PERSONEN
DER GRAF VON CAVERSHAM, Ritter
des Hosenbandordens
VISCOUNT GORING, sein Sohn
SIR ROBERT CHILTERN, Baronet, Untersekretär
im Außenministerium
VICOMTE DE NANJAC, Attaché
an der französischen Botschaft in London
MR. MONTFORD
MASON, Butler bei Sir Robert
Chiltern
PHIPPS, Lord Gorings Diener
JAMES und HAROLD, Bediente
LADY CHILTERN
LADY MARKBY
DIE GRÄFIN VON BASILDON
MRS. MARCHMONT
MISS MABEL CHILTERN, Sir Robert Chilterns Schwester
MRS. CHEVELEY
Zeit: Gegenwart (1895) - Ort: London
Die Handlung des Stücks spielt sich in
vierundzwanzig Stunden ab.
ERSTER AKT

François Boucher
Le Triomphe de Vénus, 1740
Öl/Leinwand, 130 x 162 cm
Stockholm, Nationalmuseum
Achteckiger
Saal in Sir Robert Chilterns Haus am Grosvenor
Square. Der Saal ist strahlend
hell erleuchtet und voller Gäste. Auf dem
Treppenabsatz steht Lady Chiltern, eine Frau von ernster griechischer
Schönheit, etwa siebenundzwanzig Jahre alt. Sie empfängt die
heraufkommenden Gäste. Im Treppenhaus hängt ein mächtiger Kronleuchter
mit Wachskerzen, die einen großen französischen Gobelin aus dem
achtzehnten Jahrhundert an der Wand des Treppenhauses beleuchten
- er stellt nach einem Entwurf von Boucher den Triumph
der Liebe dar. Rechts Tür zum Musikzimmer. Die Klänge eines Streichquartetts sind schwach zu vernehmen. Die Tür zur
Linken führt in andere Empfangsräume. Mrs. Marchmont und
Lady Basildon, zwei ausnehmend hübsche Frauen, sitzen zusammen auf
einem Louis-Seize-Sofa. Sie sind Musterbeispiele erlesener Zerbrechlichkeit.
Ihr geziertes Benehmen ist von köstlichem Reiz.
Watteau hätte sie gern gemalt.
MRS. MARCHMONT: Gehen Sie später noch zu den Hartlocks, Margaret?
LADY BASILDON: Ich denke: ja. Sie auch?
MRS. MARCHMONT: Ja. Grässlich langweilige Gesellschaft geben sie, nicht
wahr?
LADY BASILDON: Grässlich langweilige! Weiß nicht, warum ich hingehe. Weiß
nicht, warum ich überhaupt irgendwohin gehe.
MRS. MARCHMONT: Hierher komme ich, um mich bilden zu lassen.
LADY BASILDON:
Ach! Ich hasse es, mich bilden zu lassen!
MRS. MARCHMONT: Ich auch. Es bringt einen fast auf eine Ebene mit den
kommerziellen Schichten, nicht wahr? Aber die liebe Gertrude Chiltern
redet mir ständig vor, ich sollte ein ernsthaftes Lebensziel haben. Also
komme ich her und versuche, eins zu finden.
LADY BASILDON blickt durch ihre
Lorgnette in die Runde: Ich sehe hier heute Abend niemand, den man möglicherweise
als ernsthaftes Ziel bezeichnen könnte. Der Mensch, der mich zum Essen führte,
hat mir die ganze Zeit von seiner Frau erzählt.
MRS. MARCHMONT:
Wie trivial!
LADY BASILDON: Schrecklich trivial! Worüber
hat Ihrer geredet?
MRS. MARCHMONT: Über mich.
LADY BASILDON matt: Und hat es
Sie interessiert?
MRS. MARCHMONT schüttelt den Kopf: Nicht
im geringsten.
LADY BASILDON: Was sind wir doch für Märtyrerinnen, liebe Margaret!
MRS. MARCHMONT steht auf: Und
wie gut kleidet es uns, Olivia!
Sie erheben
sich und gehen zum Musikzimmer. Der Vicomte de
Nanjac, ein junger, für seine
Krawatten und seine Anglomanie bekannter Attaché, nähere sich mit einer
tiefen Verbeugung und knüpft
ein Gespräch an.
MASON meldet auf dem
Treppenansatz Gäste: Mr. und Lady Jane Barford. Lord Caversham.
Lord
Caversham, ein alter Herr von Siebzig, tritt auf, er trägt
Band und Stern des Hosenbandordens.
Ein vortrefflicher Whig- Typus. Fast wie ein Porträt von Lawrence.
LORD CAVERSHAM: Guten Abend, Lady Chiltern! Ist mein junger
Nichtsnutz von Sohn hier?
LADY CHILTERN lächelnd: Ich
glaube, Lord Goring ist noch nicht gekommen.
MABEL CHILTERN tritt auf
Lord Caversham zu: Warum schimpfen Sie Lord Goring einen Nichtsnutz?
Mabel
Chiltern ist ein vollendetes Beispiel für den englischen Typus von Schönheit,
den Apfelblütentypus. Sie besitzt die ganze
Zartheit und Natürlichkeit einer
Blume. Ein unaufhörliches Geriesel von Sonnenlicht ist in ihrem Haar, und
der kleine Mund mit den halb geöffneten
Lippen ist erwartungsvoll wie der Mund eines Kindes.
Die entzückende Tyrannei der Jugend und die erstaunliche Beherztheit
der Unschuld ist ihr eigen. Nüchterne Leute erinnert sie nicht
an irgendein Kunstwerk. Doch in Wahrheit gleicht sie einem Tanagrafigürchen
und wäre recht ungehalten, wenn man es ihr sagte.
LORD CAVERSHAM: Weil er ein so müßiges Leben führt.
MABEL CHILTERN: Wie können Sie so etwas sagen? Er reitet um zehn Uhr
vormittags durch die Rotten Row, geht dreimal wöchentlich in die Oper,
wechselt seine Kleidung wenigstens fünfmal am Tag und speist in der
Saison jeden Abend außer Haus. Das können Sie doch nicht ein müßiges
Leben nennen?
LORD CAVERSHAM sieht sie mit
freundlichem Augenzwinkern an: Sie sind eine ganz bezaubernde junge
Dame!
MABEL CHILTERN: Wie reizend von Ihnen, das zu sagen, Lord Caversham!
Kommen Sie bitte häufiger zu uns. Sie wissen, wir empfangen jeden
Mittwoch, und Sie sehen so gut aus mit Ihrem Orden!
LORD CAVERSHAM: Gehe jetzt nie mehr wohin. Hab die Londoner Gesellschaft
satt. Würde mir nichts ausmachen, wenn mir mein eigener Schneider
vorgestellt wird, er stimmt immer für die richtige Seite. Habe jedoch
entschieden etwas dagegen, die Putzmacherin meiner Frau zu Tisch führen
zu müssen. Kann Lady Cavershams Hüte nicht ausstehen.
MABEL CHILTERN: Oh, ich liebe die Londoner Gesellschaft! Ich glaube, sie
hat sich ungeheuer verbessert. Sie besteht jetzt durchweg aus schönen
Schwachköpfen und brillanten Irren. Genau so, wie die Gesellschaft sein
sollte.
LORD CAVERSHAM:
Hm. Und was ist Goring? Ein schöner Schwachkopf - oder das andere?
MABEL CHILTERN ernst: Ich habe
mich genötigt gesehen, Lord Goring vorerst in eine Klasse für sich
einzustufen. Aber er entwickelt sich reizend.
LORD CAVERSHAM:
Wozu?
MABEL CHILTERN mit einem kleinen Knicks: Das
hoffe ich Ihnen sehr bald sagen zu können, Lord Caversham!
MASON meldet
Gäste: Lady Markby, Mrs. Cheveley.
Lady Markby und Mrs. Cheveley treten auf. Lady Markby
ist eine heitere, freundliche,
allseits beliebte Frau mit á la marquise
frisiertem grauem Haar und echten
Spitzen. Mrs. Cheveley, die sie begleitet,
ist groß und ziemlich schlank. Sehr dünne und stark gefärbte Lippen,
ein scharlachroter Strich in einem bleichen
Gesicht. Venezianischrotes Haar,
Adlernase und langer Hals. Rouge unterstreicht die natürliche Blässe
ihrer Haut. Graugrüne Augen, die sich
ruhelos bewegen. Sie ist in Heliotrop, mit Diamanten. Sie gleicht etwas
einer Orchidee und stellt erhebliche Forderungen an die Neugier. In all ihren
Bewegungen ist sie ungewöhnlich graziös. Alles in allem ein Kunstwerk, das jedoch den Einfluss zu
vieler Schulen
erkennen lässt.
LADY MARKBY: Guten Abend, liebe Gertrude! So lieb von Ihnen, dass
ich meine Freundin, Mrs. Cheveley, mitbringen durfte. Zwei so bezaubernde
Frauen sollten einander kennen lernen!
LADY CHILTERN geht mit einem
gewinnenden Lächeln auf Mrs.
Cheveley zu. Plötzlich bleibt sie stehen und neigt recht kühl den Kopf: Mir scheint, Mrs. Cheveley und ich sind uns schon früher
begegnet. Ich wusste nicht, dass sie ein zweites Mal geheiratet hat.
LADY MARKBY munter: Ach,
heutzutage heiraten die Leute sooft sie nur können, nicht wahr? Das ist
die große Mode. Zur Herzogin
von Maryborough. Liebe Herzogin, wie geht es dem Herzog? Vermutlich
immer noch schwach bei Verstand? Nun, das war ja wohl nicht anders zu
erwarten. Seinem guten Vater erging's genauso. Es geht doch nichts über
Rasse, nicht wahr?
MRS. CHEVELEY spielt mit ihrem Fächer:
Sind wir uns wirklich schon früher begegnet, Lady Chiltern? Ich kann
mich nicht erinnern, wo. Ich habe so lange fern von England gelebt.
LADY CHILTERN: Wir waren zusammen in der Schule, Mrs. Cheveley.
MRS. CHEVELEY hochmütig:
Wirklich? Ich habe alles aus meiner Schulzeit vergessen. Ich habe den
vagen Eindruck, dass sie abscheulich war.
LADY CHILTERN kühl: Das überrascht
mich nicht!
MRS. CHEVELEY äußerst liebenswürdig:
Wissen Sie, ich freue mich darauf, Ihren tüchtigen Gatten kennen
zulernen, Lady Chiltern. Seit er im Außenministerium ist, wird in Wien so
viel von ihm gesprochen. In den Zeitungen wird tatsächlich sein Name
richtig geschrieben. Das bedeutet auf dem Festland an sich schon Ruhm.
LADY CHILTERN: Ich glaube kaum, dass es zwischen Ihnen und meinem Gatten
viel Gemeinsames geben wird, Mrs. Cheveley! Entfernt sich.
VICOMTE DE NANJAC:
Ah, chérie Madame, quelle surprise! Seit
Berlin habe ich Sie nicht gesehen.
MRS. CHEVELEY: Seit Berlin nicht, Vicomte. Das ist fünf Jahre her!
VICOMTE DE NANJAC: Und Sie sind jünger und schöner denn je. Wie bringen
Sie das fertig?
MRS. CHEVELEY: Indem ich es mir zur Regel mache, nur mit ausnehmend
reizenden Leuten wie Ihnen zu plaudern.
VICOMTE DE NANJAC:
Ah! Sie schmeicheln mir. Sie gehen mir um den Bart, wie man hier sagt.
MRS. CHEVELEY:
So? Sagt man das hier? Wie grässlich!
VICOMTE DE NANJAC: Ja, die Sprache hier ist wundervoll. Sie sollte weithin
bekannt sein.
Sir Robert
Chiltern tritt auf. Ein Mann von vierzig, sieht jedoch
etwas jünger aus. Glattrasiert, mit
wohlgeschnittenen Zügen; dunkles
Haar und dunkle Augen. Eine markante Persönlichkeit. Nicht volkstümlich - das sind wenige Persönlichkeiten. Aber ungeheuer
bewundert von den wenigen und hochgeachtet von den vielen. Sein Benehmen
zeichnet sich durch vollendete Würde aus, mit einem leichten Anflug von Hochmut. Man spürt, dass er sich seines Erfolgs
im Leben bewusst ist. Ein reizbares Temperament, mit müdem
Blick. Der hart gemeißelte Mund und das ebenso gebildete Kinn stehen in auffallendem Gegensatz zu dem romantischen Ausdruck in
den tiefliegenden Augen. Dieser Widerspruch deutet auf eine nahezu vollständige Trennung von Leidenschaft und Intellekt hin,
als wären Denken und Fühlen durch einen Gewaltakt der Willenskraft
jedes für sich in seinem Wirkungsbereich isoliert. Reizbarkeit liegt in den Nasenflügeln und den blassen, schlanken und
spitz zulaufenden Händen. Es wäre nicht zutreffend, ihn malerisch zu
nennen. Malerisches kann das Unterhaus nicht überleben. Aber Van Dyck hätte
wohl gern seinen Kopf gemalt.
SIR ROBERT CHILTERN: Guten Abend, Lady Markby. Ich hoffe, Sie haben
Sir John mitgebracht?
LADY MARKBY:
Oh! Ich habe eine viel reizendere Person als Sir John mitgebracht. Sir
Johns Laune ist, seit er sich ernstlich mit Politik beschäftigt, einfach
unerträglich geworden. Wahrhaftig, nun da das Unterhaus versucht, sich nützlich
zu machen, richtet es eine Menge Schaden an.
SIR ROBERT CHILTERN: Das will ich nicht hoffen, Lady Markby. Auf jeden
Fall tun wir doch unser Bestes, die Zeit der Öffentlichkeit zu
verschwenden? Aber wer ist diese reizende Person, die Sie
freundlicherweise zu uns mitgebracht haben?
LADY MARKBY:
Ihr Name ist Mrs. Cheveley! Eine von den
Cheveleys in Dorsetshire, nehme ich an. Aber ich weiß es wirklich nicht.
Familien sind heutzutage so durcheinandergemengt. Tatsächlich stellt sich
in der Regel jeder als jemand anders heraus.
SIR ROBERT
CHILTERN: Mrs. Cheveley? Der Name kommt mir
bekannt vor.
LADY MARKBY: Sie ist eben aus Wien gekommen.
SIR ROBERT CHILTERN: Ach ja! Ich glaube, ich weiß, wen Sie meinen.
LADY MARKBY:
Oh! Dort geht sie überallhin, und sie weiß so amüsante
Skandalgeschichten von all ihren Freunden. Ich muss wirklich nächsten
Winter nach Wien fahren. Ich hoffe, die dortige Botschaft hat einen guten
Küchenchef.
SIR ROBERT CHILTERN: Wenn nicht, dann wird man den Botschafter zweifellos
abrufen. Bitte zeigen Sie mir Mrs. Cheveley. Ich möchte sie gern sehen.
LADY MARKBY: Erlauben Sie, dass ich Sie bekannt mache. Zu Mrs. Cheveley. Meine Liebe, Sir Robert Chiltern stirbt vor Verlangen, Sie kennen
zulernen!
SIR ROBERT CHILTERN verneigt sich: Jeder
stirbt vor Verlangen, die glänzende Mrs. Cheveley kennen zulernen.
Unsere Attachés in Wien schreiben uns über nichts anderes.
MRS. CHEVELEY:
Vielen Dank, Sir Robert. Eine
Bekanntschaft, die mit einem Kompliment beginnt, hat alle Aussicht, sich
zu einer echten Freundschaft zu entwickeln. Sie beginnt auf die rechte
Art. Und ich habe entdeckt, dass ich Lady Chiltern bereits kenne.
SIR ROBERT CHILTERN: Was Sie nicht sagen!
MRS. CHEVELEY:
Ja. Sie hat mich eben daran erinnert, dass wir zusammen in der Schule
waren. Ich entsinne mich jetzt. Sie bekam stets den Preis für gutes
Betragen. Ich weiß genau, dass Lady Chiltern stets den Preis für gutes
Betragen erhielt.
SIR ROBERT CHILTERN lächelnd:
Und welche Preise erhielten Sie, Mrs. Cheveley?
MRS. CHEVELEY: Meine Preise stellten sich etwas später im Leben ein. Ich
glaube nicht, dass einer davon für gutes Betragen war. Ich hab's
vergessen!
SIR ROBERT CHILTERN: Ganz gewiss waren sie für etwas Reizendes!
MRS. CHEVELEY: Ich weiß nicht, ob Frauen immer dafür belohnt werden,
wenn sie reizend sind. Ich glaube, gewöhnlich werden sie dafür bestraft!
Bestimmt altern heutzutage mehr Frauen durch die Treue ihrer Anbeter als
durch sonst etwas! Zumindest kann ich mir nur so das schrecklich abgehärmte
Aussehen der meisten hübschen Frauen in London erklären!
SIR ROBERT CHILTERN: Nach welch einer schauderhaften Philosophie das
klingt! Der Versuch, Sie einzustufen, Mrs. Cheveley, wäre eine Unverschämtheit.
Aber darf ich Sie fragen, ob Sie im Innern eine Optimistin oder eine
Pessimistin sind? Das scheinen die beiden einzigen beliebten Religionen zu
sein, die uns heutzutage geblieben sind.
MRS. CHEVELEY: Oh, ich bin weder das eine noch das andere. Optimismus
beginnt mit einem breiten Grinsen, und Pessimismus endet mit einer blauen
Brille. Außerdem sind beide nur Pose.
SIR ROBERT CHILTERN: Sie ziehen es vor, natürlich zu sein?
MRS. CHEVELEY:
Mitunter. Aber diese Pose ist so schwer
aufrechtzuerhalten.
SIR ROBERT CHILTERN: Was würden die modernen psychologischen Romanciers,
von denen wir so viel hören, zu einer solchen Theorie sagen?
MRS. CHEVELEY:
Ach! Die Stärke der Frauen rührt aus der Tatsache her, dass die
Psychologie uns nicht zu deuten vermag. Männer kann man analysieren,
Frauen ... nur anbeten.
SIR ROBERT CHILTERN: Sie meinen, die Wissenschaft kann das Problem Frau
nicht bewältigen?
MRS. CHEVELEY: Nie kann die Wissenschaft das Irrationale bewältigen.
Darum hat sie auf dieser Welt auch keine Zukunft.
SIR ROBERT CHILTERN: Und Frauen verkörpern das Irrationale.
MRS. CHEVELEY: Ja, gutgekleidete Frauen.
SIR ROBERT CHILTERN mit einer höflichen
Verneigung: Ich fürchte, darin könnte ich schwerlich mit Ihnen übereinstimmen.
Aber setzen wir uns doch. Und jetzt erzählen Sie mir, warum Sie Ihr
strahlendes Wien verlassen haben und in unser düsteres London gekommen
sind - oder vielleicht ist die Frage indiskret?
MRS. CHEVELEY: Fragen sind nie indiskret. Antworten bisweilen.
SIR ROBERT CHILTERN: Nun, darf ich jedenfalls erfahren, ob es sich um
Politik oder Vergnügen handelt?
MRS. CHEVELEY: Die Politik ist mein einziges Vergnügen. Verstehen Sie,
heutzutage ist es unmodern, zu flirten, ehe man vierzig ist, oder
romantisch zu sein, ehe man fünfundvierzig ist, deshalb steht uns armen
Frauen, die wir unter Dreißig sind, oder es zu sein behaupten, nichts
offen als die Politik oder die Philanthropie. Und die Philanthropie,
scheint mir, ist einfach die Zukunft solcher Leute geworden, die ihre
Mitmenschen zu belästigen wünschen. Ich ziehe die Politik vor. Ich halte
sie für ... kleidsamer.
SIR ROBERT CHILTERN: Ein politisches Leben ist eine erhabene Laufbahn.
MRS. CHEVELEY:
Mitunter. Und manchmal ist es ein geschicktes
Spiel, Sir Robert. Und bisweilen eine große Plage.
SIR ROBERT CHILTERN: Und wofür halten Sie es?
MRS. CHEVELEY: Für eine Verbindung von allen dreien. Lässt ihren Fächer fallen.
SIR ROBERT CHILTERN hebt den Fächer
auf: Gestatten Sie!
MRS. CHEVELEY: Danke.
SIR ROBERT CHILTERN: Aber Sie haben mir noch nicht gesagt, was Sie
veranlasst, so unvermutet London zu beehren. Die Saison ist fast vorbei.
MRS. CHEVELEY:
Oh! Aus der Londoner Saison mache ich mir nichts! Sie ist zu ...
ehelich. Entweder jagen die Leute Ehegatten nach oder verstecken sich vor
ihnen. Ich wollte Sie kennen lernen. Das ist die reine Wahrheit. Sie
wissen, wie die Neugier einer Frau beschaffen ist. Fast so groß wie die
eines Mannes. Ich hatte ungeheures Verlangen danach, Sie kennen zulernen
und ... Sie zu bitten, dass Sie etwas für mich tun.
SIR ROBERT CHILTERN: Hoffentlich ist es keine Kleinigkeit, Mrs. Cheveley.
Ich finde, in Kleinigkeiten lässt sich so schwer etwas tun.
MRS. CHEVELEY nachdem sie einen
Augenblick überlegt hat: Nein, ich glaube, dass es mehr als eine
Kleinigkeit ist.
SIR ROBERT CHILTERN: Das freut mich sehr. Sagen Sie mir, was es ist.
MRS. CHEVELEY:
Später. Steht auf. Und darf ich jetzt durch Ihr schönes Haus spazieren? Sie sollen
bezaubernde Gemälde haben. Der arme Baron Arnheim - Sie erinnern sich an
den Baron? - hat mir oft erzählt, dass sie ein paar wundervolle Corots
besäßen.
SIR ROBERT CHILTERN mit einem fast
unmerklichen Erschrecken: Kannten Sie Baron Arnheim gut?
MRS. CHEVELEY lächelnd: Sehr
nahe. Und Sie?
SIR ROBERT CHILTERN: Irgendwann.
MRS. CHEVELEY: Ein wundervoller Mensch war er, nicht wahr?
SIR ROBERT CHILTERN nach einer
Pause: Er war sehr bemerkenswert, in mehrfacher Hinsicht.
MRS. CHEVELEY: Ich denke oft, wie schade es ist, dass er nicht seine
Memoiren geschrieben hat. Sie wären ungemein interessant gewesen.
SIR ROBERT CHILTERN: Ja: er kannte Menschen und Städte, wie der, alte
Grieche.
MRS. CHEVELEY: Ohne den schrecklichen Nachteil, dass zu Hause eine
Penelope auf ihn wartete.
MANSON: Lord Goring.
Lord Goring
tritt auf. Vierunddreißig, behauptet jedoch stets,
jünger zu sein. Ein manierliches,
ausdrucksloses Gesicht. Er ist gescheit,
möchte aber nicht gern dafür gehalten werden. Als makellosem Dandy wäre
es ihm verdrießlich, für romantisch zu gelten. Er spielt mit dem Leben und steht mit der Gesellschaft auf ausgemacht gutem
Fuß. Er liebt es, missverstanden zu werden. Das gibt ihm
eine überlegene Stellung.
SIR ROBERT CHILTERN: Guten Abend, mein lieber Arthur! Mrs. Cheveley,
gestatten Sie, dass ich Ihnen Lord Goring vorstelle, den müßigsten Mann
von London.
MRS. CHEVELEY: Ich bin Lord Goring schon früher begegnet.
LORD GORING verneigt sich: Ich
glaubte nicht, dass Sie sich meiner erinnern würden, Mrs. Cheveley.
MRS. CHEVELEY: Mein Gedächtnis habe ich wunderbar in der Gewalt. Und sind
Sie immer noch Junggeselle?
LORD GORING: Ich ... glaube, ja.
MRS. CHEVELEY: Wie höchst romantisch!
LORD GORING:
Oh! Ich bin überhaupt nicht romantisch. Dazu bin ich nicht alt genug.
Die Romantik überlasse ich solchen, die älter sind als ich.
SIR ROBERT CHILTERN: Lord Goring ist das Produkt des Boodle-Klubs, Mrs.
Cheveley.
MRS. CHEVELEY: Er macht dieser Institution alle Ehre.
LORD GORING: Darf ich fragen, ob Sie lange in London bleiben?
MRS. CHEVELEY: Das hängt von verschiedenem ab, teils vom Wetter, teils
von der Kochkunst und teils von Sir Robert.
SIR ROBERT CHILTERN: Sie wollen uns doch hoffentlich nicht in einen europäischen
Krieg stürzen?
MRS. CHEVELEY: Dafür besteht im Augenblick keine Gefahr!
Sie nickt
Lord Goring mit einem vergnügten Blick zu und geht mit
Sir Robert hinaus. Lord Goring
schlendert auf Mabel Chiltern zu.
MABEL CHILTERN: Sie sind sehr spät gekommen!
LORD GORING: Haben Sie mich vermisst?
MABEL CHILTERN: Fürchterlich!
LORD GORING: Dann tut es mir leid, dass ich nicht noch länger
ferngeblieben bin. Ich habe es gern, vermisst zu werden.
MABEL CHILTERN: Wie selbstsüchtig von Ihnen!
LORD GORING: Ich bin sehr selbstsüchtig.
MABEL CHILTERN: Sie erzählen mir immer von Ihren schlechten
Eigenschaften, Lord Goring.
LORD GORING: Ich habe Ihnen bis jetzt erst die Hälfte davon gestanden,
Miss Mabel!
MABEL CHILTERN: Sind die andern sehr schlimm?
LORD GORING: Ganz schrecklich! Wenn ich nachts an sie denke, schlafe ich
sofort ein.
MABEL CHILTERN: Also mir gefallen Ihre schlechten Eigenschaften. Ich möchte
nicht, dass Sie sich auch nur von einer einzigen trennen.
LORD GORING: Wie liebenswürdig von Ihnen! Aber Sie sind ja immer liebenswürdig.
Übrigens möchte ich Sie etwas fragen, Miss Mabel. Wer hat Mrs. Cheveley
hergebracht? Die Frau in Heliotrop, die eben mit Ihrem Bruder den Saal
verließ?
MABEL CHILTERN: Oh, ich glaube, Lady Markby hat sie mitgebracht. Warum
fragen Sie?
LORD GORING: Ich habe sie jahrelang nicht gesehen, weiter nichts.
MABEL CHILTERN: Was für ein alberner Grund!
LORD GORING: Alle Beweggründe sind albern.
MABEL CHILTERN: Was ist sie für eine Frau?
LORD GORING:
Oh! Am Tag ein Genie und nachts eine Schönheit!
MABEL CHILTERN: Sie missfällt mir bereits.
LORD GORING: Das beweist Ihren bewundernswert guten Geschmack.
VICOMTE DE NANJAC tritt zu
ihnen: Ah, die englische junge Dame ist der Drache des guten
Geschmacks, nicht wahr? Ja, der Drache des guten Geschmacks.
LORD GORING: Jedenfalls reden uns das die Zeitungen ständig vor.
VICOMTE DE NANJAC: Ich lese all Ihre englischen Zeitungen. Ich finde sie
so amüsant.
LORD GORING: Dann, mein lieber Nanjac, müssen Sie wahrhaftig zwischen den
Zeilen lesen.
VICOMTE DE NANJAC: Das würde ich gern, aber mein Lehrer ist dagegen. Zu
Mabel Chiltern. Darf ich das Vergnügen haben, Sie ins Musikzimmer zu
geleiten, Mademoiselle?
MABEL CHILTERN mit sehr
enttäuschtem Gesicht: Mit Freuden, Vicomte, mit großer Freude! Zu
Lord Goring. Kommen Sie auch ins Musikzimmer?
LORD GORING: Nicht, solange da noch Musik gemacht wird, Miss Mabel.
MABEL CHILTERN streng: Es ist
deutsche Musik. Sie würden sie nicht verstehen. Geht mit dem Vicomte de Nanjac
hinaus. Lord Caversham tritt zu
seinem Sohn.
LORD CAVERSHAM: Na, mein Herr Sohn? Was machst du hier? Verplemperst
wie gewöhnlich dein Leben! Du solltest im Bett liegen, mein Herr Sohn. Du
bleibst zu lange auf! Hörte, dass du neulich bei Lady Rufford bis morgens
um vier getanzt hast!
LORD GORING: Bloß bis dreiviertel vier, Vater.
LORD CAVERSHAM: Kann nicht dahinterkommen, wie du die englische
Gesellschaft erträgst. Sie ist auf den Hund gekommen, ein Haufen Niemande,
die über nichts reden.
LORD GORING: Ich liebe es, über nichts zu reden, Vater. Das ist das
einzige, wovon ich etwas verstehe.
LORD CAVERSHAM: Mir scheint, du lebst einzig und allein für dein Vergnügen.
LORD GORING: Wofür sollte man denn sonst leben, Vater?
LORD CAVERSHAM: Du bist herzlos, einfach herzlos.
LORD GORING: Ich hoffe, nicht, Vater. Guten Abend, Lady Basildon!
LADY BASILDON wölbt zwei hübsche
Augenbrauen: Sie hier? Ich hatte keine Ahnung, dass Sie jemals
politische Gesellschaften besuchen.
LORD GORING: Ich liebe politische Gesellschaften. Das ist der einzige Ort,
der uns geblieben ist, wo die Leute nicht über Politik reden.
LADY BASILDON: Ich rede gern über Politik. Ich rede den ganzen Tag darüber.
Aber ich kann es nicht ausstehen, darüber reden zu hören. Ich weiß
nicht, wie die Unglücklichen im Parlament diese langen Debatten ertragen.
LORD GORING: Indem sie nicht zuhören.
LADY BASILDON: Wirklich?
LORD GORING so ernst, wie es ihm möglich
ist: Natürlich. Verstehen Sie, es ist sehr gefährlich, zuzuhören. Hört
man zu, kann man überzeugt werden, und wer sich durch ein Argument überzeugen
lässt, ist ein von Grund auf unvernünftiger Mensch.
LADY BASILDON:
Ach! Das erklärt so vieles an den Männern, was ich nie verstanden
habe, und so vieles an den Frauen, was ihre Ehemänner niemals an ihnen
schätzen.
MRS. MARCHMONT mit einem Seufzer: Unsere
Ehemänner schätzen nie etwas an uns. Um das zu haben, müssen wir zu
anderen gehen!
LADY BASILDON nachdrücklich: Ja,
immer zu anderen, nicht wahr?
LORD GORING lächelnd: Und das
sind die Ansichten der beiden Damen, die dafür bekannt sind, die
vortrefflichsten Ehegatten in London zu besitzen.
MRS. MARCHMONT: Das ist es ja gerade, was wir nicht ertragen können. Mein
Reginald ist einfach zum Verzweifeln untadelig. Deswegen ist er bisweilen
unerträglich! Die Bekanntschaft mit ihm bietet einem nicht den
allergeringsten Anreiz.
LORD GORING: Wie schrecklich! Das sollte wahrhaftig in größerem Umfang
bekannt werden.
LADY BASILDON: Basildon ist genauso arg, er ist so häuslich, als wäre er
Junggeselle.
MRS. MARCHMONT drückt Lady Basildon
die Hand: Meine arme Olivia! Wir haben vollkommene Ehemänner
geheiratet, und dafür sind wir tüchtig bestraft.
LORD GORING: Ich hätte gemeint, die Ehemänner sind es, die gestraft
sind.
MRS. MARCHMONT reckt sich empor: O
Himmel, nein! Die sind denkbar glücklich! Und was ihr Vertrauen zu uns
betrifft, es ist tragisch, wie sehr sie uns vertrauen.
LADY BASILDON: Ausgemacht tragisch!
LORD GORING: Oder komisch, Lady Basildon?
LADY BASILDON: Ganz gewiss nicht komisch, Lord Goring. Wie unfreundlich
von Ihnen, dergleichen anzudeuten!
MRS. MARCHMONT: Ich fürchte, Lord Goring befindet sich wie gewöhnlich im
Lager des Feindes. Ich sah ihn mit Mrs. Cheveley sprechen, als ich
hereinkam.
LORD GORING: Hübsche Frau, diese Mrs. Cheveley!
LADY BASILDON steif: Bitte rühmen
Sie nicht andere Frauen in unserer Gegenwart. Sie könnten abwarten, bis
wir es tun!
LORD GORING: Ich habe gewartet.
MRS. MARCHMONT: Nun, wir werden sie nicht rühmen. Sie soll Montagabend in
die Oper gegangen sein und hinterher beim Essen zu Tommy Rufford gesagt
haben, soweit sie erkennen könne, bestehe die Londoner Gesellschaft
durchweg aus altmodischen Schlampen und Modefexen.
LORD GORING: Womit sie auch völlig recht hat. Alle Männer sind
altmodische Schlampen und alle Frauen Modefexe, nicht wahr?
MRS. MARCHMONT nach einer Pause: Oh!
Glauben Sie wirklich, dass Mrs. Cheveley es so gemeint hat?
LORD GORING: Natürlich. Und obendrein ist das eine sehr gescheite
Bemerkung von Mrs. Cheveley.
Mabel
Chiltern tritt ein. Sie gesellt sich zu der Gruppe.
MABEL CHILTERN: Warum reden Sie über Mrs. Cheveley? Alle reden über
Mrs. Cheveley! Lord Goring sagt - was sagten Sie von Mrs. Cheveley, Lord
Goring? Oh! Ich erinnere mich: sie sei bei Tag ein Genie und nachts eine
Schönheit.
LADY BASILDON: Welch abscheuliche Kombination! So durchaus unnatürlich!
MRS. MARCHMONT so träumerisch, wie
es ihr möglich ist: Ich liebe es, Genies anzuschauen und schönen
Leuten zuzuhören.
LORD GORING: Wie morbid von Ihnen, Mrs. Marchmont!
MRS. MARCHMONT erstrahlt zu einem
Ausdruck echter Freude: Es freut mich so, das von Ihnen zu hören.
Marchmont und ich sind seit sieben Jahren verheiratet, und nicht ein
einziges Mal hat er mir gesagt, ich sei morbid. Männer sind so peinlich
unaufmerksam.
LADY BASILDON zu ihr gewandt:
Liebe Margaret, ich habe stets behauptet, Sie seien die morbideste Person
von London.
MRS. MARCHMONT:
Ach! Aber Sie sind ja stets eine gleichgestimmte Seele, Olivia!
MABEL CHILTERN: Ist es morbid, Verlangen nach Essen zu haben? Ich habe großes
Verlangen zu essen. Lord Goring, wollen Sie mir dazu verhelfen?
LORD GORING: Mit Vergnügen, Miss Mabel. Entfernt
sich mit ihr.
MABEL CHILTERN: Wie abscheulich Sie gewesen sind! Den ganzen Abend
haben Sie nicht mit mir gesprochen!
LORD GORING: Wie konnte ich? Sie sind ja mit diesem Diplomatenknaben
weggegangen.
MABEL CHILTERN: Sie hätten uns folgen können. Das wäre nicht mehr als höflich
gewesen. Ich glaube nicht, dass Sie mir heute Abend überhaupt gefallen!
LORD GORING: Sie gefallen mir ungeheuer.
MABEL CHILTERN: Nun, dann wünschte ich, Sie zeigten es etwas deutlicher!
Sie gehen
die Treppe hinab.
MRS. MARCHMONT: Olivia, ich habe ein merkwürdiges Gefühl völliger
Schwäche. Ich glaube, etwas zu essen würde mir sehr zusagen. Ich weiß,
etwas zu essen würde mir zusagen.
LADY BASILDON: Ich sterbe einfach vor Verlangen nach Essen, Margaret!
MRS. MARCHMONT: Männer sind so schrecklich selbstsüchtig, nie denken sie
an dergleichen.
LADY BASILDON: Männer sind im höchsten Grade materiell, im höchsten
Grade materiell!
Der Vicomte
de Nanjac tritt mit einigen anderen Gästen aus
dem Musikzimmer. Nachdem er alle
Anwesenden sorgfältig gemustert hat, nähert er sich Lady Basildon.
VICOMTE DE NANJAC: Darf ich die Ehre haben, Sie zum Essen
hinunterzuführen, Comtesse?
LADY BASILDON kühl: Vielen
Dank, Vicomte, ich speise niemals zur Nacht. Der
Vicomte will sich zurückziehen. Lady Basildon bemerkt es, erhebt sich
sofort und nimmt seinen Arm. Aber ich werde Sie mit Vergnügen hinunterbegleiten.
VICOMTE DE NANJAC: Ich liebe es so sehr, zu speisen! Ich bin in all meinen
Neigungen sehr englisch.
LADY BASILDON: Sie sehen ganz und gar englisch aus, Vicomte, ganz und gar
englisch.
Sie gehen
hinaus. Mr. Montford, ein vollendet geschniegelter
und gebügelter junger Dandy, tritt
zu Mrs. Marchmont.
MR. MONTFORD: Möchten Sie nicht was essen, Mrs. Marchmont?
MRS. MARCHMONT matt: Vielen
Dank, Mr. Montford, ich rühre zur Nacht keinen Bissen an. Steht hastig auf und nimmt seinen
Arm. Aber ich werde neben Ihnen sitzen und Ihnen zuschauen.
MR. MONTFORD: Ich glaube nicht, dass ich mir beim Essen gern zusehen
lasse!
MRS. MARCHMONT: Dann werde ich jemand anders zuschauen.
MR. MONTFORD: Ich glaube, das würde mir eben sowenig gefallen.
MRS. MARCHMONT streng: Bitte,
Mr. Montford, lassen Sie diese peinlichen Eifersuchtsszenen in der Öffentlichkeit!
Sie gehen
mit den anderen Gästen die Treppe hinab und kommen
an Sir Robert Chiltern und Mrs.
Cheveley vorbei, die jetzt
eintreten.
SIR ROBERT CHILTERN: Und gedenken Sie eins von unsern Landhäusern
zu besuchen, ehe Sie England verlassen, Mrs. Cheveley?
MRS. CHEVELEY:
O nein! Ich kann eure englischen Hausgesellschaften nicht ausstehen. In
England versuchen die Leute wahrhaftig, beim Frühstück zu glänzen. Das
ist so schrecklich an ihnen! Nur fade Leute glänzen beim Frühstück. Und
außerdem pflegt das Familienskelett die Hausgebete zu lesen. Mein
Aufenthalt in England hängt tatsächlich von Ihnen ab, Sir Robert. Setzt
sich aufs Sofa.
SIR ROBERT CHILTERN nimmt in
einem Sessel neben ihr Platz: Im Ernst?
MRS. CHEVELEY: Ganz im Ernst. Ich möchte mit Ihnen über ein bedeutendes
politisches und finanzielles Projekt sprechen, kurz und gut, über diese
argentinische Kanalgesellschaft.
SIR ROBERT CHILTERN: Welch langweiliges sachliches Gesprächsthema für
Sie, Mrs. Cheveley!
MRS. CHEVELEY: Oh, ich liebe langweilige sachliche Themen. Was ich nicht
liebe, sind langweilige sachliche Leute. Das ist ein großer Unterschied.
Außerdem weiß ich, dass Sie an internationalen Kanalprojekten
interessiert sind. Sie waren doch Lord Radleys Sekretär, als die
Regierung die Suezkanal-Aktien kaufte?
SIR ROBERT CHILTERN: Ja. Aber der Suezkanal war ein sehr bedeutendes und
großartiges Unternehmen. Er verschaffte uns den geraden Weg nach Indien.
Er hatte Wert für das Britische Reich. Es war unerlässlich für uns, die
Kontrolle zu erhalten. Dieses argentinische Projekt ist ein ganz gewöhnlicher
Börsenschwindel.
MRS. CHEVELEY: Eine Spekulation, Sir Robert! Eine glänzende, kühne
Spekulation.
SIR ROBERT CHILTERN: Glauben Sie mir, Mrs. Cheveley, es ist ein Schwindel.
Lassen Sie uns die Dinge beim Namen nennen. Es vereinfacht die Sache. Wir
im Außenministerium haben vollständige Informationen darüber. Tatsächlich
habe ich eine Sonderkommission hingeschickt, unter der Hand Erkundigungen
einzuziehen, und ihre Berichte lauten, dass die Arbeiten kaum begonnen
haben, und was das bereits gezeichnete Geld betrifft, so scheint keiner zu
wissen, was damit geworden ist. Die ganze Sache ist ein zweites Panama,
und nicht mit einem Viertel der Aussicht auf Erfolg, die jene unselige Affäre
jemals hatte. Hoffentlich haben Sie da nichts investiert. Ich bin gewiss,
Sie sind viel zu gescheit, um das getan zu haben.
MRS. CHEVELEY: Ich habe sehr erhebliche Summen investiert.
SIR ROBERT CHILTERN: Wer könnte Ihnen etwas so Törichtes geraten haben?
MRS. CHEVELEY: Ihr alter Freund - und der meine.
SIR ROBERT
CHILTERN: Wer?
MRS. CHEVELEY: Baron Arnheim.
SIR ROBERT CHILTERN runzelt die Stirn: Ach ja!
Ich erinnere mich, dass ich zur Zeit seines Ablebens hörte, er sei in die
Sache verwickelt gewesen.
MRS. CHEVELEY: Es war sein letztes Abenteuer. Sein vorletztes, um ihm
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
SIR ROBERT CHILTERN steht auf: Aber
Sie haben noch nicht meine Corots gesehen. Sie hängen im Musikzimmer.
Corots passen zu Musik, nicht wahr? Darf ich sie Ihnen zeigen?
MRS. CHEVELEY schüttelt den Kopf: Ich
bin heute Abend nicht in der Stimmung für silbernes Zwielicht und
rosenfarbenes Morgendämmern. Ich möchte über Geschäfte reden. Winkt ihm mit ihrem
Fächer, sich wieder neben sie
zu setzen.
SIR ROBERT CHILTERN: Ich fürchte, ich kann Ihnen keinen Rat geben,
Mrs. Cheveley, außer, dass Sie sich für etwas weniger Gefährliches
interessieren. Der Erfolg des Kanals hängt natürlich von der Haltung
Englands ab, und ich werde morgen Abend dem Parlament den Bericht der
Kommissionsmitglieder vorlegen.
MRS. CHEVELEY: Das dürfen Sie nicht. In Ihrem eigenen Interesse, Sir
Robert, gar nicht zu reden von meinem, dürfen Sie das nicht tun.
SIR ROBERT CHILTERN blickt sie
erstaunt an: In meinem eigenen Interesse? Meine liebe Mrs. Cheveley,
was soll das heißen? Setzt sich
neben sie.
MRS. CHEVELEY: Sir Robert, ich will ganz offen mit Ihnen reden. Ich möchte,
dass Sie den Bericht, den Sie dem Parlament vorzulegen gedenken, zurückziehen,
mit der Begründung, Sie hätten Anlass zu glauben, die
Kommissionsmitglieder seien voreingenommen oder falsch informiert worden,
oder sonst dergleichen. Überdies möchte ich, dass Sie ein paar Worte
etwa in dem Sinne sagen, die Regierung werde die Frage noch einmal erwägen
und Sie hätten Ursache zu der Überzeugung, der Kanal werde, wenn er
fertiggestellt sei, von großem internationalem Wert sein. Sie wissen ja,
was Minister in solchen Fällen zu sagen pflegen. Ein paar der üblichen
Plattitüden werden ausreichen. Im heutigen Leben ist nichts so
wirkungsvoll wie eine bewährte Plattitüde. Sie verbindet alle Welt.
Werden Sie das für mich tun?
SIR ROBERT CHILTERN: Mrs. Cheveley, es kann nicht Ihr Ernst sein, ein
solches Ansinnen an mich zu stellen!
MRS. CHEVELEY: Es ist mein völliger Ernst.
SIR ROBERT CHILTERN abweisend: Gestatten
Sie mir bitte, das zu bezweifeln.
MRS. CHEVELEY sehr überlegt und
nachdrücklich: Ah! Aber es ist mein Ernst. Und wenn Sie tun, worum
ich Sie bitte ... werde ich Sie recht anständig bezahlen!
SIR ROBERT CHILTERN: Mich bezahlen!
MRS. CHEVELEY:
Ja.
SIR ROBERT CHILTERN: Ich fürchte, ich
verstehe nicht ganz, was Sie meinen.
MRS. CHEVFLEY lehnt sich auf dem
Sofa zurück und sieht ihn an: Wie überaus enttäuschend! Und da bin
ich den ganzen Weg von Wien hergekommen, nur damit Sie mich völlig
verstehen.
SIR ROBERT CHILTERN: Leider ist es mir nicht möglich.
MRS. CHEVELEY auf ihre
nonchalanteste Art: Mein lieber Sir Robert, Sie sind ein Mann von Welt
und haben vermutlich Ihren Preis. Den hat heutzutage jeder. Der Nachteil
ist, dass die meisten Leute so schrecklich teuer sind. Dass ich es bin,
weiß ich. Ich hoffe, Sie werden in Ihren Forderungen maßvoller sein.
SIR ROBERT CHILTERN steht entrüstet
auf: Wenn Sie mir gestatten, werde ich Ihren Wagen kommen lassen. Sie
haben zu lange im Ausland gelebt, Mrs. Cheveley, und sind anscheinend außerstande,
sich zu vergegenwärtigen, dass Sie mit einem englischen Gentleman
sprechen.
MRS. CHEVELEY hält ihn zurück,
indem sie seinen Arm mit dem Fächer berührt und ihn dort ruhen lässt, während
sie spricht: Ich bin mir bewusst, dass ich mit einem Mann spreche, der
den Grundstock zu seinem Vermögen legte, indem er einem Börsenspekulanten
ein Kabinettsgeheimnis verkaufte.
SIR ROBERT CHILTERN beißt sich auf
die Lippe: Was wollen Sie damit sagen?
MRS. CHEVELEY steht auf und sieht
ihm ins Gesicht: Ich will damit sagen, dass ich den wahren Ursprung
Ihres Reichtums und Ihrer Karriere kenne und ich obendrein Ihren Brief
besitze.
SIR ROBERT CHILTERN: Welchen Brief?
MRS. CHEVELEY verächtlich: Den
Brief, den Sie Baron Arnheim schrieben, als Sie Lord Radleys Sekretär
waren, und in dem Sie ihm rieten, Suezkanal-Aktien zu kaufen - einen
Brief, der drei Tage vor dem Datum geschrieben wurde, da die Regierung
ihren Ankauf veröffentlichte.
SIR ROBERT CHILTERN heiser: Das
ist nicht wahr.
MRS. CHEVELEY: Sie glaubten, der Brief sei vernichtet worden. Wie töricht
von Ihnen! Er befindet sich in meinem Besitz.
SIR ROBERT CHILTERN: Die Sache, auf die Sie anspielen, war nicht mehr als
eine Spekulation. Das Unterhaus hatte den Antrag noch nicht angenommen; er
hätte abgewiesen werden können.
MRS. CHEVELEY: Es war ein Schwindel, Sir Robert. Lassen Sie uns die Dinge
beim Namen nennen. Es vereinfacht die Sache. Und nun werde ich Ihnen
diesen Brief verkaufen, und als Preis dafür fordere ich Ihre öffentliche
Unterstützung des argentinischen Projekts. Sie haben Ihr Vermögen mit
dem einen Kanal gemacht. Sie müssen mir und meinen Freunden helfen, unser
Vermögen mit einem anderen zu machen!
SIR ROBERT CHILTERN: Was Sie mir vorschlagen, ist infam - infam!
MRS. CHEVELEY:
O nein! Es ist das Lebensspiel, Sir Robert, das wir alle, früher oder später,
spielen müssen!
SIR ROBERT CHILTERN: Ich kann nicht tun, was Sie von mir verlangen.
MRS. CHEVELEY: Sie meinen, Sie können nichts anderes tun. Sie wissen,
dass Sie am Rande eines Abgrunds stehen. Und nicht Sie haben die
Forderungen zu stellen. Sie haben sie zu akzeptieren. Angenommen, Sie
weigern sich ...
SIR ROBERT CHILTERN: Was dann?
MRS. CHEVELEY: Mein lieber Sir Robert, was dann? Dann sind Sie ruiniert,
das ist alles! Denken Sie daran, wohin euer Puritanismus in England euch
gebracht hat. Früher maßte sich niemand an, ein wenig besser zu sein als
seine Nachbarn. Ein wenig besser zu sein als der Nachbar wurde sogar für
überaus vulgär und spießbürgerlich gehalten. Heutzutage, bei der
Moralsucht, die bei uns Mode ist, muss jeder als ein Musterbild der
Reinheit, Unbestechlichkeit und aller anderen sieben Todtugenden dastehen
- und was ist das Resultat? Ihr stürzt alle wie Kegel - einer nach dem
andern. Kein Jahr vergeht in England, ohne dass jemand in der Versenkung
verschwindet. Ärgerliches Aufsehen pflegte einen Mann reizvoll oder
zumindest interessant zu machen - jetzt vernichtet es ihn. Und das
Aufsehen, das Sie erregen werden, ist sehr übel. Sie könnten es nicht überleben.
Wenn bekannt würde, dass Sie als junger Mann, Sekretär eines berühmten
und bedeutenden Ministers, ein Kabinettsgeheimnis für eine große Summe
verkauften und damit Ihren Reichtum und Ihre Karriere begründeten, würde
man Sie aus dem öffentlichen Leben jagen, würden Sie ein für allemal
verschwinden. Und warum, Sir Robert, sollten Sie am Ende lieber Ihre ganze
Zukunft opfern als mit Ihrem Feind diplomatisch unterhandeln? Im
Augenblick bin ich Ihr Feind. Das gebe ich zu! Und ich bin viel stärker
als Sie. Die großen Bataillone stehen auf meiner Seite. Sie haben eine
blendende Stellung, aber gerade Ihre blendende Stellung macht Sie so
verwundbar. Sie können sie nicht verteidigen! Und ich bin im Angriff. Natürlich
habe ich Ihnen nicht Moral gepredigt. Sie müssen ehrlich zugeben, dass
ich Ihnen das erspart habe. Vorjahren haben Sie geschickt etwas
Gewissenloses getan; es entpuppte sich als ein großer Erfolg. Dem
verdanken Sie Ihr Vermögen und Ihre Stellung. Und jetzt müssen Sie dafür
bezahlen. Früher oder später müssen wir alle für unsere Taten
bezahlen. Sie haben jetzt zu bezahlen. Ehe ich Sie heute Abend verlasse, müssen
Sie mir versprechen, dass Sie Ihren Bericht unter den Tisch fallen lassen
und im Parlament zugunsten dieses Projekts sprechen.
SIR ROBERT CHILTERN: Was Sie verlangen, ist unmöglich.
MRS. CHEVELEY: Sie müssen es möglich machen. Sie werden es möglich
machen. Sir Robert, Sie wissen, wie die englischen Zeitungen sind. Nehmen
Sie einmal an, ich fahre, wenn ich dieses Haus verlasse, zu einer
Zeitungsredaktion und gebe den Leuten diese Skandalgeschichte und die
Beweise dafür! Denken Sie an deren ekelhafte Freude, an den Genuss, mit
dem man Sie nieder zerren, an den Schmutz und Kot, in den man Sie stürzen
würde. Denken Sie an den Heuchler mit seinem schmierigen Lächeln, wie er
seinen Leitartikel verfasst und an der Schändlichkeit der öffentlichen
Bekanntgabe arbeitet.
SIR ROBERT CHILTERN: Hören Sie auf! Sie wünschen, dass ich den Bericht
zurückziehe und eine kurze Rede halte, in der ich erkläre, meiner
Ansicht nach habe das Projekt Aussichten?
MRS. CHEVELEY setzt sich auf das
Sofa: Das sind meine Forderungen.
SIR ROBERT CHILTERN leise: Ich
gebe Ihnen jede Summe, die Sie verlangen.
MRS. CHEVIELEY: Nicht einmal Sie, Sir Robert, sind reich genug, Ihre
Vergangenheit zurückzukaufen. Das ist keiner.
SIR ROBERT CHILTERN: Ich werde nicht tun, was Sie von mir fordern. Ich
werde es nicht tun.
MRS. CHEVELEY: Sie müssen es. Wenn nicht ... Steht vom Sofa auf.
SIR ROBERT CHILTERN verstört und
entnervt: Warten Sie einen Augenblick! Was schlugen Sie vor? Sie
sagten, Sie würden mir meinen Brief zurückgeben, war es nicht so?
MRS. CHEVELEY:
Ja. Das ist abgemacht. Ich werde morgen nacht um halb zwölf auf der
Damengalerie sein. Wenn Sie bis dahin - und es wird Ihnen an Gelegenheiten
nicht fehlen - dem Parlament eine Erklärung abgegeben haben, die meinen
Forderungen entspricht, erhalten Sie von mir Ihren Brief mit dem
verbindlichsten Dank zurück und dem besten oder jedenfalls passendsten
Kompliment, das mir in den Sinn kommt. Ich habe die Absicht, durchaus
ehrlich mit Ihnen zu spielen. Man sollte immer ehrlich spielen - wenn man
die Trümpfe in der Hand hat. Das hat mich der Baron gelehrt..., unter
anderem.
SIR ROBERT CHILTERN: Sie müssen mir Zeit lassen, über Ihren Vorschlag
nachzudenken.
MRS. CHEVELEY: Nein, Sie müssen sich jetzt entscheiden!
SIR ROBERT CHILTERN: Geben Sie mir eine Woche - drei Tage!
MRS. CHEVELEY: Unmöglich! Ich muss heute nacht nach Wien telegraphieren.
SIR ROBERT CHILTERN: Mein Gott! Was hat Sie in mein Leben gebracht?
MRS. CHEVELEY: Umstände. Geht zur
Tür.
SIR ROBERT CHILTERN: Gehen Sie nicht. Ich bin einverstanden. Der
Bericht wird zurückgezogen. Ich werde mich auf eine Frage vorbereiten,
die man mir deswegen stellen wird.
MRS. CHEVELEY: Vielen Dank. Ich wusste, dass wir zu einem
freundschaftlichen Einverständnis kommen würden. Ich erfasste Ihr Wesen
im ersten Augenblick. Ich analysierte Sie, obwohl Sie mir keine Verehrung
entgegenbrachten. Und jetzt können Sie mir meinen Wagen holen, Sir
Robert. Wie ich sehe, kommen die Leute vom Essen herauf Engländer werden
nach Tisch immer romantisch, und das langweilt mich entsetzlich.
Sir Robert
Chiltern ab. Gäste treten ein, auch Lady Chiltern,
Lady Markby, Lord Caversham, Lady
Basildon, Mrs. Marchmont, Vicomte
de Nanjac, Mr. Montford.
LADY MARKBY: Nun, meine liebe Mrs. Cheveley, ich hoffe, Sie haben
sich gut amüsiert. Sir Robert ist sehr unterhaltsam, nicht wahr?
MRS. CHEVELEY: Überaus unterhaltsam! Mein Gespräch mit ihm hat mich
ungemein amüsiert.
LADY MARKBY: Er hat eine hochinteressante und glänzende Karriere gemacht.
Und er hat eine geradezu bewundernswerte Frau geheiratet. Lady Chiltern
ist, es freut mich, das zu sagen, eine Frau von sehr hohen Grundsätzen.
Ich selbst bin jetzt schon ein wenig zu alt für die Mühe, ein gutes
Beispiel zu geben, aber die Leute, die es tun, haben stets meine
Bewunderung. Und Lady Chiltern übt einen sehr vereitelnden Einfluss auf
das Leben aus, wenn auch ihre Tischgesellschaften mitunter recht
langweilig sind. Aber man kann ja nicht alles haben, nicht wahr? Und jetzt
muss ich gehen, meine Liebe. Soll ich Sie morgen abholen?
MRS. CHEVELEY: Vielen Dank.
LADY MARKBY: Wir könnten um fünf durch den Hyde Park fahren. Alles im
Park sieht jetzt so frisch aus!
MRS. CHEVELEY: Mit Ausnahme der Leute!
LADY MARKBY: Vielleicht sind die Leute ein wenig erschöpft. Ich habe oft
bemerkt, dass die Saison, je weiter sie fortschreitet, das Gehirn
erweicht. Wie dem auch sei, alles andere finde ich immer noch besser als
hochgeistige Beklemmung. Sie ist so höchst unkleidsam. Die jungen Mädchen
bekommen davon ungewöhnlich lange Nasen. Und nichts ist so schwer zu
verheiraten wie eine lange Nase; die Männer mögen sie nicht. Gute Nacht,
meine Liebe. Zu Lady Chiltern. Gute
Nacht, Gertrude. Geht an Lord
Cavershams Arm hinaus.
MRS. CHEVELEY: Wie bezaubernd Ihr Haus ist, Lady Chiltern! Ich habe
einen entzückenden Abend verbracht. Es war so interessant, Ihren Gatten
kennen zulernen.
LADY CHILTERN: Warum wünschten Sie mit meinem Gatten zusammenzutreffen,
Mrs. Cheveley?
MRS. CHEVELEY: Oh, das will ich Ihnen sagen. Ich wollte ihn für dieses
argentinische Kanalprojekt interessieren, von dem Sie gewiss gehört
haben. Und ich fand ihn überaus zugänglich der Vernunft zugänglich,
meine ich. Das ist selten bei einem Mann. Ich habe ihn in zehn Minuten
bekehrt. Er wird morgen Abend im Parlament eine Rede zugunsten der Idee
halten. Wir müssen auf die Damengalerie gehen und ihn hören! Es wird ein
bedeutendes Ereignis!
LADY CHILTERN: Da muss ein Irrtum vorliegen. Dieses Projekt könnte nie
von meinem Mann unterstützt werden.
MRS. CHEVELEY: Oh, ich versichere Ihnen, alles ist abgemacht. Ich bedaure
jetzt nicht meine langweilige Reise von Wien. Sie war ein großer Erfolg.
Aber für die nächsten vierundzwanzig Stunden ist die Sache natürlich
ein tiefes Geheimnis.
LADY CHILTERN sanft: Ein
Geheimnis? Zwischen wem?
MRS. CHEVELEY mit einem Aufblitzen
von Belustigung in den Augen: Zwischen ihrem Gatten und mir.
SIR ROBERT CHILTERN tritt ein: Ihr
Wagen ist da, Mrs. Cheveley!
MRS. CHEVELEY:
Danke! Guten Abend, Lady Chiltern! Guten Abend, Lord Goring! Ich wohne im
Claridge. Meinen Sie nicht, dass Sie gelegentlich Ihre Karte abgeben könnten?
LORD GORING: Wenn Sie es wünschen, Mrs. Cheveley!
MRS. CHEVELEY: Oh, machen Sie's nicht so feierlich, sonst werde ich genötigt
sein, bei Ihnen eine Karte abzugeben. Das würde in England vermutlich
kaum für en règle gehalten werden. Im Ausland sind wir zivilisierter.
Wollen sie mich bitte hinuntergeleiten, Sir Robert? Jetzt, da wir im
Innern beide dieselben Interessen haben, werden wir hoffentlich gute
Freunde werden!
Segelt an
Sir Robert Chilterns Arm hinaus. Lady Chiltern geht zum
Treppenabsatz und blickt den Hinuntersteigenden nach. Ihr Ausdruck
ist besorgt. Nach einer kleinen Weile gesellen sich einige Gäste
zu ihr, und sie geht mit ihnen in ein anderes Empfangszimmer.
MABEL CHILTERN: Was für eine grässliche Frau!
LORD GORING: Sie sollten zu Bett gehen, Miss Mabel.
MABEL CHILTERN:
Lord Goring!
LORD GORING: Mein Vater hat mir vor
einer Stunde gesagt, ich solle zu Bett gehen. Ich sehe nicht ein, warum
ich Ihnen nicht denselben Rat geben sollte. Einen guten Rat gebe ich immer
weiter. Es ist das einzige, was man damit machen kann. Für einen selbst
hat er nie irgendwelchen Nutzen.
MABEL CHILTERN: Lord Goring, Sie weisen mich ständig aus dem Zimmer. Ich
finde das äußerst kühn. Vor allem, weil ich die nächsten Stunden noch
nicht zu Bett gehen werde. Geht zu
dem Sofa hinüber. Sie können
herkommen und sich setzen, wenn Sie wollen, und über alles in der Welt
reden, ausgenommen die Royal Academy, Mrs. Cheveley oder Romane in
schottischem Dialekt: Das sind keine erhebenden Themen. Erblickt
etwas, das von einem Kissen halb
verborgen auf dem Sofa liegt. Was ist das? jemand hat eine
Diamantspange verloren! Sehr schön, nicht wahr? Zeigt
sie ihm. Ich wünschte, es wäre meine, aber Gertrude will mich nichts
anderes tragen lassen als Perlen, und ich habe Perlen ausgesprochen satt.
Man sieht damit so schlicht, so tugendhaft und so vernünftig aus. Ich möchte
wissen, wem die Spange gehört.
LORD GORING: Ich möchte wissen, wer sie verloren hat.
MABEL CHILTERN: Eine schöne Spange.
LORD GORING: Ein hübsches Armband.
MABEL CHILTERN: Es ist kein Armband. Es ist eine Spange.
LORD GORING: Man kann sie als Armband tragen. Nimmt sie ihr ab, zieht eine
grüne Brieftasche, schiebt das Schmuckstück sorgfältig hinein und
verstaut das Ganze völlig gelassen in seiner Brusttasche.
MABEL CHILTERN: Was tun Sie?
LORD GORING: Miss Mabel, ich möchte eine etwas sonderbare Bitte an Sie
richten.
MABEL CHILTERN eifrig: Oh, bitte
tun Sie es! Ich habe den ganzen Abend darauf gewartet.
LORD GORING ist etwas verblüfft,
fasst sich aber: Erwähnen Sie zu keinem, dass ich diese Spange in
Verwahrung genommen habe. Sollte jemand schreiben und Anspruch darauf
erheben, dann lassen Sie es mich sofort wissen.
MABEL CHILTERN: Das ist freilich eine sonderbare Bitte.
LORD GORING: Sie müssen verstehen, ich habe diese Spange vor Jahren
jemandem geschenkt.
MABEL CHILTERN: Wirklich?
LORD GORING: Ja.
Lady
Chiltern tritt allein ein. Die anderen Gäste sind gegangen.
MABEL CHILTERN: Dann werde ich Ihnen allerdings gute Nacht sagen.
Gute Nacht, Gertrude! Geht ab.
LADY CHILTERN: Gute Nacht, Liebes! Zu
Lord Goring. Sie haben gesehen, wen Lady Markby heute Abend
herbrachte?
LORD GORING: Ja. Das war eine unangenehme Überraschung. Weswegen ist sie
hergekommen?
LADY CHILTERN: Offenbar um Robert zu ködern, dass er ein betrügerisches
Projekt unterstützt, an dem sie interessiert ist. Den argentinischen
Kanal.
LORD GORING: Da ist sie an den Falschen geraten, nicht wahr?
LADY CHILTERN: Sie ist außerstande, eine so aufrechte Natur wie die
meines Mannes zu begreifen!
LORD GORING: Ja. Ich sollte meinen, sie hatte Pech, als sie Robert in ihre
Netze zu ziehen versuchte. Es ist doch merkwürdig, welch erstaunliche
Fehler gescheite Frauen machen.
LADY CHILTERN: Dergleichen Frauen nenne ich nicht gescheit. Ich nenne sie
dumm!
LORD GORING: Das ist häufig dasselbe. Gute Nacht, Lady Chiltern.
LADY CHILTERN: Gute Nacht!
Sir Robert
Chiltern tritt ein.
SIR ROBERT CHILTERN: Mein lieber Arthur, du willst doch nicht schon
gehen? Bleib noch ein wenig!
LORD GORING: Leider kann ich nicht, vielen Dank. Ich habe versprochen, zu
den Hartlocks hineinzuschauen. Ich glaube, sie haben eine malvenfarbene
ungarische Kapelle, die malvenfarbene ungarische Musik spielt. Auf bald.
Adieu! Geht ab.
SIR ROBERT CHILTERN: Wie schön du heute Abend aussiehst, Gertrude!
LADY CHILTERN: Robert, es ist doch nicht wahr? Du wirst dieser
argentinischen Spekulation doch nicht deine Unterstützung geben? Das könntest
du nicht!
SIR ROBERT CHILTERN erschrickt: Wer
hat dir erzählt, dass ich das vorhätte?
LADY CHILTERN: Jene Frau, die eben gegangen ist, Mrs. Cheveley, wie sie
sich jetzt nennt. Sie schien mich damit verhöhnen zu wollen. Robert, ich
kenne diese Frau. Du nicht. Wir waren zusammen in der Schule. Sie war
unzuverlässig, unehrlich, von schlechtem Einfluss auf jede, deren
Vertrauen oder Freundschaft sie gewinnen konnte. Ich hasste sie, ich
verachtete sie. Sie stahl allerlei, sie war eine Diebin. Sie wurde
davongejagt, weil sie eine Diebin war. Warum lässt du dich von ihr
beeinflussen?
SIR ROBERT CHILTERN: Gertrude, was du mir erzählst, mag wahr sein, aber
es geschah vor vielen Jahren. Man vergisst es am besten. Mrs. Cheveley
kann sich seitdem geändert haben. Keiner sollte ausschließlich nach
seiner Vergangenheit beurteilt werden.
LADY CHILTERN traurig: Die
Vergangenheit eines Menschen ist der Mensch selbst. Nur danach sollte man
Leute beurteilen.
SIR ROBERT CHILTERN: Das ist ein hartes Wort, Gertrude!
LADY CHILTERN: Es ist ein wahres Wort, Robert. Und was meinte sie damit,
als sie sich rühmte, sie habe dich überredet, einer Sache, die du mir
als das unredlichste und betrügerischste Projekt dargestellt hast, das es
je im politischen Leben gab, deine Unterstützung, deinen Namen zu leihen?
SIR ROBERT CHILTERN beißt sich auf
die Lippe: Ich habe mich in dem Standpunkt, den ich einnahm, geirrt.
Wir machen alle Fehler.
LADY CHILTERN: Aber du hast mir gestern erzählt, dass du den Bericht der
Kommission erhalten habest, der die ganze Sache von Grund auf verdamme.
SIR ROBERT CHILTERN geht auf und ab:
Ich habe jetzt Anlass zu glauben, dass die Kommission voreingenommen
oder zumindest falsch informiert war. Außerdem, Gertrude: das öffentliche
und das private Leben sind verschiedene Dinge. Sie haben verschiedene
Gesetze und bewegen sich auf verschiedenen Linien.
LADY CHILTERN: Sie sollten beide den Menschen auf seiner Höhe zeigen. Ich
sehe keinen Unterschied zwischen ihnen.
SIR ROBERT CHILTERN bleibt stehen: In
diesem Falle habe ich aus Gründen praktischer Politik meine Meinung geändert.
Das ist alles.
LADY CHILTERN: Alles!
SIR ROBERT CHILTERN verbissen: Ja!
LADY CHILTERN:
Robert! Oh, es ist schrecklich, dass ich dir eine solche Frage stellen muss
- Robert, sagst du mir die ganze Wahrheit?
SIR ROBERT CHILTERN: Warum stellst du mir eine solche Frage?
LADY CHILTERN nach einer Pause:
Warum beantwortest du sie nicht?
SIR ROBERT CHILTERN setzt sich: Gertrude,
die Wahrheit ist eine sehr komplizierte Sache, und die Politik ist ein
sehr kompliziertes Geschäft. Es sind ineinandergreifende Räder. Man kann
gewisse Verpflichtungen gegen Leute haben, die man einlösen muss. Im
politischen Leben muss man früher oder später einen Kompromiss schließen.
Das tut jeder.
LADY CHILTERN: Kompromiss? Robert, warum redest du heute Abend so anders,
als ich dich stets habe reden hören? Warum hast du dich geändert?
SIR ROBERT CHILTERN: Ich habe mich nicht geändert. Aber Umstände verändern
die Dinge.
LADY CHILTERN: Umstände sollten niemals Grundsätze verändern.
SIR ROBERT CHILTERN: Aber wenn ich dir sagte ...
LADY CHILTERN:
Was?
SIR ROBERT CHILTERN: Dass es notwendig
war, lebensnotwendig?
LADY CHILTERN: Es kann niemals notwendig sein, etwas zu tun, was nicht
ehrenhaft ist. Oder wenn es notwendig ist, was habe ich dann geliebt! Aber
es ist nicht so, Robert, sag mir, dass es nicht so ist. Warum sollte es
sein? Welchen Gewinn würdest du davon haben? Geld? Daran haben wir keinen
Bedarf! Und Geld, das aus einer schmutzigen Quelle stammt, ist eine
Erniedrigung. Macht? Aber Macht an sich bedeutet nichts. Die Macht, Gutes
zu tun, ist vortrefflich - die und nur die allein. Was ist es dann?
Robert, sag mir, warum du dich auf diese schimpfliche Sache einlassen
willst!
SIR ROBERT CHILTERN: Gertrude, du hast kein Recht, dieses Wort zu
gebrauchen. Ich habe dir gesagt; es sei eine Frage vernünftigen
Kompromisses. Es ist nicht mehr als das.
LADY CHILTERN: Robert, das ist alles sehr schön und gut für andere Männer,
für Männer, die das Leben einfach als eine schmutzige Spekulation
betrachten, aber nicht für dich, Robert, nicht für dich. Du bist anders.
Dein Leben lang hast du dich von anderen ferngehalten. Nie hast du dich
von der Welt besudeln lassen. Für die Welt wie für mich bist du stets
ein Ideal gewesen. Oh! Bleibe dieses Ideal. Wirf das große Erbe nicht
fort zerstöre nicht diesen Elfenbeinturm. Robert, Männer können lieben,
was unter ihrer Würde ist - wertlose, beschmutzte, entehrte Geschöpfe.
Wir Frauen beten an, wenn wir lieben, und wenn wir unsere Anbetung
verlieren, verlieren wir alles. Oh! Töte nicht meine Liebe zu dir, töte
sie nicht!
SIR ROBERT CHILTERN: Gertrude!
LADY CHILTERN: Ich weiß, dass es Männer mit schrecklichen Geheimnissen
in ihrem Leben gibt - Männer, die etwas Schändliches getan haben und in
einem entscheidenden Augenblick dafür bezahlen müssen, indem sie wieder
eine schändliche Handlung begehen - oh! sag mir nicht, du seist so wie
jene! Robert, gibt es in deinem Leben eine geheime Schande oder Schmach?
Sag mir, sag mir gleich, dass ...
SIR ROBERT
CHILTERN: Dass was?
LADY CHILTERN spricht sehr langsam: Dass unser beider Leben vielleicht
auseinandergetrieben werden.
SIR ROBERT CHILTERN: Auseinandergetrieben?
LADY CHILTERN: Dass sie sich völlig trennen könnten. Es wäre besser für
uns beide.
SIR ROBERT CHILTERN: Gertrude, es gibt nichts in meinem vergangenen Leben,
was du nicht wissen dürftest.
LADY CHILTERN: Daran habe ich nicht gezweifelt, Robert, daran habe ich
nicht gezweifelt. Aber warum hast du so fürchterliche Dinge gesagt,
Dinge, die deinem wahren Ich so unähnlich waren? Lass uns nie wieder über
die Sache reden! Du wirst Mrs. Cheveley schreiben, nicht wahr, und ihr
sagen, dass du dieses schändliche Projekt nicht unterstützen kannst?
Wenn du ihr ein Versprechen gegeben hast, musst du es zurücknehmen, das
ist alles.
SIR ROBERT CHILTERN: Muss ich schreiben und ihr das sagen?
LADY CHILTERN: Gewiss, Robert. Was solltest du anders tun?
SIR ROBERT CHILTERN: Ich könnte persönlich mit ihr sprechen. Es wäre
besser.
LADY CHILTERN: Du darfst sie nie wiedersehen, Robert. Sie ist keine Frau,
mit der du jemals sprechen solltest. Sie ist es nicht wert, mit einem Mann
wie dir zu reden. Nein; du musst ihr sofort schreiben, jetzt, diesen
Augenblick, und gib ihr durch deinen Brief zu erkennen, dass dein
Entschluss unwiderruflich ist!
SIR ROBERT CHILTERN: Diesen Augenblick schreiben!
LADY CHILTERN: Ja.
SIR ROBERT CHILTERN: Aber es ist schon so spät. Es ist kurz vor zwölf.
LADY CHILTERN: Das macht nichts. Sie muss sofort erfahren dass sie sich in
dir geirrt hat - und dass du nicht der Mann bist, etwas Niedriges oder
Verstecktes oder Ehrloses zu tun. Schreib ihr, Robert. Schreib, dass du es
ablehnst, dieses Projekt zu unterstützen, da du es für ein schimpfliches
Projekt hältst. ja schreib das Wort schimpflich. Sie weiß, was das Wort
bedeutet. Sir Robert setzt sich und
schreibt einen Brief. Seine Frau nimmt
ihn auf und liest ihn. Ja, das
reicht aus. Sie läutet. Und nun
den Umschlag. Er beschriftet langsam
den Umschlag. Mason kommt.
Lassen Sie diesen Brief sofort ins Hotel Claridge bringen. Eine Antwort erübrigt
sich. Mason ab. Lady Chiltern kniet
neben ihrem Mann nieder und legt die
Arme um ihn.
Robert, die Liebe gibt einem einen Instinkt für die Dinge. Ich spüre,
dass ich dich heute Abend vor etwas gerettet habe, das für dich eine
Gefahr hätte werden können, vor etwas, das dazu führen könnte, dass
die Menschen dich weniger in Ehren halten, als es der Fall ist. Ich
glaube, du bist dir nicht hinreichend bewusst, Robert, dass du in unser
heutiges politisches Leben eine noblere Atmosphäre gebracht hast, eine
sauberere Haltung gegen das Leben, eine freiere Luft reinerer Ziele und höherer
Ideale - ich weiß es, und darum liebe ich dich, Robert.
SIR ROBERT CHILTERN: Oh, liebe mich immer, Gertrude, liebe mich immer!
LADY CHILTERN: Ich werde dich immer lieben, weil du immer der Liebe wert
sein wirst. Wir müssen ja stets das Höchste lieben, wenn wir es finden! Küsst
ihn, steht auf und geht hinaus.
Sir Robert
Chiltern geht einen Augenblick auf und ab, setzt sich
dann und vergräbt das Gesicht in den Händen. Der Diener kommt und
beginnt die Lichter zu löschen. Sir Robert Chiltern blickt auf.
SIR ROBERT CHILTERN: Löschen Sie die Lichter, Mason, löschen Sie
die Lichter!
Der Diener löscht die Lichter. Der Raum wird
fast dunkel. Die einzige Helligkeit kommt von dem großen
Kronleuchter im Treppenhaus, der den Gobelin mit dem Triumph
der Liebe beleuchtet.
ZWEITER
AKT
Frühstückszimmer
in Sir Robert Chilterns Haus. Lord Goring,
nach dem letzten Schrei der Mode
gekleidet, liegt lässig in einem Lehnstuhl
Sir Robert Chiltern steht vor dem Kamin. Er befindet sich offenbar in einem Zustand großer seelischer Erregung und Qual.
Im Verlauf der Szene geht er
nervös im Zimmer auf und ab.
LORD GORING: Mein lieber Robert, das ist eine sehr unangenehme
Geschichte, wirklich sehr unangenehm. Du hättest deiner Frau die ganze
Sache erzählen sollen. Geheimnisse vor anderer Leute Frauen sind im
heutigen Leben ein unvermeidlicher Luxus. Das sagen mir zumindest ständig
Leute im Klub, die kahl genug sind, es besser zu wissen. Aber niemand
sollte ein Geheimnis vor seiner eigenen Frau haben. Sie kommt auf jeden
Fall dahinter. Frauen besitzen einen erstaunlichen Instinkt für die
Dinge. Sie entdecken alles außer dem, was in die Augen springt.
SIR ROBERT CHILTERN: Arthur, ich konnte es meiner Frau nicht sagen. Wann hätte
ich es ihr sagen können? Nicht heute nacht. Eine Trennung auf Lebenszeit
wäre die Folge gewesen, und ich hätte die Liebe der einen Frau auf der
Welt verloren, die ich anbete der einzigen Frau, die je Liebe in mir
erweckt hat. Heute nacht wäre es ganz unmöglich gewesen. Sie hätte sich
mit Abscheu von mir gewandt ... mit Abscheu und Verachtung.
LORD GORING: Ist Lady Chiltern denn so vollkommen?
SIR ROBERT CHILTERN: Ja, meine Frau ist so vollkommen.
LORD GORING zieht seinen linken
Handschuh aus: Wie schade! Verzeihung, mein lieber Junge, so habe ich
das nicht gemeint. Aber wenn das, was du mir sagst, wahr ist, dann würde
ich mit Lady Chiltern gern ein ernsthaftes Gespräch über das Leben führen.
SIR ROBERT CHILTERN: Das wäre ganz zwecklos.
LORD GORING: Darf ich's versuchen?
SIR ROBERT CHILTERN: Ja, aber nichts könnte sie bewegen, ihre Ansichten
zu ändern.
LORD GORING: Nun, schlimmstenfalls wäre es einfach ein psychologisches
Experiment.
SIR ROBERT CHILTERN: Alle derartigen Experimente sind schrecklich gefährlich.
LORD GORING: Alles ist gefährlich, mein lieber Junge. Wäre es anders,
dann wäre das Leben nicht lebenswert ... Allerdings muss ich sagen, du hättest
es ihr schon vor Jahren erzählen sollen.
SIR ROBERT CHILTERN: Wann? Als wir verlobt waren? Glaubst du, sie hätte
mich geheiratet, wäre ihr bekannt gewesen, woher mein Vermögen stammt,
worauf meine Karriere gegründet ist, und dass ich etwas getan habe, was
vermutlich die meisten Menschen schändlich und unehrenhaft nennen würden?
LORD GORING langsam: Ja, die
meisten Menschen würden es mit hässlichen Namen bezeichnen. Darüber
gibt es keinen Zweifel.
SIR ROBERT CHILTERN bitter:
Menschen, die jeden Tag selbst etwas Derartiges tun. Menschen, die einer
wie der andere üblere Geheimnisse in ihrem Leben haben.
LORD GORING: Das ist der Grund, warum es sie so freut, anderer Leute
Geheimnisse zu entdecken. Es lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit von
ihren eigenen ab.
SIR ROBERT CHILTERN: Und wem habe ich schließlich mit dem, was ich tat,
geschadet? Keinem.
LORD GORING sieht ihn fest an:
Außer dir selbst, Robert.
SIR ROBERT CHILTERN nach einer
Pause: Natürlich hatte ich vertrauliche Informationen über ein Geschäft,
das die damalige Regierung ins Auge fasste, und handelte danach.
Vertrauliche Informationen sind heutzutage tatsächlich der Ursprung eines
jeden großen Vermögens.
LORD GORING klopft mit seinem
Spazierstock an seinen Schuh: Und öffentlicher Skandal unweigerlich
das Resultat.
SIR ROBERT CHILTERN |