der dich auf das niedrigste betrügt, du bist am meisten zu bedauern.
Marianne: Nein, nein, Mama, du bist noch vielmehr zu bedauern, nach so langjähriger Ehe noch solche Erfahrungen zu machen. — Meine arme Mama! (umarmt Friederike weinend)
Friederike: Meine arme Marianne!
(Es klingelt)
Marianne: Es klingelt.
Friederike: Ach! Sie kommen wieder.
Marianne (drohend): Mama, wir wollen sie empfangen.
(Es klingelt wieder)
Friederike: Warum macht denn Rosa nicht auf?
Marianne (ist zur Mitteltür gelaufen, ruft hinaus): Rosa! Rosa! (sich umdrehend) Die ist auch nicht hier.
Friederike (die Hände ringend): Ist denn das ganze Haus davongelaufen?
(Es klingelt wieder)
Marianne: Ich mache selbst auf. (öffnet die Mitteltür)
Friederike: An den Abend werde ich denken.
10. SzeneVorige — Gross
Marianne (die Tür öffnend): Ein Fremder? Was wünschen Sie, mein Herr? (kommt mit Groß ins Zimmer)
Gross: Entschuldigen Sie, meine Damen, ich suche den Professor Gollwitz.
Friederike: Bedaure, mein Mann ist nicht zugegen.
Gross: Das tut mir leid. Ich bin nämlich der Carl Groß aus Berlin.
Friederike (ohne ihn anzuhören): Freut mich.
Gross: Ihr Herr Gemahl wird Ihnen wohl schon viel von mir erzählt haben.
Friederike (abweisend): Mein Mann erzählt mir nie etwas. Ich erfahre alles nur durch Zufall.
Gross (beiseite): Eine eigentümliche Frau, die hat mir der Professor ganz anders geschildert, (laut) Eigentlich wollte ich mit Ihrem Herrn Schwiegersohn sprechen, mit dem Doktor Neumeister.
Marianne: Mit meinem Mann?
Gross: Ach so, das ist Ihr Herr Gemahl? Ich war eben in Ihrer Wohnung, und da hat man mir gesagt, er wäre hier.
Marianne: Bedaure, er ist weggegangen.
Gross: Das ist mir unangenehm.
Marianne (gereizt): Denken Sie vielleicht, mir ist es angenehm? Übrigens — wenn Sie krank sind — Sprechstunde ist von 5 — 6 ...jetzt ist es 8 Uhr.
Gross (beiseite): Scheint mir auch ein bißchen aufgeregt, — hat sie wahrscheinlich von der Mutter, (laut) Verzeihen Sie, meine Damen, ich habe nicht viel Zeit, ich werde die Herren aufsuchen. Wo treffe ich sie denn?
Friederike (gereizt): Das wissen wir nicht.
Gross: So! Und wann kommen sie denn wieder?
Marianne (ebenso): Das wissen wir auch nicht.
Gross (beiseite): Eine merkwürdige Familie, (laut) Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als hierzu warten, (gemütlich) Ich störe Sie doch nicht?
Friederike (verzweifelt): Aber, was wünschen Sie denn eigentlich?
Gross: Es handelt sich um meinen ungeratenen Sohn, den Emil. Der Professor hat Ihnen gewiß von ihm erzählt?
Friederike: Keine Silbe.
Gross (zu Marianne): Aber Sie, Frau Doktor, kennen doch die Geschichte?
Marianne: Bedaure sehr!
Gross: Das ist mir unbegreiflich. Ihr Herr Gemahl hat mir doch über den Schlingel, den Emil, einen vier Seiten langen Brief geschrieben. Vorgestern habe ich den Brief bekommen, heute bin ich hier, um mit meinem Jungen selbst zu sprechen.
Friederike (ungeduldig): So, so. (sieht aus dem Fenster)
Gross (zu Marianne): Mein Emil hat nämlich die unglaublichsten Streiche gemacht. Seit zwei Jahren hat er keine Silbe von sich hören lassen, und jetzt schreibt mir Ihr Mann, daß er sich in der |