Iphigenie auf Tauris

Johann Wolfgang von Goethe

2005

Personen

Iphigenie
Thoas
Orest
Pylades
Christian Gruber
Arkas
Erich Schmalz

Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel

Regie: Wolfgang Peter

INHALT

Iphigenie, Tochter des Agamemnon, von der Göttin Diana dem grausamen Opfertod entrissen und nach Tauris versetzt, wo sie seitdem Dianas oberste Priesterin ist, sehnt sich nach ihrer griechischen Heimat zurück. Doch Thoas, der König der Taurier, der sie zur Frau begehrt, will sie nicht ziehen lassen. Ihretwillen hat er sogar die blutigen Menschenopfer der Skythen eingestellt, aber dennoch weist ihn Iphigenie sanft aber bestimmt zurück. Widerwillig verspricht Thoas, sie gehen zu lassen, wenn es dafür eine Gelegenheit gäbe.
Als zwei Fremde an Tauris Strand erscheinen, läßt sie der verbitterte König gefangennehmen und bestimmt sie zum Ofpertod. Iphigenie muß in einem der Gefangenen ihren Bruder Orest wiedererkennen. Um seinen Vater Agamemnon zu rächen, war er zum Mörder seiner eigenen Mutter geworden und ist seitdem, gehetzt von Furien, dem Wahnsinn nah. Apollos Wahrspruch hat ihn endlich nach Tauris gewiesen: wenn er die Schwester heimhole, so werde er entsühnt. Orest vermeinte, das Standbild Dianas rauben zu sollen, doch nun findet er hier seine eigene totgeglaubte Schwester.
Gemeinsam mit Pylades wird ein Fluchtplan geschmiedet; das Schiff der Griechen wartet schon verborgen in einer Bucht. Iphigenie soll den Skythenkönig, der auf das Opfer drängt, noch ein wenig hinhalten.
Doch Iphigenies reines Herz vermag den König nicht zu belügen. Offen gesteht sie ihm den Fluchtplan und macht ihm zugleich deutlich, daß er kein Recht habe, sie und die Gefährten festzuhalten. Sie gemahnt ihn an sein Wort – jetzt sei die Gelegenheit, wo er sie ziehen lassen müsse. Mürrisch gewährt es Thoas, doch nicht im Groll will Iphigenie von dem Mann scheiden, den sie wie einen zweiten Vater verehrt. Mit Engelszungen bezwingt sie das harte Herz des rohen Skythen und in wahrhafter Freundschaft dürfen die Gefährten von Tauris scheiden.

Pause nach dem 3. Aufzug

DAS WERK

Johann Wolfgang von Goethe

Johann Wolfgang von Goethe

Mehr als acht Jahre, von 1779 bis 1787, hat Goethe um die Gestaltung der Iphigenie gerungen. Die erste Prosafassung vollendete er in der kurzen Zeit vom 14. Februar bis zum 28. März 1779 und schon am 6. April, also kaum eine Woche später, wurde das Werk erstmals im herzoglichen Privattheater in Weimar aufgeführt. Goethe selbst spielte den Orest, die Sängerin und Schauspielerin Corona Schröter, mit der Goethe eng befreundet war, die Iphigenie und Prinz Constantin den Pylades, der später vom Herzog übernommen wurde. Schon diese erste Prosafassung hatte einen so ausgeprägten rhythmischen Sprachfluß, daß Wieland, als er sie vorgelesen hörte, vermeinte, sie sei in Jamben gedichtet. 1780 bearbeitete Goethe die Iphigenie neuerlich, wobei er die Dichtung in Verse ungleicher Länge aufteilte. Diese Fassung befriedigte ihn aber so wenig, daß er sie bereits 1781 wieder in Prosa umschrieb. 1786 folgte eine weitere Bearbeitung, die aber keine durchgreifenden Veränderungen brachte.
Der entscheidende Durchbruch in der künstlerischen Gestaltung der Iphigenie gelang Goethe erst 1787 während seiner Italienreise, auf der die tieferen schöpferischen Kräfte Goethes erweckt wurden. In Italien, umgeben von der überquellenden südlichen Natur, inmitten der allgegenwärtigen Spuren der untergegangenen griechisch-römischen Kultur reifte gleichermaßen sein Natur– wie sein Kunstverständnis. „Die hohen Kunstwerke“, so schrieb Goethe in sein Reisetagebuch, „sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist Notwendigkeit, da ist Gott.“ Niemals, so sagte sich Goethe, kann wahre Kunst sich in bloßen willkürlichen Phantasieprodukten erschöpfen; alles künstlerische Schaffen wird zu einem durch den Menschen erweiterten Naturschaffen. Wo die Natur mit ihrer gestaltenden Tätigkeit endet, dort setzt der Mensch mit seiner schöpferischen Fähigkeit fort und bringt dadurch zugleich die verborgenen Gestaltungsprinzipen, die in der Natur im Geheimen walten, ans Tageslicht. „Ich habe eine Vermutung, daß sie (die Griechen) nach eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfährt und denen ich auf der Spur bin.“ Darum ist Goethes Naturanschauung niemals von seinem Kunstempfinden zu trennen, werden doch beide aus der selben geistigen Quelle gespeist – dessen wurde sich Goethe in Italien klar bewußt. Und deshalb gingen ihm auch hier die wesentlichen Ideen sowohl für seine Naturforschung als auch für seine dichterische Tätigkeit auf. Hier stand ihm erstmals die Urpflanze geistig vor Augen, die gestaltend in der gesamten Pflanzenwelt wirkt, und hier fand er auch jene geistige Formkraft, die er später seinen Dichtungen zugrunde legte.
In seiner Iphigenie huldigt Goethe seinem Menschheitsideal, dem er sein Leben lang treu geblieben ist, und das er im letzten Satz seiner Faustdichtung knapp und klar ausspricht:

Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Nur in der reinen, geläuterten menschlichen Seele, die stets als etwas Weibliches empfunden wurde, kann jener höhere, geistige Mensch gezeugt werden, der den ungezügelten bloßen Naturmenschen in sich überwindet, besänftigt und veredelt. Wo die Natur den Menschen aus ihrer instinktiven Führung entläßt, muß er ihr Werk im höheren Sinne fortführen, um wahrhaft er selbst zu werden. In seinem Gedicht „Selige Sehnsucht“ heißt es:

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Der bloße Naturmensch in uns erstirbt, um als Geistesmensch auf höherer Stufe wieder aufzuleben – und darum heißt es weiter:

Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.