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Friedrich Theodor Vischer

Der Tragödie dritter Theil
Motto
Und allegorisch, wie die Lumpen sind,
Sie werden nur um desto mehr behagen.Goethe, Faust,
der Tragödie zweiter Teil
Einfaches Zimmer. Lieschen tritt auf.
Lieschen.
Ich bin das Lieschen, das am Brunnentrog
Einst des Gespräches mit dem Gretchen pflog.
Erinnert euch, wie sie aus meinem Munde
Vom Bärbelchen vernahm die schlimme Kunde.
Weil ich nun damals so moralisch sprach,
Ließ mir der Herr in seiner großen Gnade
Des Fegefeuers heiße Qualen nach
Und läutert mich auf minder hartem Pfade.
Er wählte mich nach meines Lebens Endung
Zu sonderlich bedeutungsvoller Sendung,
Ernannte mich zu hochgewicht'ger Stelle:
Im Himmelsvorraum, an der heil'gen Schwelle
Darf ich als Fausti Seelenfreundin leben,
Bis wir gereift, ins Heiligtum zu schweben.
Das arme Gretchen, das zu hart gebüßt:
Ihr ist jedwede Läuterung erlassen,
Als sel'ger Geist ward sie schon längst begrüßt
Im sel'gen Kreis, den keine Worte fassen,
Sie wohnt in der Verklärten Sitz
Zu hoch für eines Dichters Witz.
Vernehmet nun, was ich getreu berichte
Von Doktor Fausts seitheriger Geschichte.
Als er zum Himmelseingang ward erhoben,
Erklang ein Ruf posaunenhaft von oben:
»Es hat nicht ohne Recht
Der Kritiker Geschlecht,
Voran der Geist, der stets verneint
Und stets als ihr Regent erscheint,
Den scharfen Einwand vorgebracht,
Der viele Leser stutzig macht,
Der Geisterwelt präsentes edles Glied,
Nicht ganz so strebend hab' es sich bemüht,
Als nötig, es zu retten
Aus Satans Ketten;
Darum ward resolvieret,
Wird hiemit dekretieret:
Faust soll vorerst dahüben
Noch eine Zeit sich üben,
Soll zur Erinnrung an sein Amt auf Erden
Im mystischen Vorraum vor dem höchsten Himmel
Bei sel'ger Knaben munterem Gewimmel
Präzeptor werden!
Dies soll mit gewissen Entbehrungen,
Mit prüfenden Erschwerungen,
Mit Lockungen, die wir nach unserem Plan
Dem Satan selbst bewilligt han,
Verbunden sein!
Und obendrein
Erfolgen dann weitere Übungen,
Versuchende heilsame Trübungen,
Zum Schluß ein läuternder Prozeß,
Was noch verhüllt bleibt unterdes.
Dies soll ergehn über unsern Knecht!
Conclusum! Vidit! Es ist recht.« -
Erlaubt, daß ich hier nebenbei bemerke,
Ein Wink in Goethes eignem Dichterwerke
Sei als Motiv, worauf der Spruch sich stützt,
Vom höchsten Consistorium benützt:
Da Fausti Seele - freilich fast zu prompt -
Mit Engelpost zur Himmelspforte kommt,
Im Puppenstande zwar zunächst,
Dann aber reißend schnelle wächst,
So singen dort die sel'gen Knaben -
Ihr werdet's ja gelesen haben
Und kennt den pädagogisch schönen Text:
»Er überwächst uns schon
An mächtigen Gliedern,
Wird treuer Pflege Lohn
Reichlich erwidern.
Wir wurden früh entfernt
Von Lebechören,
Doch dieser hat gelernt,
Er wird uns lehren.«
Was nun das himmlische Dekret
Unter den Prüfungen versteht,
Die an den neuen Stand sich knüpfen
Nebst andern, die dann weiter folgen sollen:
Laßt nur das Drama weiter hüpfen,
So wird sich alles euch entrollen.
Ich melde jetzt - ihr werdet es verlangen -
Genauer, was mit mir ist vorgegangen.
Nicht fern von diesem himmelnahen Ort
Steht ein Gebäude, edler Bildung Port,
Ein Institut, Feld für Erziehungssaat,
Vorhimmlisches Töchterpensionat,
Wo man das Herz sowohl als auch den Geist
Im Guten, Wahren, Schönen unterweist.
Da wird der Sinn geseiet und gesichtet,
Im deutschen Stil, in Logik und Musik,
Literatur, Kritik sowie Physik,
Vor allem in der Unschuld unterrichtet.
»Religion für Töchter« war die Blume
Des Unterrichts. Des Herrn Direktors Muhme
Trug sie uns vor; wie tief und klar,
Ich vergeß es nie!
Ihr schöner Standpunkt war
Gemäßigt freisinnige Theologie. -
Manch Gröbliches, was mir vom alten Stande
Noch anhing, tat mir ab die Gouvernante.
Wahr ist es leider, daß ich gerne klatschte,
Wenn ich mit andern zu dem Brunnen patschte;
Weit hinter mir mit Gelte und mit Krug
Liegt jetzo dieser lasterhafte Zug.
Ich reifte, machte mein Examen,
Und als den Faust hieher die Engel nahmen,
Ward ich als Hausverwalterin,
Als weise Unterhalterin,
Als Warnerin, als Mahnerin,
Vollkommenheitsanbahnerin
Dem Waller nach dem Himmelszelt
In Gnaden beigesellt.
(Sie geht an den Tisch, deckt weiter, tritt aber noch einmal vor.)
Doch ob der Anstalt zu Herrn Doktors Essen
Hätt' ich noch einen Hauptpunkt fast vergessen.
Der gute Valentin! Da muß ich nun
Vom Bärbelchen zugleich Erwähnung tun:
Der Valentin, kein andrer, war ihr Schatz,
Ein Leichtfuß schien er mir, ein Flatterspatz;
Ich sprach: »Er ist ein flinker Jung,
Hat anderwärts noch Luft genung.«
Wie unrecht! Er war treu! Allein er fiel,
Und Treu und Leben fand ein frühes Ziel.
Und als zu ihr die Trauerkunde kam,
Sie trug es nicht, die Arme starb vor Gram.
Doch ihm und ihr war für so schweres Leid
Entschädigung von seltner Art bereit:
Er durfte hier am Rand der Himmelshallen
Für müde Pilger, die zum Gipfel wallen,
Ein Wirtshaus, eine Brauerei errichten,
Wohin zur Labung kurze Zeit sie flüchten.
Die Bärbel kocht, er schenkt, und alle Gäste
Befinden sich, so hört man, auf das beste.
Jedoch für meinen guten Faust,
Der hier so friedlich mit mir haust,
Ist dieser Umstand keine Kleinigkeit.
Warum? Die Antwort ist bereit,
Der nächste Auftritt bringt sie schon
Mit mächtiger Sensation.
Hiemit sind dann die Proben eingeläutet,
Die jener Ausspruch dunkel angedeutet.
Ach Gott, mir ist es angst und bang
Vor dem geahnten Sturm und Drang!
Doch schimmert Licht des Trostes in die Nacht,
Ein Himmelsbote hat es überbracht:
Es ist ein milder Zusatzparagraph
Zum strengen Machtwort, das den Teuren traf:
Der Valentin, der handfest tücht'ge Klopfer,
Auf Erden einst des Fausti blut'ges Opfer,
Jetzt christlich ihm versöhnt nach Möglichkeit,
Soll ihm zur Hülfe, wenn die schwersten Proben
Ihn etwan aus dem Gleichgewicht geschoben,
Mit seiner Muskel Boxkraft sein bereit.
Seht hier die Klingel: kommt's zu schwer,
So darf ich ziehn und er eilt her.
Genug, es ist des Mittagessens Hora,
Euch grüßt des Schauspiels Chorus oder Chora.
(Verneigt sich und tritt an den Tisch zurück.)
Faust tritt ein.
Lieschen (nimmt ihm Hut und Mantel ab).
Bist müde, mein Verehrter! Komm, gib her!
Faust.
Ach, wie war heut die Mühe wieder schwer!
Wie schmeckte mir ein gutes Gläschen Wein!
Lieschen.
Mein guter Heinz, du weißt, es darf nicht sein!
Hier steht die Milch, komm her, ich schenk dir ein.
Faust.
Ach ja (er nimmt und trinkt mit Widerwillen),
und Hunger setzt's, nach solcher Last!
Was gibt's zu essen, sag, was hast?
Lieschen.
Du weißt es ja, Heuschreckentag ist heut,
Doch morgen gibt es liebliches Gebäck
Von wildem Honig.
Faust. Widriges Geschleck!
O schmale Kost, o harte Prüfungszeit!
So lebt kein Proletarier,
Kein Züchtling, Vegetarier!
Lieschen.
Beherrsche dich, denk immer an den Zweck!
Faust.
Ich bitte, darf ich denn mit Fug mich nicht beschweren?
Den Jungen soll ich Faust, den zweiten Teil, erklären!
Ja, das macht Hunger, das macht Durst!
Wie lechzt man da nach Bier, nach Wein, nach Wurst!
Dabei darf ich den Stecken zwar besitzen,
Doch ihn bei schwerer Strafe nicht benützen,
Soll, was sie auch für Bubenstreiche treiben,
Für ausgesuchten Schabernack,
Geduldig wie ein sanfter Engel bleiben!
O das verfluchte Schlingelpack!
Lieschen.
Heinrich!
Faust.
Verzeih, daß mir das starke Wort entflohn,
Ein Rückfall war's in alten Erdenton!
O wolle du nur fort und fort,
Als Hüterin, als Seelenhort,
Wenn mich des Zornes rauhe Geister zwacken,
Mich reinigen von diesen Erdenschlacken,
Hier an des Himmels Ranft
Weiblich gelind und sanft
Zu höheren Gefilden
Mich bilden!
Lieschen.
O nein, mein Guter, du auch bildest mich,
Ich dich durch des Gefühles zarte Bande,
Du mich mehr mit dem männlichen Verstande;
O Wechselbildung schön und förderlich!
O Wonne, zu des höchsten Himmels Hallen
Einander bildend so emporzuwallen!
Faust.
Ja, das ist schön und wäre schöner noch,
Wär' die Diät um etwas besser doch!
Dich, Holde, tadl ich nicht
Ums magere Gericht,
Du folgst ja nur, ich weiß es lange schon,
Dem Wortlaut höherer Instruktion.
Des Leibs Entbehrung,
Der Geistabklärung
Zweckvolle Mehrung,
Sie soll den alten Erdenbengel
Filtrieren bis zum reinen Engel;
Und doch ist's hart, doch ist es halt zu viel,
Zu steiler Weg zu dem erhabnen Ziel,
Wenn man vom Schulstaub kommt so hungrig, so verschwitzt,
Mit tiefem Atemzug zu Tisch dann endlich sitzt
Und findet da das traur'ge Einerlei,
Kartoffel, Lattich, fade Pflanzenkost
Und nur am Sonntag dünnen Apfelmost.
O Lieschen, du mit deinem Weibermagen,
Du ahnest nicht, was solche Kur will sagen!
Warum dies Leben, wie Johann der Täufer?
Ich war ja doch kein Fresser und kein Säufer!
Lieschen.
Noch andre Formen treibt die Üppigkeit,
Gedenke reuig der arkadischen Zeit!
Warum bist du zur Prüfung da?
Gedenk, o Faust, der Helena!
Faust.
Ach, geh mir weg, es sei dir nicht verhehlt:
Symbolisch war ich nur mit ihr vermählt,
Man tat nur so, es war der pure Schaum,
Phantasmagorisch schattenhafter Traum!
Lieschen.
Den Blocksberg, Faust, vergiß nicht ganz!
Da führte dich der arge Reisebruder
Zu Tanz mit wem? Pfui, Faust, zu welchem Tanz!
Faust.
Das waren dennoch allerliebste Luder!
Lieschen.
Heinrich, mir graut vor dir!
Faust. Ach Gott, verzeih!
Verzeih, daß ich so tief zurückefiel!
Des Ärgers, Hungers, Durstes Tyrannei
Reizt zynisch mich zum alten groben Stil!
Vergiß das rohe, unanständ'ge Wort
Und bilde mich nur immer weiter fort!
Lieschen.
Der Stil nur wär' es? Ist's nicht der Gedanke?
Faust.
Es waren freilich gar so reizend schlanke.
Lieschen (nach einem Blick in den Spiegel).
Faust, Faust, sei jetzt doch mehr für das Gesetzte,
Nur das Solide sei dir das Geschätzte!
Die starken Reden laß dem Valentin,
Dem Mann des Volkes gehn sie eher hin.
Faust.
O er, gefällt durch meinen Degenstoß,
O wie beneid ich ihm sein jetzig Los!
Nicht Macbeth konnt' in seiner Seele Leiden
So schmerzlich den Gemordeten beneiden!
Mir vor der Nase steht sein wohnlich Haus,
Und wirbelt da des Herdes Rauch heraus,
Hör ich vom Anstich den vertrauten Klang,
Vergnügter Gäste Schwatzlärm und Gesang,
Und denk ich, wie's dem Guten ist zu gonnen,
Wenn abendlich am Himmel sinkt die Sonnen,
Daß er in sich geht und denkt,
Wo man einen guten schenkt,
Da ist mir - ach, wie kann es anders sein!
Als zög' mich Zaubermacht hinein!
Wohl sag ich mir im Namen der Moral
Den Grund und Zweck von dieses Darbens Qual,
Doch ist es jedem eingeboren,
Daß sein Gefühl hinan und vorwärts strebt,
Wenn vor dem Geist in Stille reif gegoren
Mit holdem Dampf ein Sauerkräutchen schwebt,
Wenn zart geräuchert neben Schweines Rüssel
Ein Wurstpaar dampfet in der wackern Schüssel,
Hienebst - verzeih! Ich muß ein wenig schmatzen -
Bayrische Knödel oder Schwabenspatzen,
Dazu ein Tröpfchen edles, firnes Naß
Vom Keller aus dem Lagerbiergelaß. -
Die Decke öffnet sich, es erscheint in einem rötlichen Lichtkreis Mephistopheles mit einem Orchester von höllischen Geistern, die, als Köchinnen und Kellnerinnen gekleidet, in einer Küche beschäftigt sind; er dirigiert mit dem Taktstock.
Gesang der Geister.
Schwindet beengende,
Mönchisch bedrängende,
Traurige Wände!
Weichet behende
Traulichen Räumen
Freundlicher Küche!
Schüsseln umsäumen,
Blanke, die Ränder,
Pfannen die Ständer;
Quillet hervor,
Steiget empor,
Holder Gerüche
Reizparadies.
Denn an dem Herde
Flinker Gebärde
Stehet die nette
Köchin Babette,
Drehet das fette
Gänschen am Spieß. -
Weitre Gewahrung
Zeiget daneben
Salzigen Harung,
Welcher soeben
Neben Kartöffelein,
Die sie gerädelt fein,
Stehet parat,
Kleingeteilt aufzugehn,
Angemacht aufzustehn
Im ölgenetzeten,
Essigdurchsetzeten
Räsen Salat.
Doch in Kamines Schoß
Drängen sich klein und groß
Bis zu dem Firste,
Locken und winken
Rauchige Schinken,
Zungen und Würste,
Ziehn um die niedliche,
Um die gemütliche,
Die appetitliche
Köchin, die drehende,
Sorglich besehende,
Schwebenden Kranz.
Fertig nun findet sie,
Ziehet vom Spieße die
Brätelnde, schmorende,
Nasebetorende,
Goldschimmerhäutliche,
Brodelnde, bräutliche,
Rundliche Gans.
Wie sie sich beuget,
Wie sie sich neiget
Über die Schüssel,
Klirren bewegt,
Rasseln die Schlüssel,
Lange und kurze,
Blinkend am Ringe
Stählerner Zwinge,
Die sie am Schurze
Amtsgemäß trägt.
Doch der gewaltigste
Unter denselbigen
Öffnet aufs baldigste
Zu dem gewölbigen
Keller die Tür;
Dort aus dem kluftigen,
Dunkeln Gelaß
Luget herfür
Strotzend von duftigen,
Alten und reinen
Tiroler Weinen,
Strotzend von hopfigem,
Malzgehalttropfigem
Kraftelixiere
Lagernder Biere
Faß an Faß. -
Faust (sich den Mund wischend).
Oh, oh, oh!
O das ist nicht von Stroh!
(Gebärden des Entzückens, hierauf Versinken in einen träumerischen Zustand. Er schläft ein. Der Geisterchor ist verschwunden, die Decke schließt sich wieder, Mephistopheles erscheint hinter Faust.)
Mephistopheles (ad Spectatores).
Da bin ich. Faßt den Satz in seiner Tiefe:
Wo Prüfung ist, ist auch das Negative!
(Sich über Faust beugend und die dürren Hände über ihn ausstreckend.)
Er schläft, so recht, nun ist er wieder mein!
Lieschen.
O weh, o weh, der Böse wieder da!
Mephistopheles.
Altbackne Trutschel, freilich, ja.
Lieschen.
Weh, schläfert er ihn gänzlich ein,
So hat er gewonnen,
Hat ihm den Geist umsponnen!
(Zu Faust, indem sie ihn rüttelt.)
Wach auf, wach auf, sonst bist du ja verloren!
Faust (im Schlaf redend).
Hörst du das Gänselein am Spieße schmoren?
Lieschen (ihn stärker rüttelnd).
Ermanne dich, da steht der Hölle Sohn!
Komm zu dir! Auf, er packt dich schon!
Vertreib ihn mit Gebet,
Sonst wird's zu spät!
Faust (erwachend).
Ach, laß mich fort, du bete nur und bleibe!
Ich breche auf und stürze in die Kneipe!
Was ist die Himmelsfreud? Ein leerer Traum
Verglichen mit der Kneipe trautem Raum!
Fühlt' ich nicht immer ihren Wert?
Bin ich der Schlucker nicht, der Schlechtbehauste,
Der Unmensch, den am magern Herd
Der grimme Durst, der dürre Hunger zauste?
Und seitwärts du mit wohlerzognen Sinnen
In dieser Hütte dürft'gem Möbelzelt
Und all dein häusliches Beginnen
Umfangen von der engen Küchenwelt?
Dich, deinen Frieden muß ich untergraben,
Du, Kneipe, willst und sollst dies Opfer haben!
Hilf, Teufel, mir die Angst verkürzen!
Was muß geschehn, mag's gleich geschehn!
Genießen will ich noch des Lebens Würzen
Und meinethalb zugrunde gehn!
Mephistopheles (reißt ihn empor, um ihn fortzuzerren).
Gehörest mir,
Nur her zu mir!
Lieschen.
O Not, o Not! Er raset, er ist hin!
Jetzt ist es Zeit, jetzt schell ich Valentin!
(Zieht die Glocke.)
Valentin (mit einer Malzschaufel).
Was soll's, was gibt's?
Faust (in Krämpfen).
O hin zu dir! zu dir!
Nur einen guten Bissen reiche mir!
Nur einen guten Tropfen
Aus Malz und Hopfen!
Nur einen einzigen Pokal
Von dunkelrotem Spezial!
Nur einen! Reiche mir aus deinen Fluten
Nur einen kühlen Becher der Erquickung,
Ach, ich vergeh in diesen Lechzegluten,
Errette mich vom Qualtod der Erstickung!
Valentin (zu Lieschen).
Zum Brunnen mit dem Eimer schnell,
Füll ihn mit Wasser aus dem frischen Quell,
Und übern Kopf schütt ihm die kalte Flut!
Ein Sturzbad ist in solchem Falle gut.
Lieschen.
Ich weiß, das Physikalische
Wirkt öfters aufs Moralische;
Soll schnell geschehn, der Brunnen ist nicht fern,
Dabei denk ich der alten Zeiten gern. (Ab.)
Mephistopheles (die linke Hand an Faust, mit der rechten den Degen
ziehend, zu Valentin).
Gleich nimm ihn mit dir, schenk ihm ein!
Wo nicht, sollst du des Teufels sein!
Den Degen sieh, mit dem ich dich gelähmt!
Gedenke, Lümmel, wie man dich gezähmt!
Valentin.
War keine Kunst, dein Degen war gefeit,
Der meine nicht, doch jetzt ist andre Zeit!
Gleich sind die Waffen hier
Im höheren Revier,
Mein Instrument ist himmlisches Ärar,
Ist zauberfest geweihtes Mobiliar!
(Sie fechten.)
Mephistopheles.
Verflucht, wie seine Schaufel saust! (Taumelt.)
Valentin.
So, Hund, jetzt spür auch meine Faust!
(Schlägt ihn.)
Und hast du meine Faust gespürt,
So spüre, wie mein Arm umschnürt,
Wie er dich rüttelt, schüttelt, schnellt,
Zur Tür hinaus im Fluge prellt!
(Er faßt ihn um den Leib, schüttelt ihn; Lieschen zurück, sie übergießt Faust.)
Faust.
Sie gießet, sie schüttet
Die himmlische Quelle,
Der Busen wird ruhig,
Das Auge wird helle!
(Valentin wirft mit einem Schüttelruck schnellend den Mephistopheles zur Tür hinaus. Faust zusehend:)
Ei, wie der's kann! Recht so, hinaus!
Hinaus, hinab in seiner Hölle Graus!
Mephistopheles (sich zurückwendend).
Frohlocke nicht, wenn ich für diesmal kusche,
Wart nur, wart nur, bis ich dich einmal dusche!
Harfentöne von oben, hierauf:
Gesang unsichtbarer guter Geister.
Glücklich erstanden -
Faust.
Horch, welche reinen Töne!
Lieschen.
Von himmlischer Schöne!
Nicht lockend, lullend,
Sinnkitzelschnullend,
Nicht jenen gleich phrenetisch,
Nein, hoch ästhetisch.
Gesang derselben Geister.
Glücklich erstanden!
Selig der Sterbliche,
Welcher die reizende,
Küchengewerbliche,
Sinneneinheizende,
Brätelnde, schmalzige,
Fleischliche, gänsliche,
Prickelnde, salzige,
Angenehm brenzliche,
Wurstliche, fettige,
Lockend Babettige,
Lüsterne, kitzliche,
Gaumenerhitzliche,
Weinlich bespitzliche,
schmatzende, bitzliche,
Malzige, hopfige,
Spundenfortklopfige,
Seideleinspritzliche,
Gärende, bockige,
Schäumende, flockige,
Mittelbar nützliche
Prüfung -
wenn auch mehr nur tatsächlich, mehr dem Erfolg als dem Verdienste nach -
bestanden.
Faust (zu Valentin).
Laß dich umarmen, den ein Gott mir schickte
Als Retter aus dem Rausch, der mich umstrickte!
Du scheinst - ich sag es ohne Phrasendunst -
In jener seltnen, expedienten Kunst,
Hinauszuschmeißen, an die Luft zu setzen,
Des echten Hausknechts amtlichem Ergetzen,
Ein wahrer Techniker zu sein.
Valentin.
Sieh zu und lerne, liebes Doktorlein,
Ich bin ein Kerl, der etwas kann,
Wie ich, so macht's ein rechter Mann!
Half dir nicht einst, dem üppigen Minnesänger,
Mit seinem Schwert der schnöde Rattenfänger,
Dem jetzt der Zauber in der Scheide blieb,
Wie hätt' ich damals weidlich dich gezwiebelt
Mit unpariertem tücht'gem Stoß und Hieb!
Du bist und bleibst - es sei mir nicht verübelt,
Man grollt ja nicht in diesem Heiligtumb -
So hier wie dort halt ein Charakterlump!
Faust.
Wart nur, wart nur! das sag ich meinem Düntzer!
Valentin.
Was scher ich mich um diesen Zopf?
Zeig's ihm nur an, dem tausendfachen Münzer
Von Goethes letztem Hosenknopf!
Siehst du's denn aber gar so gern,
Wenn Famel schreiben über ihren Herrn? -
Doch jetzo muß es anders gehn, es muß,
Denn jetzt bin ich dein Famulus!
Vorwärts mit mir durch Höllen Qualm und Schwaden,
Mit mir, der Arm und Schenkel hat und Waden!
Faust.
Der Mensch ist wacker, zuverlässig, stet,
Doch fehlt's ihm fühlbar an Humanität!
Lieschen.
Heut soll uns nichts beleidigen,
Wir werden ihn noch schmeidigen,
Wir bilden ihn, wir schleifen ihn noch fein,
Den ungeschliffnen Edelstein.
Umarmet mich, mir ist vor Freude weinrich,
Komm, Valentin, komm, hochgeschätzter Heinrich!
(Man hört eine Glocke läuten.)
Die Glocke ruft, jetzt zu dem Lehrerstuhle,
Gekühlter Freund, und halte deine Schule!
Ein Schulzimmer. Es treten lärmend ein, mit Schulsäcken, Büchern, dreißig selige Knaben, nehmen nach und nach Platz auf den Bänken. Mephistopheles steckt den Kopf zur Türe herein:
Mephistopheles.
Gut' Morgen, holde Jugend, liebe Fratzen!
Knaben (jubelnd).
Oho! der lustige Kauz ist wieder da!
Mephistopheles (ist eingetreten).
Heut setzt's wohl Tatzen?
Knaben.
Wieso, wieso? Ihr wisset ja,
Er darf nichts tun, darf uns nicht schlagen!
Mephistopheles.
Wollt ihr's mal recht drauf wagen?
Nun sagt mir doch, ihr allerliebsten Tocken,
Was denkt ihr heut ihm wieder einzubrocken!
Karlchen.
Hier eine Kugel Pech, ich schmier's auf den Katheder.
Mephistopheles.
Auch gut, da klebt er fest mit seines Sitzteils Leder.
Fritzchen.
Ich habe da Knallerbsen mitgebracht.
Mephistopheles.
Nun ja, ihr müßt sie auf den Boden streuen,
Daß, wenn er auftritt, es ergötzlich kracht;
Doch bin ich stets ein Freund vom Neuen;
(zieht ein Schächtelchen aus der Tasche)
Kommt her, da guckt, ich hab euch was!
Knaben (ihn umringend und drängend).
Ei, wie, laß sehen, was ist das?
Mephistopheles.
Platz, süßer Pöbel, Platz!
(Hält Gustelchen die Schachtel ans Ohr.)
Hörst, Äffchen, wie es krabbelt?
Wie's rutscht und schiebt und zappelt?
Gustelchen.
Ach, Maienkäfer!
Mephistopheles. Ja, mein liebes Kind!
Ich haschte sie heut nacht nur so geschwind,
Wie ich vom Blocksberg schlendernd stieg herunter;
Ich dachte schmunzelnd just an jene Nacht,
Wo ich mit Faust denselben Weg gemacht.
Blitz, welcher lust'ge Saus und Braus!
Der Hexentanz, was für ein Schmaus!
Es war so munter wie in Wien beim Sperl,
Und damals, ja, war Faust ein andrer Kerl!
Wie unverzagt schritt er bergan mit mir!
Das Drama ging nicht weiter, aber wir,
Und einem Rest von Goethes Epigrammen,
Die mit den Xenien nicht gepaßt zusammen,
Verschafft' ich bei der Geisterzunft
Noch leidlich eine Unterkunft!
Nun, wie ich da so bummle ohne Sorgen,
So schwärmten denn die Käfer gegen Morgen,
Sie summten fröhlich ihre Frühlingslieder,
Es spukte wohl selbst durch die Käferglieder
Die herrliche Walpurgisnacht -
Blitz, wer hat aufgemacht?
Knaben.
Der Fritz, der Fritz!
Mephistopheles (gibt ihm eine Ohrfeige).
Da hast du was für deinen Wunderfitz!
(Beschwörend, die offene Schachtel hinaushaltend.)
Der Herr der Maienkäfer, Schwaben,
Der Wanzen, Spinnen, Läuse, Schaben,
Der Schlangen, Kröten, Krokodille,
Vampire, Molche, Armadille,
Der Herr der Würmer und Lazerten,
Der Herr des Krebsgangs auf der Erden,
Er schickt euch das Verhängnis!
Zurück in das Gefängnis!
(Die Käfer fliegen in die Schachtel.)
Mephistopheles (zu Gustel, der sich des Deckels bemächtigt hat).
Klapp zu, klapp zu!
So, jetzt ist Ruh!
Da nimm's, und wenn der Lehrer ist im Zug,
Mach auf und laß den Tierchen ihren Flug!
Doch halt, es fällt mir noch ein Stückchen ein,
Das soll das beste noch von allen sein!
Langt vom Katheder mir den Stecken!
Fritzchen, Karlchen und andere (ihn holend und
bringend).
Was mag er wohl bezwecken?
Mephistopheles (zieht ein Messerchen und schneidet am Stecken).
Wir ringeln ihn.
Knaben.
Was ist denn das?
Mephistopheles.
Sancta Simplicitas!
Wie, ihr, in allen Bubenstreichen
Zu Lehrers Qual bewandert sondergleichen,
Ihr wißt vom Steckenringeln nichts? Schaut her!
Ich nehm ihn, schneid hinein, doch nicht ganz quer,
Auch nicht bis in des Markes Mitte;
Aufsteigend in Spirale mit dem Schnitte,
Ganz fein, daß man ihn ja nicht sieht,
Richt ich den Stab so her, daß, wenn zu wild
Die Zornesader dem Gereizten schwillt
Und er nun doch vom Leder zieht,
Das Instrument ihm in der Hand zerbricht
Und ihm die Hälfte schnellet ins Gesicht.
Ihr sorgt dafür, daß seines Unmuts Geister
Nicht mehr bezwingt der hart bedrängte Meister.
Knaben.
Gern, gern nach Kräften! Wird's, so ist's famos!
(Man hört Schritte.)
Mephistopheles.
Er kommt; an euren Platz! Dann frisch drauf los
Mit allen euren Teufelei'n!
Den Stecken schnell ins Pult hinein!
(Die Knaben legen den Stecken ins Kathederpult, alle ordnen sich schnell, Mephistopheles verschwindet.)
Faust (tritt ein).
Es ist so schwül, so dumpfig hie,
Daß es den Atem mir bedrückt,
Die sel'ge Knabenkolonie
Hat wiederum die Luft verdickt.
(Er öffnet ein Fenster, sitzt in den Katheder.)
Wir kommen also heut an den Homunkel;
Nicht leicht ist's, heute gebt besonders acht!
(Ein paar Knaben werfen Knallerbsen aus, Geflüster, Gekicher.)
Was gibt's? Was hör ich da für ein Gemunkel?
(Vom Katheder herabeilend.)
Verschwört ihr euch im Anfang gleich
Zu einem neuen Schelmenstreich?
Wer scharrt, wer flüstert, kichert, hustet, lacht?
Gesteht, wer hat die Unruh angefangen?
Knaben (durcheinander).
Der Fritzchen, Karlchen, Gustel (usw.) hat die Schuld!
(Während der Unruhe schleicht Karlchen auf den Katheder und schmiert Pech auf den Sitz.)
Faust.
Ihr Satansvolk! Ihr ungezognen Rangen!
Mir reißt am Ende doch noch die Geduld!
Still jetzt, und keiner soll sich regen,
Sonst kommt es sicher doch zu Schlägen!
(Er tritt auf eine Knallerbse, sie kracht, er rutscht, fällt; allgemeines Kichern, Lachen.)
Das ist zuviel! jetzt greif ich nach der Waffe!
Karlchen.
Ah bah! Ihr dürft ja nicht!
Faust.
Mit dir beginn ich, frecher Laffe!
Du bist der Täter, ungezogner Wicht!
(Schreitet zum Katheder, ergreift den Stecken, hält aber plötzlich still.)
Wie ist mir? Welche milde Stimme
Wehrt tief im Innern meinem Grimme?
Der Stunde denk ich, da in meiner Hand
O homo fuge! eingeschrieben stand,
Auch Wallenstein
Fällt jetzt mir ein:
»Ich will es lieber doch nicht tun«; -
So sei's, ich laß den Backel ruhn.
(Er legt den Stecken weg.)
Die Untersuchung schlag ich diesmal nieder,
Gemessen ratend: Solches tut nicht wieder!
Der Dichtung tiefem Ernste wird's gelingen,
Den Geist des Mutwills, hoff ich, zu bezwingen,
Es geht jetzt, wie gesagt, an den Homunkel,
Gebt acht, paßt auf, der Gegenstand ist dunkel!
(Ablesend aus einem Manuskript.)
Der Homunculus, das von meinem früheren Famulus Wagner, nachher Professor, auf chemischem Wege verfertigte Menschlein, ist einerseits die geistlose Gelehrsamkeit, welche Schätze des Wissens zwar sammelt, aber nicht in lebendigen, geistigen Besitz zu verwandeln weiß, andererseits aber ebensosehr das besonnene, in selbstbewußter Kraft ahnungsvoll nach dem idealen Schönen hingerichtete Streben, also die sich selbst übertreffende Gelehrsamkeit, die Liebe zum Schönen, die dem Menschen voranleuchten muß, wenn er das Land der Schönheit suchen und finden soll; übrigens, da er an Galateas Muschelwagen zerschellt und als flüssiges Feuer -
Doch nein, der Rest sei aufgeschoben!
Erst laßt mich sehen, ob ich euch kann loben;
Jetzt wird behört. Nun, Karlchen, sag
(Er will aufstehen, fühlt, daß er anklebt, reißt sich los.)
Das Wetter schlag! -
Was hält mich da?
Hier pappt es ja!
Was klebt, was sperrt?
Was reißt, was zerrt?
Ha, das ist Pech!
Wer war so frech?
(Eilt vom Katheder unter die Knaben; man bemerkt, daß ein Teil seines Beinkleids etwas mangelhaft geworden.)
Wer hat's getan? Ihm nahet das Gericht!
Knaben.
Ich nicht - ich nicht - ich nicht - ich nicht -
Faust.
Nicht länger spotte,
Du teuflische, obwohl selige
Lausbubenrotte!
Daß ich euch noch befehlige,
Jetzt endlich sollt ihr klärlich es verspüren!
Den Backel, was auch folge, will ich führen!
Gespannt ist jeder Nerv zu Schreckenstaten!
Vom ersten fang ich an und haue fort
Mit furchtbar'm Hieb von Ort zu Ort,
Bis mir der schnöde Täter wird verraten!
(Geht entschlossen zum Katheder, ergreift den Stecken, steht aber plötzlich
still.)
Wär' es getan, wenn es getan ist, dann
Wär's gut, man rät' es schnelle; wenn der Schlag
Auffangen könnt' in seinem Netz die Folgen,
Mit dem Vollbringen das Gelingen haschen,
Daß mit dem Stockhieb alles aus und ab,
Ganz fertig alles wäre - hier - nur hier,
Auf dieser Schülerbank der Gegenwart,
Das künft'ge Leben setzte ich aufs Spiel.
(Die Türe wird leise halb geöffnet, Lieschen wird sichtbar.)
Lieschen (flüsternd).
Enthalte dich auch jetzo von dem Wilden
Und suche menschlich deine Schar zu bilden;
Wenn wilde Bären unter Menschen laufen,
Da muß der Fühlende entsetzlich schnaufen.
Ergib dich ganz humanitarischen Zwecken
Und laß im Pulte den barbarischen Stecken!
Von Lady Macbeth volles Gegenteil
Bered ich dich zu deinem eignen Heil.
(Zieht die Türe wieder zu. Ab.)
Faust.
Sei mir gesegnet, Engelstimme du!
Ja, du hast recht! Ich habe keinen Stachel,
Als einzig Zornwut, die zum Aufschwung eilt,
Sich überschlägt und in die Patsche fällt -
Und nun, ihr Jungen, wieder zum Homunkel!
Genau und ohne jegliches Geflunkel
Will er bestimmt sein, kurz gefaßt,
So daß das Wort streng zum Begriffe paßt;
So sage, Fritzchen, ohne Federlesen,
Was ist es also, dieses seltne Wesen?
Fritzchen.
Homunkel ist fürs erste überhaupt -
Er ist - er ist -
Faust. Nun, wie mit Recht man glaubt -
(Für sich.)
Schon ist die vorige Definition,
Die memorierte, wieder mir entflohn.
Es ist nicht Zeit, im Hefte nachzusehn,
Aus Kommentaren, wenigstens aus zehn,
Hab ich die Deutungen mir abgeschrieben -
(Laut.)
Er ist - er ist - wo sind wir stehngeblieben?
Er ist, besieht man es beim Licht -
Fritzchen.
Erlaubt, mir scheint, ihr wißt es selber nicht.
Faust (für sich).
Du ahnungsvoller Schlingel du!
(Laut.)
Wart, Kerl, ich haue doch noch zu!
(Besteigt den Katheder, sieht in das Manuskript.)
Ja gut, zuerst folgt noch der Rest der ersteren, längeren Definition: Der Homunculus ist nämlich außerdem, daß er einerseits die trockene Gelehrsamkeit, andrerseits die Liebe zum ideal Schönen ist, zugleich eine äußerst tiefsinnige Anspielung auf den Vulkanismus. Indem er nämlich am Muschelwagen der Galatea -
(Maienkäfer summen.)
Welch tiefes Summen, welch ein dumpfer Ton
Stopft mit Gewalt das Wort in meinem Munde?
Verkündiget ihr Maienkäfer schon
Des Wonnemonats freudenreiche Stunde?
Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Brumseltöne mich im Schulenstaube?
Klingt dort umher, wo Frühlingsferien sind -
(Noch mehr Maienkäfer summen.)
Des Sumselns hör ich mehr! wie, was! ich glaube -
(Gekicher. Ein Maienkäfer sitzt Faust auf die Nase; stärkeres Gekicher.)
Das Bubenpack,
Zum Schabernack
Ließ los das käfrige Gefieder -
Die Ader schwillt, der Zorngeist packt mich wieder -
(Er stürzt vom Katheder herab unter die Knaben, findet nach längeren Schwierigkeiten bei Gustelchen die Schachtel, reißt ihn am Wamskragen zum Katheder.)
Ha! an mir selbst - so bin ich desperat -
Begeh ich, zwar mit etwas Änderung,
Doch mit dem gleichen wilden Schwung
Zum zweitenmal dasselbe Plagiat.
Was ist die Himmelsfreude mit gebundnen Armen!
Jetzt soll das Haselholz in meiner Hand erwarmen!
Hilf, Teufel, mir die Pein verkürzen!
Was muß geschehn, mag's gleich geschehn!
Mag dein Geschick auf mein's zusammenstürzen
Und du mit mir zugrunde gehn!
In Todesmut will ich zum Stecken greifen,
Dir fünfundzwanzig auf den Hintern häufen,
Zum Globus, den geschwollenen, erweitern
Und wie du selbst am End auch ich zerscheitern!
(Er ergreift den Stecken, holt mit der Rechten aus, während er mit der Linken Gustelchen die Hosen spannt, der Stecken zerbricht, das obere Stück fliegt ihm an den Kopf; ausgelassenes Gelächter der Knaben.)
Faust.
Ha, diesmal hat der schlimmste Bubenstreich
Mich just gerettet aus der Hölle Rachen!
Vernunft kehrt wieder; lacht ihr Buben gleich,
Der Teufel, der's euch riet, wird schwerlich lachen.
Mephistopheles (erscheint im Hintergrund, nur dem Zuschauer sichtbar,
hinter dem Ohre kratzend).
O diesmal war ich sonder Zweifel
Ein dummer Teufel!
Die Patsche hab ich selbst mir angerichtet,
Durch Steckens Ringlung meinen Sieg vernichtet;
Ich Esel habe nicht bedacht,
Daß allzu scharf nur schartig macht!
Von neuem wird mir's klar: ich bin ein Teil der Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Gesang unsichtbarer guter Geister.
Erste Strophe
Glücklich erstanden!
Selig der Sterbsliche,
Welcher die herbsliche,
Beinah verderbsliche,
Heil doch erwerbsliche,
Knallende, erbsliche,
Erbsliche, knallende,
Rutschende, fallende
Prüfung bestanden!
Zweite Strophe
Glücklich erstanden!
Selig der Sterbliche,
Welcher die tappige,
Sitzledergerbliche,
Schmierige, pappiche,
Hinterwärts färbliche,
Klebrige, schnappige,
Hosenabklappige
Prüfung bestanden.
Dritte Strophe
Glücklich erstanden!
Selig der Lehrende,
Dichtung Erklärende,
Knaben Behörende,
Der die beschwerende,
Ärgerlich störende,
Käferlich brummende,
Schläferlich summende,
Lüftedurchirrende,
Surrende, flirrende,
Naseumschwirrende,
Krabbliche,
Fappliche,
Schwappliche,
Zappliche
Prüfung zwar nicht so ganz,
Wenigstens nicht mit Glanz,
Immerhin unterdes,
Doch noch in Folge des
Bubengeschlingelten,
Rundschnittumzingelten,
Steckengeringelten
Streiches bestanden!
Faust.
O tönet fort, ihr süßen Engelslieder!
Tropft Schweiß der Scham auch von der Stirne nieder,
Die Gnade siegt, der Himmel hat mich wieder!
(Lieschen ist inzwischen eingetreten.)
Dank stamml ich dir!
Lieschen.
Nicht mir, nicht mir!
Zu Hilfe kamen äußere Momente,
Doch alles dankst du lediglich am Ende
Dem eignen Selbst, das ernst und tief
Dir wieder ins Bewußtsein rief
Ihn, der vorübergehend schlief:
Kants kategorischen Imperativ.
(Umarmung. Die Knaben weinen gerührt. Hinter der Gruppe Mephistopheles, immer noch hinter dem Ohre kratzend.)
Zimmer wie im ersten Auftritt des ersten Akts. Faust eben niedersitzend am Tisch, den Lieschen deckt.
Faust.
Das wäre durchgeschwitzt!
Doch was kommt itzt?
Die Ruhepause dauert wohl nicht lange;
Wie ist mir vor der weitern Prüfung bange!
Es mehrt die Angst, daß sie noch gar so dunkel,
Geheimnisvoll hängt an der Parzen Kunkel.
Lieschen (eine Flasche und eine Schüssel aufstellend).
Erhole dich! Vergiß!
Da - trink und iß
Und sammle Kraft zum neuen schweren Schritte
Geruhig hier in unserer stillen Hütte.
Faust.
Ei, schau! Was bringst? Nicht Milch, nicht wilder Honig,
Ist es wohl Wein? Ich hoff, er ist nicht konig -
Und in der Schüssel, wie? Heuschrecken sind es nicht.
Lieschen.
Bratwürste! Sieh das köstliche Gericht!
Durch ein besonderes Dekret,
Heut morgen mir in Gnaden abgereicht,
Ist heute dir verbessert die Diät,
Daß nicht die Kraft zum neuen Gang dir weicht.
Der Trank jedoch ist reiner Apfelwein.
Faust (zugreifend).
Nun ja, mag sein, mag sein!
Ach wie das schmeckt!
Die Lebensgeister weckt!
Da nimm, halt wacker mit, dein Wohl! stoß an!
(Sie essen und trinken. Es donnert.)
Eine tiefe, furchtbare Baßstimme.
Auf, Doktor Heinrich Faust! Es ist genug geschmaust!
Dir reicht das Schicksal jetzt noch einen Bittern:
Noch einmal sollst hinab du zu den Müttern!
(Pause.)
Lieschen.
Bleib aufrecht, Faust! Wie ist dir? Schaudert's dich?
Faust.
Die Mütter! Mütter! 's klingt so wunderlich!
Die Mütter! 's trifft mich immer wie ein Schlag,
Das Schauerwort, das ich nicht hören mag!
(Neuer Donner.)
Dieselbe Stimme.
Tu auf dem alten Schlüssel einen Pfiff,
Darauf erfolgt der rasche Niederschliff!
Lieschen.
Das wird ja wohl der rost'ge Schlüssel sein,
Den du nicht sehen konntest ohne Pein;
Du batest mich, recht tief ihn zu verstecken,
Zuunterst in dem Schrank schloß ich ihn ein.
Faust.
Es ist der Schlüssel zu dem Tal der Schrecken,
Obwohl nur Rost und lumpiges altes Eisen;
Mir war verboten, ihn hinwegzuschmeißen;
Du ahnest nicht, wohin es geht,
Es ist ein furchtbares Dekret!
Lieschen.
Ergib dich in dein Los!
O Faust, sei groß!
Dieselbe Stimme (etwas milder).
Zu deiner Hilfe soll der Valentin,
Du Hasenfuß, mit dir hinunterziehn!
Drei Prüfungen sind ausersehn,
Man hofft, du werdest sie bestehn!
Die erste ist nicht gar zu schwer,
Heiß geht es bei der zweiten her:
Wird Feindes Macht euch überstark,
Stampft! und euch hilft Urlebensmark.
Die dritte ist noch schwerer,
Prüft dich als treuen Lehrer;
Sei fest, laß deine Schule dir nicht nehmen,
Vor hehren Geistern mußt du sonst dich schämen.
(Donnerschlag.)
Faust.
Diesmal hat's ziemlich lange peroriert,
Orakel sind sonst kürzer redigiert.
Im Anfang freilich etwas grob.
Lieschen.
Ertrag's, verzage nicht darob!
Als Ganzes war die Rede doch human,
Man spürte das schon ihrer Länge an.
Valentin tritt ein, als Soldat angetan, Degen an der Seite.
Valentin.
Habt ihr's gehört? Ich weiß es schon;
Durch wunderbare Vision,
Die mir im Traume ward heut nacht,
Ist mir die Ordre kundgemacht.
Hinunter zu den Müttern soll es gehn,
Ich soll als Knappe dir zur Seite stehn.
Wer sind die Mütter? Weiß der Teufel!
Verfluchte Hexen ohne Zweifel?
Faust.
Göttinnen sind es, dunkle, ungekannte,
Von Geistern selbst nicht gern genannte.
Ihr Wesen ist Gestaltung, Umgestaltung,
Des ew'gen Sinnes ew'ge Unterhaltung,
Umschwebt von Bildern aller Kreatur,
Urtypen der erzeugenden Natur;
Dort ist origo omnium formarum.
Valentin.
Spaßvogel du! Urigel? Lirum larum!
Faust.
Du lachst, Naturbursch! Aber mir, mir graut,
Mich überrieselt kalte Gänsehaut!
Valentin.
Wo aber ist das Zeug? In welchem Raum?
Hinunter geht's, so sagte mir der Traum.
Faust.
Sie thronen hehr in purer Einsamkeit,
Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit.
Valentin.
Potz Blitz, da tapp' ein anderer hinein!
Da muß es ja verdammt langweilig sein!
Faust.
Es ist kein Raum und doch zugleich ein Raum,
Ein Raum und doch gewissermaßen kaum.
Zu ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen,
Sie ist im innersten Erdballschlund,
Den wir mit Fug symbolisch deuten dürfen
Als metaphysischen Weltenuntergrund.
Valentin.
Als Untergrund? Das muß ja Hefe sein!
Da haben wir - dies muß von selbst erhellen -
Die Welt uns als ein Bierfaß vorzustellen.
Wie schlagen wir den mächt'gen Spunden ein?
Faust.
Fast lachen muß ich trotz dem tiefen Schauer;
Naiver du, wie denkst du ganz als Brauer!
Stellst dir, du unverbesserlicher Tor,
Tief mystische Dinge wie mechanisch vor!
Ein Schlüssel tut's, tief geistiges Symbol,
Der öffnet uns das grauenvolle Hohl!
Es sei! Es sei!
Ich muß es wagen,
Hinweg das Zagen!
Lieschen, den Schlüssel bring herbei!
(Lieschen geht mit Zeichen großer Angst.)
Valentin.
Zu einem Schloß von so besonderer Art
Will's wohl ein Ding mit einem krausen Bart,
Und schwer genug mag's werden, ihn zu drehn.
Faust.
Ach, am Objekte ist nicht viel zu sehn;
Des Grauens Sitz bei solchen Geistertiefen
Liegt wesentlich und stets im Subjektiven.
Lieschen (kommt mit einem rostigen Schlüssel).
Da komm ich mit dem Schauderinstrumente,
Mit Zittern nahm ich's in die zarten Hände.
Valentin.
Der ganze Bart ist ja ein rost'ger Knauf!
Das geht ja nicht, der macht das Schloß nicht auf.
Faust. Ich soll ihn ja nicht stecken und nicht drehn,
Ein Pfiff darauf, und alles ist geschehn.
O schrecklich jetzt! Mir zuckt das Herz voll Qual!
Ich bleibe hier, ich wag's nicht noch einmal!
Valentin (macht eine entschieden gebietende Attitüde mit dem
Schlüssel).
Potz Donner, sei doch nicht so feig,
Du siehst ja aus wie Milchbrotteig!
Hättst du gelernt, dich selbst und andere zu meistern,
Erbebtest du auch nicht vor einer Schar von Geistern!
So steh doch nicht so mauderich,
Wenn du nicht pfeifst, so pfeife ich!
Faust.
Nein! Nein!
Das darf nicht sein!
Es wäre völlig wirkungslos
Und stellt' uns schwerer Ahndung bloß,
Nur reiner Pfiff von Humanistenlippen
Führt uns hinab durch infernale Klippen;
Die Mütterwohnungöffnungsprozedur
Taugt nicht für empiristische Natur!
Valentin (den Schlüssel reichend).
So pfeife denn, dein Pfiff mag eher gelten,
Doch meinen Stand, den laß ich mir nicht schelten.
Faust.
Es sei! Ich wag es. Lieschen, lebe wohl!
Jetzt geht's hinunter in das grause Hohl!
Lieschen.
Zieh kühn hinab ins dunkle Reich der Mütter,
Bald grüß ich dich als sieggekrönten Ritter!
Du, Valentin, beschütze treu den Teuern,
Verlaß ihn nie in seinen Abenteuern,
Doch sei dabei ein bißchen minder grob,
Sonst trübest du das zugedachte Lob!
Valentin.
Ich bin halt, wie ich bin, ich mein es nicht so böse;
Soll der da vorwärts gehn, so braucht es eben Stöße.
(Faust pfeift. Es erscheint ein Kaminfeger.)
Die Vorigen. Der Kaminfeger.
Kaminfeger (mit Leiter, Besen, Schürfeisen).
Da bin ich, da bin ich und zeige euch an,
Der Schlot ist geöffnet, bereit ist die Bahn!
Beginnen kann der Niederschlupf
Zum unnennbaren Mütterschupf!
(Er verschwindet.)
Lieschen.
O Himmel, sah ich recht? er hinkt auf einem Fuß!
Sein Blick aus der geschwärzten Fratze
Wies merkbar auf die innre Teufelstatze,
Aus höllischer Esse bracht' er seinen Ruß!
Valentin.
Könnt' ich ihn packen, mit seinem Besen
Ihm den Leviten tüchtig lesen!
Ein schöner Reiseführer, der Mephisto!
Jetzt weiß man erst nicht, hotto oder histo?
Faust.
Nicht speziell versteh ich diese Wendung,
Doch das erseh ich aus der dunkeln Sendung:
Zum Tauchen in die tiefsten Tiefen,
Zum penetranten Niederschliefen,
Zum Geistesrücktritt hinter die Erscheinung
Führt nur die Kraft durchschneidender Verneinung,
Sie sieht sich an wie das abstruse Schwarze.
Valentin.
Dir wachsen doch, wie Warze wächst auf Warze,
Die Raupen im Gehirn! Was faserst da?
Den rußig Schwarzen, scheint mir, lobst du ja!
Faust.
Ach Gott, die Tiefen der Abstraktion,
Sie selbst enthalten oft Illusion,
Es können ihre Schauer, ihre Schrecken,
Heilsam an sich, doch Täuschung auch bezwecken;
Der Schwarze, der dem Guten doch muß dienen,
Meint's drum nicht gut, ist nicht als Freund erschienen.
O Not! o Kreuz! Furchtbarer Doppelschein!
Entsetzlich Zwielicht zwischen Ja und Nein!
Valentin.
Blitzsakerment! Wer kann das Zeug verstehen!
Der Mensch wird närrisch! Hoch ist's Zeit zum Gehen!
(Dumpfes donnerähnliches Geräusch. Der Boden unter Faust und Valentin schwankt, bricht ein, sie sinken hinab, Faust reicht im Versinken seufzend Lieschen noch einmal die Hand.)
Lieschen (allein).
O schauervoller Niedergang!
Wie ist um ihn mir weh und bang!
Doch weiß ich, all der Schauer und der Schreck
Hat eine Läutrungsphase nur zum Zweck,
Und tief bedenkend faß ich neuen Mut:
Das ganze Leben ist ein Institut.
(Der Vorhang fällt. Ende des ersten Aufzugs.)
Die Bühne zeigt einen Raum, der kein Raum ist, nichtsdestoweniger in einer großen Höhle mit großem Tor und einer seitlichen Spalte des Gesteins besteht. Um auszudrücken, daß man sich außerhalb der Zeit befindet, kann die Theateruhr gestellt werden. Drei Mütter sitzen an einem steinernen Tisch, trinken Kaffee und sind zugleich beschäftigt, Figuren aus allerhand Zeug zu verfertigen. Sie singen.
Mutter A.
Teils sind wir wesenhaft,
Teils jedoch nicht,
Hexenhaft, besenhaft,
Wahrheit, Gedicht.
Tief in der Erde Schoß,
Also im Raum,
Doch zugleich körperlos,
Geistiger Schaum,
Außerhalb aller Zeit,
Doch zugleich einst und heut,
Thronen wir plauderbar,
Spaßhaft, doch schauderbar,
Trinken Kaffee,
Juchhe!
Mutter B.
Fleißig auch flicken wir,
Sitzend im Ring,
Nähen und stricken hier
Seltsames Ding.
Jeglichen Wesens Form -
Dies ist der Witz -
Findet hier seine Norm,
Seine Matriz,
Ewigen Prägestock,
Erstlichen innern Rock.
Bild wird von uns erneut,
Wenn Geistes Macht gebeut.
Trinket Kaffee!
Juchhe!
Mutter C.
Fragest du, was und wie
Dieses denn sei,
Halte dich nur an die
Philosophei!
Nimm deinen Plato her:
Reinesten Wein
In der Ideenlehr
Schenkt er dir ein,
In der beschaulichen,
Mystischen, blaulichen;
Kannst du sie nicht verstehn,
Läßt du sie lieber gehn.
Trinket Kaffee!
Juchhe!
Mutter A.
Andre behaupten nun
Sinniglich grübelich,
Dieses geheime Tun
Interpretiere sich
Richtiger, klarer aus
Dem Diodor,
Denn dieses alte Haus
- Bringen sie vor -
Melde beziehlichen,
Schwer zu erklärenden,
Mütter verehrenden
Kult auf Sizilichen.
Trinket Kaffee!
Juchhe!
Alle drei Mütter (sich anfassend, tanzend).
Uns ist die Konjektur
Übrigens wurst,
Löscht der Kaffee uns nur
Unseren Durst.
Goethe dort oben lacht,
Des labor improbus,
Wenn euch der Zahn erkracht
Über der harten Nuß!
Drehet und windet euch,
Zanket euch, schindet euch,
Schreibet und schnörkelet,
Firgelet, nörgelet! -
Hoch der Kaffee!
Juchhe!
(Ausgelassener höllischer Fandango. Schauderhaftes Gelächter. Es klopft an der Tür.)
Mutter A.
Wer ist der Unberufne, der an dieses Tor,
Um welches rings ein schauerlich Geheimnis weht,
Mit ungeweihter Frevlerhand zu rühren wagt?
Mephistopheles (außen).
Oho, ihr Mütterchen, oho!
Stellt euch nicht so!
Nur aufgetan! wozu denn das Geflunker?
Die drei Mütter.
Herrje! Herrje! Besuch von unsrem Junker!
(Öffnen eilig.)
Die Vorigen. Mephistopheles als Kaminfeger tritt ein.
Mephistopheles.
Guten Abend, liebe Mühmchen,
Dieses Abgrunds holde Blümchen!
Mutter A.
Ei, welch artiges Kostümchen!
Mutter B.
Der allerliebste Seelenjäger,
Wie reizend heut als Schornsteinfeger!
Mutter C.
Enthüllet uns, wenn's euch beliebt,
Was ihr in dieser Maske triebt!
Mephistopheles (legt Leiter und Besen beiseite und erscheint in seinem
gewohnten Habit).
Ich seh, es gibt Kaffee, ihr lieben Schätzchen,
Ihr gönnt mir wohl ein Schälchen und ein Plätzchen?
Die drei Mütter (durcheinander, einen Stuhl setzend, einladend,
Kaffee einschenkend).
Da sitzt, da nehmt und laßt's euch schmecken!
Mephistopheles (ein Zigarrentäschchen ziehend).
Ist es vergönnt, mir eine anzustecken?
Mutter A.
Wir können's gut vertragen, riechen's gern.
Geht, reichet Feuer unsrem gnäd'gen Herrn.
Mephistopheles.
Braucht's nicht, ich führe früh und spat
Zündholz von eignem Fabrikat.
(Zieht aus einem Büchschen ein Zündhölzchen, fährt damit über sein
Gesäß, zündet an, sitzt, nimmt einen Schluck Kaffee - für sich.)
Puh! Puh! die gelben Rüben stinken raus.
Man kann dazu das Rauchen
Vom höllischen Havanna-Wenzislaus
Wahrhaftig brauchen!
Mutter A.
Nun saget an, was gibt's denn Neu's jetzunder?
Mephistopheles (behaglich im Stuhle sich dehnend).
Nun ja, der Faust kommt wieder runter.
Zur Niederfahrt in euren tiefen Schacht
Hab einen eignen Schlot ich angebracht
Und dann im Schornsteinfegerkleid
Ihm angezeigt, der Durchgang sei bereit;
Doch nicht zu wohlgeputzt soll er ihn finden,
Er mag sich nur mit Klettern tüchtig schinden,
Die weiche Haut an Händ und Füßen schürfen
Und etwas Rußstaub in die Kehle schlürfen.
Noch einer kommt mit ihm, ein Grobian;
Dem wird vergehn der rohen Stärke Wahn.
Es bleibt uns Zeit, ein wenig noch zu plaudern,
Sie sollen uns im Vorgemache zaudern;
Waschwasser müßt ihr für die zwei Gesellen
Und Seife, Handtuch vor die Türe stellen,
Sie sollen nach der Fahrt durch den geschwärzten Rachen
Anständig draußen Toilette machen;
Denn unser Hof ist keiner von den kleinen,
Salongerecht muß da der Gast erscheinen.
Dann schiebt den Riegel vor das hohe Tor,
Wann's uns gefällt, so lassen wir sie vor.
Mutter A (zu Mutter B und C).
Besorgt die Sachen!
Müßt schnelle machen!
(Während es geschieht, zu Mephistopheles.)
Der Faust also, um dessentwillen wir -
Mephistopheles.
Um dessentwillen ihr von mir,
Da es bedurfte neuen, schnellen Rats,
Seid aus dem Chaos, aus des Ursalats
Nicht angemachtem Teil herausgezwickt,
Herausgeklaubt, geschustert und geflickt.
Ihr wißt, ihr Grazien, wie mein Zauberstab
Euch seinerzeit das dunkle Leben gab
Und euch sodann von meiner Schöpferkraft,
Die Scheingeburten, Schatten, Schemen schafft,
Ein Teil vererbte, um mit Geisterhänden
Am Zögling Faust mein Werk noch zu vollenden.
Es war mir leider nicht gelungen,
Im Wollustschlamm den wunderlichen Jungen
Am Brockensabbat gründlich zu versumpfen;
Ihr solltet im Absurden ihn verdumpfen,
Im klassischen Walpurgisnachtgewirr,
In zusammengestoppelter Larven Geschwirr,
In bizarrem Greifen- und Sphinxeschnarren
Ihn glücklich bilden zum schalen Narren,
Und um die Tatkraft ganz ihm zu entwinden,
Ihn mit dem Schemen Helena verbinden.
Da kam mir die verhängnisvolle Schere
Der obern Macht verteufelt in die Quere,
Die Luft der Politik, die herbe, frische,
Nahm ihn am Wische,
Riß ihn empor aus unsern Netzen.
Er eilte, sich ein großes Ziel zu setzen,
Das sogenannte Volkswohl. Dummes Wort!
Doch schlimm für mich! Er schlüpft mir eben fort!
Zwar noch einmal sucht' ich ihn dranzukriegen;
Ich war es, als sein böser Dämon,
Der gegen Baucis und Philemon
Ihm die Gewalttat eingab zu verfügen.
Allein es half mir nichts, dieweil das alte Paar
Aus dem Ovidius gepumpet war.
Man wagt kein streng supplicium,
Bringt man entlehnte Masken um.
Es hatte nämlich dieser tapfre Mann
Für einen Sieg, den ich für ihn gewann,
Ein Lehn empfangen aus des Kaisers Hand,
Ein langgestrecktes Uferland
An des gefräß'gen Meeres Strand.
Der Wellen Ansturm galt es abzuzwingen,
Ihm täglich neu das Feste abzuringen,
Es galt zu hacken, schaufeln, graben, hauen
Und das Erkämpfte fruchtbar anzubauen;
Die Knechteschar, sie sparte nicht den Fleiß,
Das Beste aber tat die Zauberkunst,
Nichts ohne sie vermochte aller Schweiß,
Und Fausts Verdienst war nichts als eitler Dunst.
Und dann nach jener alten Leute Gütchen
Weckt' ich in ihm ein lüstern Ahabs-Mütchen;
Was ich geraten, hatt' ich zu vollstrecken
Und fing das Ding ein bißchen gröblich an,
Die Alten fielen um vor Schrecken
Und blieben tot - es war getan.
Sonst sah man ihn nicht weiter viel regieren,
Den Handel aber wollt' er protegieren,
Er schickte mich als Flottenführer aus,
Und etwas Seeraub gönnt' ich mir als Schmaus.
Dann aber, dann kam ein Moment,
Darob mir heut noch Gall und Leber brennt:
Mein Doktor Faustus wird ein Skrupelklauber,
Den Abschied gibt er meinem feinen Zauber,
Ich schicke nun, den Mut ihm doch zu lähmen,
Vier graue Weiber, allegorische Schemen,
Ihm auf den Hals. Drei jagt er schnelle fort,
Die vierte doch, die Sorge, bleibt am Ort,
Sie haucht ihn an, nimmt ihm das Augenlicht -
Was es bedeutet, weiß ich selber nicht -,
Genug, es sollt' ihn ängstigen und schwächen;
Doch er läßt sich den starren Sinn nicht brechen,
Es zeugt sein Hirn in aufgeblasnem Schaum
Von großer Zukunft einen hohlen Traum,
Wie er auf freier, selbsterkämpfter Erde
Ein freies Volk als Fürst regieren werde,
Er ruft, entzückt von diesem Narrenbilde,
Als schaut' er in der Seligen Gefilde:
»Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick.«
Da steht die Uhr, der Zeiger fällt,
Der stolze Träumer ist geprellt
Und ganz abrupt, nicht weiter motiviert,
Doch just, wie der Vertrag es stipuliert,
Sinkt er auf einmal maustot um,
Und ich natürlich war nicht dumm -
Ach nein! - ich war's - war's nachher - schweig, o Zunge!
Ich, wie ein grüner, unerfahrner Junge -
Der Teufel soll die schönen Engel holen!
Wie haben sie mich hinterlich vexiert,
Rückwirkend um die Beute mich bestohlen!
Ach ja! ich habe furchtbar mich blamiert!
Mutter A.
O Armer! Seht, er schämt sich! Purpurröte
Kämpft mit dem Schwefelgelb, ein rein Orange
Entsteht aus der chromatischen Melange!
Oh, sieh dies Schauspiel an, verklärter Goethe!
Sieh hin, wie er vor Ärger nun erblaut,
Wie Blau mit Gelb als Grünes sich erschaut,
Wie Grün mit Rot als Wechselsupplement
Sich hebt und mehrt, gesteigert strahlt und brennt!
Wir möchten gern dies Farbenphänomen
Im zweiten Teil des Faust verwendet sehn,
Man findet dort so viel Geologie,
Der Farbenlehre nur gedenkst du nie!
Mephistopheles.
Doch als ich schon dem höchsten Himmel nah
Des Faust Unsterbliches getragen sah,
Hab ich nicht faul nachträglich mich gewehrt!
Mit würd'gem Nachdruck macht' ich geltend,
Zu leicht sei ihm die Seligkeit beschert.
Wie? rief ich edel zürnend, sittlich scheltend:
Der Mensch hat ja im Grunde nichts getan,
Und dafür langt er nun im Himmel an?
Ich querulierte, drängte, ließ nicht nach,
Bis Gott der Herr aus einer Wolke sprach:
»Nun meinethalb, es sei,
Du meine Polizei,
Mein Sauerteig, mein Hauptmineur,
Du mein agent provocateur!
Entfernt noch von den höchsten Paradiesen
In einen Vorraum sei der Faust verwiesen,
Zwei große Proben soll er noch bestehen!
Wie er sich hält, wir werden es ja sehen;
Und jede soll Versuchungen umfassen
Verschiedner Art, die ganz dir überlassen.«
Als erste dieser prüfungsreichen Lagen
Ward ihm ein schwierig Schulamt übertragen:
Die sel'gen Knaben mußt' er instruieren
Bei schmaler Kost. Den Bakel je zu führen
War ihm verboten. Wie ich da ihn packte,
Wie ich ihn reizte, kitzelte und plackte,
Könnt ihr euch denken.
Mutter A. Und wie ist's gegangen?
Mephistopheles.
Ach die Erzählung müßt ihr nicht verlangen!
Wie ihn sein grober Spießgesell geschützt,
Wie ich durch Zufall kläglich abgeblitzt -
Still, still davon! Kurzum, mit knapper Not
Mied er den Durchfall, der ihm nah gedroht.
Doch jetzt bei euch, ihr dunkeln Priesterinnen,
Soll seiner Proben zweiter Gang beginnen,
Und hier, ich schwör's, wird er total zerzaust,
Des Himmels Muttersöhnchen, dieser Faust!
Helft mir, daß nichts zum Rigorosum fehle!
Bestürmt mit Geisterschauern seine Seele!
Ihm soll der Schreck das dünne Blut entfärben!
Den Tod der Feigheit soll er schmählich sterben!
Kurzum, so wahr ich bin der Mephistophel,
Er muß mir doch noch unter den Pantoffel!
Die drei Mütter (durcheinander).
Was aber tun wir? Satan, edler Vetter,
Gib Rat, sag an, sprich, hilf, Potz Donnerwetter!
Mutter A.
Da fällt mir ein - was meinst? Wir haben ja
Im Magazine noch die Helena
Benebst dem Kerlchen, ihrem Sohn,
Dem Purzelwicht Euphorion.
Mephistopheles.
Ihr könnt's versuchen, mit den alten Fetzen
Den weichen Mann aufs Trockene zu setzen.
Doch halt ich wenig drauf; er hat's verschmeckt,
Gemerkt, was in den Kindertocken steckt.
Halt! Halt! Was andres fällt mir ein,
Das muß, mir dünkt, von großer Wirkung sein;
Dann noch etwas, das muß noch besser batten:
Zwei Schreckpopanze, schauerliche Schatten,
Zwei Wauwau, Knechte Ruprecht will ich pappen!
Gebt nur gleich her, reicht Werg und Leinwandlappen,
Filz, Leder, Watte, Roßhaar, Blech,
Reicht Teer und Kleister, Schnur und Pech,
Wir basteln gleich die erste schöne Puppe,
Ihm einzubrocken eine Höllensuppe!
(Die Mütter schaffen aus Wandschränken das Verlangte herbei. Mephistopheles fängt an zu arbeiten.)
Die drei Mütter.
Was gibt's? Ei schön, schau, schau!
Das gibt ja einen prächtigen Wauwau!
Mephistopheles (flüstert während der Arbeit unverständliche Worte.
Spannende stille Tätigkeit unter Beihilfe der Mütter. Mephistopheles zieht
eine Büchse aus der Tasche und gießt etwas Flüssiges in die Puppe).
Den Klebestoff, den zähen Teufelsleim,
Aus höllischem Drachenfett gekochten Seim,
Gieß ich nunmehr aus dieser Büchse
Zu festrem Halt ins Lumpenwerk hinein.
Mutter A.
So, so, nun wird's solide sein.
Mephistopheles.
Jetzt dort vom Unschlitthafen etwas Wichse!
(Wird gereicht.)
Daß ich den Schnurrbart kräusle fein,
Denn ausgedreht in zwei sublime Spitzen,
Just wie zwei Rattenschwänze, muß er sitzen.
(Es geschieht. Man hört ein stärkeres Klopfen.)
Valentin (draußen).
Macht auf, ihr alten Schachteln!
Sonst gibt es Dachteln!
Faust (draußen, leise, doch hörbar zu Valentin).
Warum denn gleich so grob, du Tor?
(Laut.)
Erhabne Wesen, laßt uns gnädigst vor!
Mephistopheles.
Herein das Zeug in euer Kämmerlein,
Des Hochgewölbs verborgne Seitenkluft!
Ihr bleibet noch, und wenn es heft'ger pufft,
Nach kurzem Schelten lasset sie herein,
Doch dürfen euch die Gäste nicht mehr finden,
Zu mir hinein beeilt euch zu verschwinden,
Helft mir am dritten von den Wauwau-Geistern
Getreulich nähen, stopfen, flicken, kleistern.
Ist alles fertig, lassen wir sie los:
Ihr werdet sehn, die Wirkung ist famos.
Und wenn auch eins und zwei nicht trifft,
Das dritte trifft, drauf nähm' ich Gift!
(Stärkeres Pochen, während Mephistopheles in einer Seitenöffnung der Höhle verschwindet und die Mütter schnelle das Puppenzeug hineinschaffen).
Mutter A.
Wer ist der Unberufne, der an dieses Tor,
Um welches rings ein schauerlich Geheimnis weht,
Mit weltbefleckter, frevler Hand zu rühren wagt?
Erst reinigt sorgsam euch mit heil'ger Waschungsflut,
Die draußen in geweihtem Becken steht bereit,
Dann tun wir auf, und ihr, andächt'gen Schauers voll,
Betretet betend dieses hohe Heiligtum!
Sonst werfen Schrecken, tötliche, zu Boden euch,
Dem Jüngling gleich zu Sais, der den Schleier hob!
Valentin (außen).
Wir lassen uns nicht an der Nase ziehn!
Der Schmutz von eurem rußigen Kamin
Ist abgewaschen und gebürstet schon;
Bescheidet euch, wir sind kein Schweinepack,
Wir halten was auf unsere Person!
Macht auf! Sonst gibt es einen Knack!
Faust (außen).
Ach, Valentin, wir wollen höflich bitten,
Wir richten's eher mit bescheidnen Sitten!
Valentin (draußen).
Man wird wohl lang noch betteln!
Im Dienste wird gefordert!
Macht auf, ihr Vetteln!
Wir sind beordert!
Die drei Mütter.
Uhu, schuhu,
Schuhu, Uhu!
(Schläge und Fußstoß an die Tür, sie bricht ein, während die Mütter schnell in das Seitengemach abgehen.)
Faust und Valentin treten ein.
Valentin (umschauend).
Leer ist das Nest!
Hier vom Geschirr ein Rest!
Ach schau, hier wohnen Kaffeebasen!
Faust.
Die Töpfe halt ich für etrursche Vasen.
Und sieh, ein brauner Saft darin:
Da steckt gewiß geheimnisvoller Sinn!
Ist's wohl von dem, den ich in jener Nacht
Dem festlich hohen Morgen zugebracht,
Doch sanft gerührt nicht ausgetrunken?
Valentin.
Auch Semmelreste liegen da zum Tunken;
Mußt übern Topf die Nase neigen:
Das duftet ja nach Rüben und nach Feigen,
Zugleich auch nach Zichorie,
Des Weiberkaffees Glorie!
Dafür muß ich Verständnis han,
Hab's schwer der Bärbel abgetan.
Die Vorigen. Aus der Seitenspalte erscheint Helena.
Helena.
Erkennst du mich, o ritterlicher Faust, nicht mehr,
Mich Helena, mit der du einst im Liebesbund
Ineinsgeschlungen selig die Vereinigung
Entzweiter Kunstprinzipien stelltest dar?
Du warst der Inhalt, das romantische Prinzip,
Ich aber das antike, war die schöne Form.
Nachdem sodann das süß prinzipielle Band
Die Frucht getragen der modernen Poesie
In ihrer wild erhabnen Übersprudelung,
Da freilich mußt' ich lassen dich in tiefem Harm.
Faust.
Ach, alter Schatz, geschätzte Gliederpuppe,
Mir dünkt es, ausgegossen ist die Suppe.
Im Anfang schien mir's nett, doch die arkadsche Feier,
Gesteh' ich's nur, sie war langweilig ungeheuer.
Helena.
Ach geh, in jenen Grotten war's entzückend schön!
Das frühe Scheiden hat mich bitterlich gereut,
Die Renaissance, sie ist nicht ganz noch dargestellt,
Laß uns zu diesem Zweck noch mehr Prinzipchens tun!
Faust.
So wisse doch, ich bin ja fortgeschritten,
Hab mich entwickelt, hab mich evolviert,
Hab aus des Humanismus Lauberhütten
Zur Tat, zur Aktion mich resolviert,
Der Schönheit weiches, stilles Element
Ist jetzt ein aufgehobenes Moment.
Helena.
Bei meinen Göttern! Dir scheint leider unbekannt,
Was Interpretentiefsinn neuerdings entdeckt:
Ich bin ja Heroine, jener Tatensinn,
Den du nach meinem Scheiden in der Brust verspürt,
Du dankst ihn mir. Hellenischer hoher Heldengeist:
Der Bund mit mir hat mächtig dir ihn eingeimpft.
Aus ein paar Wörtchen des Mephisto schließt man dies:
»Man merkt es wohl, du kommst von Heroinen her«,
So sprach er. Daß man richtig draus argumentiert,
Ist evident, denn du gewannest eine Schlacht.
Faust.
Ah bah! Der Nekromant von Norcia, der Sabiner,
So gab ich an, war da mein treuer Diener;
In Wahrheit ist's Mephistos Zaubermacht,
Die mir den Sieg zustande hat gebracht.
Gestand ich doch: das wär' die rechte Höhe,
Da zu befehlen, wo ich nichts verstehe.
Helena.
Ja hattest du denn nicht mit blonder Krieger Schar
Im dritten Akt erobert den Peloponnes?
Faust.
Nun ja, als Goethe jene Worte schrieb,
Da hatt' er einfach diesen Punkt vergessen,
So kam es denn, daß beides stehenblieb;
Er ist halt überm Faust zu lang gesessen.
Doch auf was Grund - die Frage sei getan -
Sprichst du den Heroinentitel an?
Wenn's wahr ist, was geflüstert ward im Land,
Du habest noch in deinem led'gen Stand
Mit Theseus in Athen dich amüsiert,
Hat er zur Heldin dadurch dich kreiert?
Zwar allerdings trotz diesem Abenteuer
Erschienen noch in Spartas Fürstensaal
In ganzen Scharen elegante Freier,
Worunter mancher stolze General;
Doch wirst du selber nicht behaupten:
Weil sie in dir die Heroine glaubten;
Es galt ja doch nur
Der hübschen Figur.
Der Menelaos wurde der Beglückte,
Doch bald darauf der jämmerlich Berückte,
Mit einem stolzen Hirschgeweih Geschmückte,
Denn mit Prinz Paris, dem geputzten Fant,
Geschniegelten, trojanischen Leutenant,
Bist du nach Asien durchgebrannt.
Der Krieg brach los, du standst in guter Ruh
Und sahest mit dem Operngucker zu.
Genug, mir galt es nur, zu demonstrieren:
Verhältnisse mit Offizieren,
Sie können selbst bei schönen Damen
Den Anspruch auf den Heldennamen
Nicht logisch motivieren.
Helena.
Treuloser, hörst du nicht der Liebe Stimme mehr,
Dein Herz ist, hoff ich, doch kein Rabenvaterherz;
Erscheine, unsrer raschen Hochzeit rasche Frucht!
Euphorion kommt aus der Seitenhöhle gehüpft, zur Laute singend, in kurzen Pausen hochaufspringend.
Euphorion.
Bin die Begeisterung,
Bin der sublime Schwung,
Bin auch der wilde Sprung
Tief in die Niederung,
Hurre hopp hopp!
Bin Himmelsstürmerei,
Edelste Raserei
Neuester Poesei,
Ungezähmt göttlich frei!
Hurre hopp hopp!
(Springt stärker auf.)
Helena.
Ach du lieb Knabenbild,
Springe doch nicht so wild,
Möglichenfalls
Brichst du den Hals!
Euphorion (springt noch heftiger).
Fern und so weiter fern,
Weit und so ferner weit
Spring ich und hüpf ich gern
Hoch über Raum und Zeit,
Hurre hopp hopp!
Fort und so ferner fort,
Fern und so forter fern
Stürm ich von Ort zu Ort,
Frage nach keinem Herrn!
Hurre hopp hopp!
Treulich und so fortan
Flieg ich zum Himmelszelt,
Freilich und fort so an
Nieder zur Erdenwelt!
Hurre hopp hopp!
Helena.
O denk, o denke,
Wem du gehörest,
Wie du uns störest
Durch diese Schwänke!
Lasse vom tollen Trieb
Deinem Papa zulieb,
Welcher im Staat
Möglicher künftiger,
Wirklicher zünftiger,
Zünftiger wirklicher,
Spreeflußbezirklicher
Geheimerrat!
Euphorion (wie vorhin).
Bin nicht nur Sang und Klang,
Sondern auch Tatendrang,
Nicht nur Geistüberschwang,
Auch etwas Dong Juang!
Hurre hopp hopp!
Bin nämlich eigentlich,
Wenn man profunder bohrt,
Merklich hinzeigentlich
Byron der stolze Lord.
Hurre hopp hopp!
Springe auch wagentlich
Diesem Mann und Papa
Nicht viel nachfragentlich
Über den Kopf, haha!
Hopsasa, hopsasa
Hurre hopp hopp!
(Er springt beiden mit sog. Grätschsprung über den Kopf.)
Valentin.
Jetzt ist's zuviel, verzogner Naseweis,
Lausbub, ich packe dich am Hosenpreis!
Faust.
Ja, faß ihn nur und gib zu seinem Heil
Ihm eine Tracht auf jenen Teil
Der menschlichen Persönlichkeit,
Der stets, da er so rund und breit,
Am meisten ein Objekt ist der Erziehung,
Ein Ziel der pädagogischen Bemühung!
(Valentin tut es.)
Helena.
Laß ab, laß ab, du nordisch eherner Barbar,
Germanischen Waldes wildes Eichelfraßprodukt!
Faust.
Euphorion.
Ototoi, ai, ai, ai!
Helena.
Ach, diese Hiebe auf des Kindes zart Gesäß,
Sie sind trotz tiefem Wort des Dichters Sophokles
Für fühlend weiches Griechenmutterherz zu räs!
Valentin (fortfahrend).
Hei! Wie das patscht
Und platzt und klatscht!
Faust.
Der Mensch ist schrecklich drastisch,
Die Griechin gar hört man in Reimen klagen.
Valentin.
Es macht sich gar so gut elastisch,
's ist eine Lust, recht draufzuschlagen.
Helena (wankend).
Entsetzt vom Anblick dieser grausen Schaudertat,
Geh ich verhauchend meine Seele jetzt zurück
In das geheimnisvolle Müttermagazin.
Ein altes Wort bewährt sich traurig auch an mir:
Daß Draht und Kleister dauerhaft sich nie vereint.
Zerrissen ist der Fädchen und der Drähtchen Band,
Werg, Leinwand, Flicken, Pappe fallen stäubend ab.
Bejammernd solches, sag ich schmerzlich Lebewohl
Und sinke dir noch einmal weinend an die Brust,
Doch sterbend laß ich meine Krinoline dir!
(Sie umarmt Faust und löst sich in Teilchen auf, welche in die Krinoline hineinfallen.)
Faust.
O dieser Wendung Tiefsinn ist enorm!
Es bleibet vom Antiken nur die Form!
Zwar ist's schon einmal dagewesen,
Auch kann man's sonst in Büchern lesen.
Valentin (in die Krinoline hineinblickend).
Was tausend! Trödelwerk von lauter Drähtchen,
Von Kurbeln, Stangen, Bügeln, Rädchen
Verkritzeltes Papier aus Schülermappen,
Pappreste, Leinwandfetzen, Flicken, Lappen -
Ganz blieb nur dieses luft'ge Reifgestelle,
Da sieht man's recht: Plusmacherei der Hölle!
Faust.
Am Hühnerkorbe freilich ist nicht viel!
Die Mode geht jetzt auf ein andres Ziel;
Von außen her umnähet sie den Rock
Mit Flatteraufputz, windigem Gelock,
Nach hinten drängt sie mit vermehrten Kräften,
Der Wölbung dort ein Bauschwerk aufzuheften,
Dort häuft und häuft sie und gestaltet so
Das zücht'ge Weib zum wandelnden Popo;
Sieht man sie gehn, so ist der rechte Name:
Da kommt ja ein Popo mit etwas Dame.
Die Dichtkunst, diesem reinen Drange gleich,
Baut dortherum ihr muffig Himmelreich;
Standhaft erprobet im Kloakenwerke
Des Nasennerves ungewohnte Stärke
Der neuen Zeit Savonarola,
Herr Zola,
Und ruft der Klassizistenzunft zum Trutz:
Das wahrhaft Ideale ist der Schmutz!
Da ist die steifste Klassik mir doch lieber;
Heb auf den Korb und stürze mir ihn über.
Valentin (tut es, reißt aber das Gestell wieder weg und wirft es
beiseite).
Den Teufel auch! Was soll die Narretei!
Was soll die Maske der entseelten Puppe!
Geh du natürlich, ungezwungen, frei
Wie ich in deiner guten, deutschen Juppe.
Faust (nach dem Gestell greifend).
Nein, nein! Hochklassisch will ich jetzo bleiben
Der Poesie zu ihrem wahren Heil,
Pandora, Epimenides will ich schreiben,
Will schreiben meinen eignen, zweiten Teil.
Valentin.
Du warst ein andrer Kerl, mein Bester,
Als mich du schriebst und meine Schwester!
Zum Henker mit dem steifen Artefakt,
Das dich in Roßhaar, Wachstuch, Werg verpackt!
(Er zerreißt das Gestell.)
Euphorion (der wimmernd zugesehen).
Schreckliche Rupferei!
All meine Hupferei
Wird Überdruß!
Müde des Tageslichts,
Streb ich ins ew'ge Nichts -
Dies ist der Schluß.
Werde vor bittrem Leid
Jetzt die Zerrissenheit,
Weltschmerzlerei,
Die pessimistische,
Die nihilistische
Ausmerzlerei.
Fort mit der Seinerei!
Sei's die Verneinerei,
Die jetzt regiert!
Fort die Fortanerei!
Hoch die Nirwanerei!
Welt sei negiert!
(Er springt mit einer heftigen Schnellung ans Gewölbe auf und fällt zerplatzt in Form von Guttaperchalappen herunter.)
Valentin.
Da liegt der Spatz,
Da sieh den Schatz!
Ein Haufen Gummifetzen!
Faust.
Es ist auch wahr, wer mag sich da ergetzen,
Am Puppenspiele weiter noch sich letzen!
Das ganze Zeug ist endlich mir entleidet,
Ich mache einen Strich,
Der jetzt entschlossen scheidet
Mein altes Ich von einem neuen Ich.
(Er stößt die Lappen mit dem Fuße zu den Krinolinresten.)
Fort mit dem Plunder, und zertreten sei
Die tatenfaule Humanisterei!
(Beide treten auf den Resten herum.)
Gesang unsichtbarer guter Geister.
Glücklich erstanden!
Selig derjenige,
Der die Helenige,
Mehr krinolinische
Als heroinische,
Nicht sehr natürliche,
Wächsern figürliche,
Klassisch beschwatzende,
Mannsgeist befratzende,
Dann die euphorische,
Hüpfend emporische,
Auf und ab purzliche,
Springende, sturzliche,
Naseweis knabische,
Gummiarabische,
Sturmdrangpoetische,
Wilde, phrenetische,
Lordische, britische,
Launische, wittische,
Zweifelzerbissene,
Weltschmerzzerissene,
Willen kastrierende,
Dasein negierende
Prüfung bestanden!
Faust.
Ihr Geister, Dank! Doch fast des Lobs zuviel!
Es war im Grund ein abgeschmacktes Spiel.
Ich strecke mich nach einem höhern Ziel,
Ich such ein neues Blatt in meines Lebens Kodex.
Valentin.
Das tücht'ge Pritschen auf Euphorions Potex
Gemahnte mich an meine alten Zeiten.
Als guter Landsknecht möcht' ich wieder schreiten
Zur Schlacht, zur Schlacht,
Dreinhaun mit Macht!
Schlugst du nicht auch zu eines Kaisers Heile
Schon eine Schlacht in Goethes zweitem Teile?
Faust.
Das war ja nichts; warst vorhin ja dabei,
Wie ich der Helena gestand die Flunkerei;
Mephisto mit fingierten Kriegerscharen,
Mit allegorischen Automaten
Trieb mir den Feind im vierten Akt zu Paaren:
Dies ist das Ganze meiner Taten,
Symbole sind's von Noten, Tintenflüssen,
Depeschen, diplomatischen Ergüssen,
Mit denen ich, des Friedens schlaffer Sohn,
Trieb die bewaffnete Mediation.
Ich bin's nicht mehr, nicht mehr der friedereiche
Romantiker, der tatenscheue, weiche;
Seit diese Helena nun wieder hat gastieret,
Bin ich, ich wiederhol's, vom Schöngeisttum kurieret;
Mein Will' ist jetzt ein Helm, ein Schwert, ein Schild,
Mir graust vor jener Zeiten mattem Bild,
Da ich gestrebt, mir eine Macht zu schaffen,
Um zu bezwingen eine Welt in Waffen,
Dann so gepanzert vorzog, mich zu ducken,
Daß selbst ein Zwerg mir durft' ins Antlitz spucken;
Zum Spott der Völker war's benannt
Die Politik der freien Hand.
Es kommt ein kleines Männchen.
Männchen (wispernd).
Mich schickt mein Herr, der große Imperator,
Selbstherrscher und zugleich der Völker Liberator.
Mein Auftrag heißt - ich bitte aufzupassen -:
Du sollst von mir im Bart dich zupfen lassen!
(Er zupft ihn am Bart, Faust gibt ihm eine Ohrfeige.)
Herr, dieser Schlag ist ein verlorner Sieg,
Erbleiche du, die Antwort ist der Krieg!
Faust.
Nur zu! Nur zu! Er lass' es immer krachen!
Noch alte Rechnung gibt es abzumachen.
Männchen.
Bereuen sollst du deinen Hohn!
Sie naht, die große Nation! (Ab.)
(Man hört vom Hintergrunde dumpfes Brüllen und starkes Krachen.)
Valentin.
's ist keine Kleinigkeit, das ist schon wahr.
Faust.
Des Feindes Macht ist nicht zu unterschätzen,
Gewalt'ge Schläge wird es diesmal setzen,
Vorhanden ist die brennende Gefahr,
Wovon die Stimme sprach: wird allzu stark der Feind,
So stampft und urgewalt'ge Hilf erscheint!
(Beide stampfen. Aus dem Boden taucht auf ein großer Bauer mit einer Sense.)
Bauer.
Blitz Donner auch, so mitten aus der Heuet
Wer zwingt mich her? Das Öhmd liegt just verstreuet!
Könnt ihr nicht warten, bis es unter Dach?
Den Teufel auch, was ist denn los?
(Es brüllt und kracht abermals.)
Valentin.
Du hörest ja das drohende Gekrach,
Der Krieg ist los, es nahet der Franzos,
Der alte Störenfried, der freche, jähe,
Auf den schlag los, da haue du und mähe!
Bauer.
So der? Das ist was andres, gut, es sei!
Mein Öhmd mag faulen; auf! ich bin dabei!
Er soll mich spüren, mich, den deutschen Michel,
In meiner Faust die starke, lange Sichel.
(Man hört ein Getrappel.)
Faust.
Es kommt; nun laß von diesem da dich führen,
Der ist Soldat und weiß zu kommandieren.
Valentin.
Jawohl, ich hab's gelernt im Türkenkrieg,
Mein Hauptmann fiel beim Sturm auf eine Schanze,
Das Fähnlein führt' ich vorwärts, und den Sieg
Errangen wir im blutig wilden Tanze.
Bauer.
Gut, gut, ich bin dabei, sagt nur, wohin zu hauen!
Wer uns bedroht, soll seine Wunder schauen,
Ich will ihn zausen,
Ich will ihm lausen,
Die Sense soll sausen,
Und wenn es ihm gruselt, wenn es ihm graust,
So wird er sie kennen, die deutsche Faust.
Valentin.
Ein Prachtskerl! Was er Arme hat und Schenkel!
Faust.
Und Fäuste! Des Cheruskers wahrer Enkel!
Er gleicht ja fast den alten deutschen Riesen,
Die Kraft der Goten, Sachsen, Friesen,
Der Hessen, Franken, Bayern, Alemannen
Scheint sich in ihm zu einen und zu spannen.
Er strotzet von der Erde Mark,
Wem der hilft, der ist felsenstark.
Valentin.
Ein bißchen ungeschlacht; schad't nicht!
Mir sagt sein Blick, sein klares Augenlicht:
Er ist vernünftig, seine derbe Wucht
Fügt in die Ordnung sich und Manneszucht.
(Das Brüllen und Trappen kommt näher.)
Faust.
Sie werden sichtbar, es sind ihrer drei,
Ein Mensch, ein starker Stier, ein wilder Leu.
Es erscheinen: eine Menschengestalt, zu ihrer Linken ein Mann mit Stierkopf, der ein Geräte trägt, das einer Drehorgel gleicht, aber in eine Röhre mit Seiher ausläuft, zu ihrer Rechten ein Löwe.
Die Gestalt.
Me voilà, vainqueur de Sebastopel!
Flieht über Stein und Stoppel!
Vainqueur de Solferino!
Bergt euch im camerino!
Faust.
Gut, gut! Und der da mit der Orgelspritze,
Was will denn der? Was ist's für ein Geschütze?
Der Mann mit Stierkopf.
Das ist der Witz
Von dieser Spritz,
Daß sie nicht Wasser auf Feuersglut,
Sondern mörderisch Feuer spritzen tut,
Gebt acht,
Wie's knattert und kracht!
(Er setzt das Gerät in Bewegung.)
Ist sie erst scharf geladen,
Ihr fallt in ganzen Schwaden!
Bauer.
Man wird es ja sehen,
Wer besser kann mähen.
Faust.
Zur Rechten da, was will der Leu?
Ein Sinnbild wohl? Das Gleichnis ist nicht neu!
Die Gestalt.
Kein Gleichnis nur! Aus Afrika
Kommt dieser da,
Nach rühmlichen Siegen
Mein Diener in Kriegen;
Sein Blick ist Wut,
Sein Trank ist Blut,
Sein Zahn Verderben,
Seine Klaue Sterben,
Mit einem wilden Katzensatz,
Wirst sehen, ist er auf dem Platz,
Schlingt Lamm und Rind,
Würgt Mann und Weib,
Schont nicht das Kind
In Mutterleib,
Und eh du noch herbeigerannt,
Wird Wüste sein dein ganzes Land.
Allons! En avant! Marche, marche! Attaque!
Valentin (dem Bauern ins Ohr).
Hau zu! Hau zu! wer schnell sich wehrt
Und ins Konzept dem Gegner fährt,
Gewinnt das Spiel! Geschwind!
Hau wie der Wind!
(Der Bauer holt aus und haut dem Löwen, wie er aufspringen will, eine Tatze ab, der Löwe brüllt vor Schmerz und fährt zurück. Alle drei werfen sich auf die Gestalt, die den Degen zieht, der Mann mit Stierkopf schießt die Kugelspritze los, der Löwe wendet sich wieder zum Angriff; heftiger Kampf, der in kreisende Bewegung übergebt, die Feinde werden in die Enge getrieben, Stiermann und Löwe stürzen, die Gestalt sinkt in die Knie.)
Faust.
Er kniet, in unsern Hieben war ein Segen.
Gestalt.
Je suis perdu, da habt ihr meinen Degen!
Faust.
Gib her, du bist des Schwerts nicht wert,
Das ein frivoler Krieg entehrt!
Valentin (ihn betrachtend).
Ich sah einmal in meinem Vaterlande,
In einem Tal voll heilsam warmer Quellen,
Allwo, mit unsrem Abschaum in dem Bund,
Zu unsrer Schmach und ew'gen Affenschande
Ein Spielbankpächter saß, ein welscher Hund,
So eine Art zuchthäuslicher Gesellen -
Ich drückte mich - zusehn wollt' ich einmal -
Durch die Pariser Huren in den Saal -,
Mir ekelte, gar manche deutsche Frauen
Vermengt mit diesem Lauspack hier zu schauen,
Indes den Gatten schnöder Kitzel jückte,
Zu sehen, was am Schandtisch wohl ihm glückte
Da sah ich Kerle, die mit feinen Krücken
Das Blutgeld so zusammenschäufelten,
Mit matten, überwachten Blicken
Es sonderten, verteilten, häufelten:
Sieh, Faust, ganz so verschnurrt, verkohlt und stumpf,
So ausgezogen, so ein stiller Sumpf
Ist dieses Kerls verwittert Angesicht,
So ausgebrannt stiehlt sich ein müdes Licht
Aus seinen eingezwickten Lidern.
Faust.
Die croupiers meinst du. - Führt ihn fort, den Biedern,
Ins Loch mit ihm, da mag er brummen
Und dann verstummen.
(Valentin und der Bauer führen die Gestalt ab, nach wenigen Schritten fällt sie und zerbricht; aus den Fetzen, in die sie sich auflöst, fließt die Essenz, die Mephistopheles eingegossen.)
Valentin.
Pfui Teufel! Guck hieher, in lauter Brüh
Löst er sich auf, die stinkt, so stank's noch nie!
Faust.
Nach Pech und Schwefel, cremor tartari!
Es wirft mich fast.
Der Bauer.
Ganz wie verstunkne Eier!
Valentin.
Wie Aas, geschmort im Höllenkochherdfeuer.
Faust.
Wohl, wohl! Doch weiter treibet nicht den Hohn!
Es sind die Sünden einer Nation,
Was hier zu Quintessenz ist destilliert;
Was eines Volkes lüsternes Verlangen
An uns schon seit Jahrhunderten begangen,
Ist in dem schnöden Gallert komprimiert;
Die Puppe, die wir trocken nun gesetzt,
Wohl auch die Pfaffen haben sie gehetzt,
Doch allen wurmt's in ihrem eitlen Sinn,
Daß ich der Faust von früher nicht mehr bin!
Wie schade drum, denn brüderlich zu wandern,
Daß einer willig lerne von dem andern,
Sind wir bestimmt, reich ist ihr Geistesschatz,
Und fruchtbar ist der Geister Gegensatz!
Wie schade, daß ein Volk, dem wir so viel verdanken,
Bei allem seinem Witz auf einem Punkt muß kranken!
Es ist ein Punkt, worin - sieht man genauer zu -
Der Feinste, Klarste selbst bei ihnen ist ein fou:
Er heißt: wir sind auf jeden Fall
Die erste Nation im All;
Derselbe Satz klingt fort und fort
Als Schlußrefrain aus jedem Wort,
Drum wollen sie wie eifersücht'ge Knaben
Noch immer, was doch uns gehöret, haben.
Die Lehre aber, die soeben
Der derbe Michel euch gegeben,
O möchtet ihr sie zu Gemüte führen
Und nicht zum Rachekrieg die Flamme schüren!
Der Bauer.
Denk's auch! Bin schwer von Weib und Kind geschieden,
Ich geh nach Haus, ich liebe mir den Frieden.
Stört man noch einmal meine Ruh,
So schlag ich noch viel gröber zu.
B'hüt Gott'
Valentin. B'hüt Gott, hast brav geschafft!
Faust.
Jawohl, hab Dank, hast brav geschafft,
B'hüt Gott, urmarkige Volkeskraft!
(Der Bauer hat beiden die Hand gedrückt und verschwindet in der Erde.)
Faust.
Ach, wie der drückt, mir brennt die Hand und saust!
Valentin.
Ja, ja, das ist des Michels Faust!
Gesang unsichtbarer Geister.
Glücklich erstanden!
Selig der Mutige,
Welcher die blutige,
Bonapart-Hutige,
Schnell hereinplatzige,
Löwenhaft tatzige,
Krallenhaft kratzige,
Kriegerisch boxige,
Brüllende, ochsige,
Pulverich blitzende,
Kugelnbespritzende,
Gliederzerschlitzende
Prüfung zwar nicht allein,
Doch da er jetzt zu zwein,
Und mit Genehmigtsein
Sehniger, Michlicher,
Hauender, sichlicher
Hilfe der ehrlichen,
Wälderhaft bärlichen,
Oft widerhärlichen,
Endlich verbundenen,
Einig gefundenen,
Pfeilisch umwundenen
Volkskraft bestanden!
Faust.
Habt Dank, ihr Geister, für das schöne Lied!
Doch von dem heißen Kampfe bin ich müd;
Komm, Valentin, hier laß uns niedersitzen.
Valentin.
Ja, ja, der Wauwau macht' uns weidlich schwitzen.
Faust.
Ein bißchen Ruhe täte gut
Dem überhitzten, umgejagten Blut!
Die dritte Probe soll die schwerste sein.
Hätt' ich zur Stärkung nur ein Gläschen Wein!
Zur neuen Arbeit fühl ich wenig Kraft.
Valentin.
Ach, wär' es nur ein Seidel Gerstensaft!
Wie sehn ich mich nach einem festen Trunke,
Doch nichts vergönnt die frostige Spelunke!
Man hört eine Stimme:
Hocus pocus!
Pocus hocus!
In nomine horum
Et harum
Sanctorum,
Sanctarum!
Valentin.
Was gibt's da? Worum oder Warum?
Faust.
Was schnarrt, was plärrt, was dudelt?
Valentin.
Was näselt, leiert, ludelt?
Stimme.
Et in nomine sancti
Loyolae, Loyolae, Loyolae!
Valentin.
Na, Johlen kann ich auch,
In unsern Bergen ist's der Brauch.
(Er jodelt.)
Hoidohä! Hoidohä! Hoidohä!
(Es nähert sich eine Dunstwolke.)
Faust.
Wie riecht's auf einmal seltsam penetrant,
Halb nach Gewürze, halb nach Fackelbrand!
(Aus der Dunstwolke erscheint ein hagerer schwarzer Schemen mit langem Schiffhut, hinter ihm ein Knabe mit einem Gefäß, ein anderer mit einer Pechfackel, neben ihm rechts ein großer Hund mit Stachelhalsband, links ein kleiner Fuchs.)
Schemen.
Fauste!
Faust. Was soll's?
Schemen. Gehorsam!
Faust. Wem denn? Dir?
Schemen.
Ja mir, dem einzig wahren Gott in mir!
Denn seines Sohns realer Stellvertreter
War ja in Rom der heil'ge Jünger Peter;
Desselben Stellvertreters Stellvertreter,
Das Oberhaupt der ganzen Christenheit,
Inhaber der Unfehlbarkeit,
Hat mich ernannt als jenes Unkrauts Jäter,
Das Luther, der vermaledeite Racker,
Gesäet in des reinen Glaubens Acker.
Bin auf dem großen Kirchenkriegstheater
Sein General, sein großer Ketzerbrater,
Sein Ketzerfolterknecht, sein Ketzerfresser,
Auch seiner Lehre Doktor und Professer,
Ich komme, Ketzerseele, dir zu künden:
Vor allem jetzt bereue deine Sünden,
Bekehre dich zum Glauben, der allein
Zum Himmel führt der Kirche Lämmelein!
Dann hast du mich zu deiner Knabenschule
Alleinigem Direktor einzusetzen,
Ich hasple ihre Seelen auf die Spule
Des wahren Credo, tilge weg die Fetzen
Des eitlen Wissens. Wenn du dich bekehrst
Und nur, was ich erlaube, denkst und lehrst,
Magst du als Unterlehrer figurieren,
Etwa die kleinern Kinder informieren.
Nicht schäme dich an dem geringem Kittel:
Kollaborator ist doch auch ein Titel,
Auch sagt er, wie nach unsrem Postulat
Zur Kirche sich verhalten soll der Staat. -
Den Jungen soll es nicht vor deiner Lehre gruseln,
Sie ist so streng nicht, als sie scheint,
Zeig ihnen, was sie schön vereint,
Mit würz'gem Dampfe mußt du sie beduseln,
Mit unseres Mischmaschs dichtem Qualm und Rauch,
Der brodelnd dampft in dieser Schüssel Bauch;
Komm, Kleiner, ihren goldnen Deckel lüfte,
Du, rieche nun die wunderbaren Düfte!
(Der Knabe öffnet das Gefäß.)
Wandmoose, Mumienreste aus Ägypten,
Geholt aus Pyramiden, Tempeln, Krypten,
Urheil'ge Isis- und Osirismythen,
Aus Syrien Adoniskultusblüten;
Ranunkelwurzel, brand'ger Spelt
Aus Ahrimans finstrer Abgrundswelt,
Blumengebild mit gelber Spitze,
Symbol von Mithras Zipfelmütze,
Tollkirsche, zeugend Schwindeldunst,
Entsproßt schamanischer Zauberkunst,
Ein gut Pfund Judaismus,
Ein Quantum Buddhaismus,
Benebst so mancher schönen Blume
Aus echt altgriechischem Heiligtume:
Vom Dienste der Venus und Here
Manch glänzende duftige Beere,
Samen von römischen Laren,
Draus wuchsen Heiligenscharen,
Auch saftige Eichenblätter
Aus Hainen germanischer Götter,
Auf Wodan weisend, auf Balder, Thor,
Nahrhafte Eicheln findst du vor. -
Dies alles auf heiligen Flammen
Zu einem Brei gekocht zusammen,
Ergab die Aromatik
Von unserer Dogmatik,
Hat sich gemischt, durchdrungen und summiert.
Daß es die Seelen mystisch nebuliert,
Die um so leichter man dann dominiert.
Valentin.
Pult! Puh!
Mach wieder zu!
Faust.
Fort mit dem Dampf!
Er macht mir Krampf!
(Der Knabe schließt das Gefäß.)
Schemen.
Verschmähst du, diesen Küchenmus zu ehren,
Mit seinem Dunst die Knaben zu ernähren,
Gehorchest du und beugest du dich nicht,
Dein wartet unbarmherziges Gericht:
Sieh meinen Garkoch: wer nicht mir geschworen,
Den wird er auf dem Scheiterhaufen schmoren!
(Er zeigt auf den Fackelträger, der die Fackel schwingt.)
Faust.
Wie? Was? Ich, der im Waffentanz
Geschlagen den dämonischen Popanz,
Ich, siegestrunken, soll den Reißaus nehmen
Vor deinem Prahlen, abgeschmackter Schemen?
Schemen.
Der Kirche vielgetreuen lieben Sohn,
Den frommen Wächter an dem heil'gen Thron
Hast du, Barbar, im Sündentrotz geschlagen!
Dein ist die Schuld, daß durch die fromme Pforte
Bewaffnet einbrach die profane Horde,
Dem Herrn der Welt, der Fürstenhäupter Haupte,
Des Constantinus heil'ge Schenkung raubte
Und ihn, da er nicht floh,
Gefangen warf auf Stroh.
Frohlocke nicht, es soll dir nicht behagen!
Von innen aus laß ich dein Reich zernagen!
Erfahre dann, wie schwach es sei,
Wie schlecht sie baut, die freie Maurerei!
Faust.
Dein's, auf die Dummheit von der List gemauert,
Glaubst du, daß es in Ewigkeiten dauert?
Schemen.
Kein Fundament ist ja so fest und breit,
Ein solcher Bau besteht in Ewigkeit.
Faust.
Auf einer Fälschung ruht dein Machtbestand!
Die Schenkung Constantini - Wind und Sand!
Schemen.
Die Fälschung wirkte vollen Rechtes Titel,
Der heil'ge Zweck, er heiligt jedes Mittel,
So daß, wenn dieser nur dadurch gedeiht,
Ein Mördchen auch die Kirche gern verzeiht.
Ja, solch ein Bau, mit Gift und Blut gekittet,
Er wird von keiner Zeiten Sturm zerrüttet.
Dein Bau ist Lehm, ist Glas, ist dünnes Blech.
Valentin.
Jetzt ist er gar zum Heucheln auch zu frech!
Den Hut herab von deiner Gleißnerfratze,
Herab den Deckel von der Pfaffenglatze!
(Will ihm den Hut vom Kopf schlagen.)
Schemen (abwehrend).
Ihr wißt noch nicht, weltlich naive Lümmel,
Was wir vermögen, die wir sind vom Himmel!
Sprecht, meine Diener, ihren Mut zu kühlen!
Wenn sie nicht hören, lasset schnell sie fühlen!
Der große Hund.
Wu wu, wau wau, wu wu!
Entsetzet euch, hu hu!
Ich bin das wilde Bulldoggtier,
Bin stärker als der stärkste Stier,
Ich bin der alte Bannbullbeißer,
Wovor gezittert mancher Kaiser.
Wer steht, den zwag ich,
Wer läuft, den jag ich,
Ich hetze trotz'gen Potentaten
Die eignen Völker an die Waden,
Nicht oberflächlich beiß ich an,
Tief dringt mein eiterbiss'ger Zahn,
Mein Herr, im Fluchen meisterhaft,
Lieh ihm des Fluchgifts Ätzekraft,
Das wühlt und wühlt in Fleisch und Blut,
Wie Geifergischt der Hundewut.
Zwar bin ich welsche Hundezucht,
Bin jener Doggen Enkelfrucht,
Mit denen man im Frankenland,
Von schönen Eifers Glut entbrannt,
Die Hugenotten in die Messe hetzte,
Daß manche gläub'ge Seele sich ergetzte;
Doch auch Germania heutzutag
Heckt meinen edlen Hundeschlag.
Ich heiße Hatzrüd, Bull, Packan,
In neuer Zeit, die mehr human,
Gewöhnlich einfach Hetzkaplan.
Wu wu, wau wau, wu wu!
Entsetzet euch, hu hu!
Der kleine Fuchs.
Burg Malepartus ist mein Ort,
Ich bin und heiße Schwindelhort,
Bin Virtuos in Schlich und Pfiff
Und jedem Advokatenkniff.
In jeden Brei,
Wes Stoffs er sei,
Werf ich die Kirchenpille;
Verdreht, verhext
Wird jeder Text
Durch meine Kreuzpostille.
Ich spiele für den heil'gen Rock
Brett, Mühle, l'hombre und Tarock,
Im Rams, im Tapp, in Whist und Skat,
Macht mich so leicht kein Gegner matt,
Kann schachern, wie um Hemd und Hut
In klugem Tausch ein Mauscheljud,
Wer mich beschummeln wollt' und fahn,
Der müßte wahrlich früh aufstan.
Treu schwör ich meinem jetz'gen Herrn,
Doch ist das Wölfische nicht fern.
Ihr draußen, beugt euch, sinkt vor uns aufs Knie,
Denn wir sind Zentrum, ihr Peripherie,
Ich aber bin vom Zentrum
Das Rhododendrum.
So spricht der Fuchs
Und nicht zum Jux!
Schemen, Hund und Fuchs (zusammen).
Wir bieten auch die Hand zur Stärkung der Gemeinde -
Helfe, was helfen mag! - dem wildsten unsrer Feinde,
Und wohnte er im tiefsten Trichter
Am Schwefelthron der Höllenrichter,
Herbei muß der gehaßte Widersacher!
Wir dingen ihn, er liebt wie wir den Schacher;
Verkauft er doch im Wahlkampf seine Seele,
Damit ihm nicht der unsern Stimme fehle,
Verhandelt Überzeugung und Gewissen,
Der Spitzbub, den wir doch nicht gerne missen.
Wir kennen, was uns eint: Freiheit ist unsre Losung,
Und sie verbindet uns zu zärtlicher Liebkosung.
Regiert, so rufen wir, soll schließlich gar nicht werden,
Es sei denn, daß nur wir regiereten auf Erden,
Wir wollen alles und sie auch,
So stecken wir in einem Schlauch.
Wir wissen beide nichts von einem Vaterlande,
Den Teufel fragen wir nach seiner Ehr und Schande!
Krallkatzen von der besten Art,
Der roten,
Nun hebt und wetzt, mit uns geschart,
Die Pfoten!
(Es erscheint eine Meute rotgestreifter Katzen. Der Schemen, der Hund, der
Fuchs singen mit ihnen zusammen.)
Feldruf sei:
Alles frei
Für Partei!
Wir selb zwei:
Pfaffen-Ei,
Fortschritts-Ei,
Rot und Schwarz, Schwarz und Rot,
Bringen verbündet euch den Tod,
Staat und Polizei!
Juchhei!
(Wilde Bewegung, Der eine Knabe öffnet den Deckel der Schüssel wieder und spritzt Tropfen aus der Suppe nach Faust und Valentin, der andere schwingt die Fackel, der Hund bellt und packt an, der Fuchs bellt ebenfalls, wässert auf den Schweif und streut ihnen das Naß in die Augen, die Katzen fauchen, miauen und werfen sich auf die beiden; diese lassen nach und nach vom Widerstand ab.)
Faust (verwirrt, taumelnd; er erscheint plötzlich ein anderer, Helm
und Degen entfällt ihm).
Mir wird so schwach, so zappelich!
Valentin (dem der Degen ebenfalls entfällt).
Mir wird so blöd und schwabbelich!
Faust.
Es ist doch etwas Schönes um den Frieden.
Valentin.
Ein Lämmlein wird, der Raufbold war hienieden.
Faust.
Man kann ja weichen und im Weichen sagen:
Ich weiche nicht, ich will nur Rechnung tragen.
Valentin.
Schon Salomo, der Weise, sprach:
Freund, der Gescheiteste gibt nach.
Faust.
Doch nicht umsonst; da heißt es: klüglich fahre!
Man marktet, feilscht, man bietet War um Ware;
Tu ich dir dies, dafür tust du mir jenes,
Ums Schachern ist's im Grund doch etwas Schönes.
Valentin.
Im Kriege hatt' ich einen Kameraden,
Der hat im Landsknechtspiel mich gut beraten,
Ich kartle mit dem Fuchs, ich will ihn tüchtig tummeln,
Es wird sich finden, wer den andern kann beschummeln.
Faust.
Zu guter Disziplin verhilft mir doch der Schemen,
Mein wildes Bubenvolk wird er mir helfen zähmen.
Valentin.
In meine Kneipanstalt dort an des Himmels Schwelle
Erhandl ich, daß er mir zahlreiche Kundschaft stelle;
Bringt er die Roten mit, das ist ein starker Haufen,
Da gibt es vielen Durst, sie werden tüchtig saufen.
Ein starker Knall, das Gewölbe der Höhle öffnet sich, Licht von oben dringt herein, in der Höbe erscheinen zwei Männer, umgeben von einem Strahlenkreis.
Erster Mann.
Der alt böse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meint,
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist,
Auf Erd ist nicht seinesgleichen.
Ein ewigs Gut
Liegt in eurer Hut,
Das ist nicht Wind,
Damit spielen ist Sünd,
Dürft nicht wanken und weichen.
Da nehmt ein Schwert,
Ist Mannshand wert,
Heißt Luthers Herz und Mut,
Kräftiglich hauen tut,
Ein gute Wehr und Waffen!
Führt es so wie ich
Standhaft ritterlich,
Der Satan steht ihm nicht,
Das macht, er ist gericht't,
Belial und seine Pfaffen.
(Er reicht ein Schwert herunter, Valentin ergreift es.)
Valentin.
Das sprach ein Mann von Schrot und Korn,
Recht hat er mit seinem heil'gen Zorn.
Der Donner schlag', was war ich für ein Schaf!
Bin wieder Valentin, Soldat und brav!
Zweiter Mann.
Wofür die Ahnen blutig einst gestritten:
Freiheit der Welt von pfäffischer Gewalt,
Wofür mein Volk am Marterkreuz gelitten,
Zerstampft, beraubt und krank an innrem Spalt:
Jetzt, da ihr in erstaunten Weltteils Mitten
Dasteht verjüngt, in stolzer Mannsgestalt,
Schenkt ihr den Preis in einem Wahn von Milde
Dem Nimmersatt und seinem Götzenbilde.
Als Losung nicht für weiche, matte Seelen
Hab ich der Duldung schönen Ruf gemeint,
Nicht eurer Schonung wollt' ich ihn empfehlen,
Den »Patriarchen«, jeder Duldung Feind!
Laßt euch von mir zu bessern Taten stählen!
Schämt euch! Ich stand allein, ihr seid vereint.
Da nehmt dies Schwert von mir, sein Nam ist Wahrheit!
Grad aus, wie ich, haut durch und schaffet Klarheit!
(Er reicht ein Schwert herab. Faust ergreift es.)
Faust.
Der Kopf wird hell, der Schwindel weicht,
Der Alp läßt frei die Glieder,
Fort, Dunstgebilde, Larven, fleucht!
Mich selber find' ich wieder.
Bin Faust und fühl es tief und recht:
Wie ich beharrte, wär' ich Knecht.
Ein geistig strebend Volk ist mein,
Todfeind des Wahnes dumpfem Schein,
Dein treuer Hüter will ich sein!
(Beide heben die Schwerter, die sämtlichen Popanze, die während der Reden der zwei Geist-Männer stutzend stillgestanden, verschwinden, das Gewölbe hat sich wieder geschlossen.)
Gesang unsichtbarer guter Geister.
Glücklich erstanden!
Selig der Treffliche,
Welcher die pfäffliche,
Überschlagbeffliche,
Hetzkaplankläffliche,
Schwarze, soutanische,
Ultramontanische,
Undeutsch romanische,
Spanisch loyolische,
Sengend petrolische,
Buddha-mongolische,
Kritische, griffige,
Schwindelhortpfiffige,
Fuchsschweifbeschiffige,
Reineke Vossige,
Keineswegs possige,
Wirklich Canossige
Prüfung -
Chorus mysticus (einfallend, in tiefem Basse).
Halt!
Was man zuletzt gesehn,
Als wär' es schon geschehn,
Ist noch nicht factum!
Verbum verwandelt sich,
Merket, es handelt sich
Eigentlich nur um
Futurum
Exactum.
Unsichtbare gute Geister (fortfahrend).
Prüfung zwar nicht so ganz
Allerdings nicht mit Glanz,
Immerhin unterdes
Doch noch mit Hilfe des
Beistands der Geister
Älterer Meister,
Und wenn man ungeniert
Sonderlich konjugiert,
Diesesmal setzet statt:
Prüfung bestanden hat -
Bestanden haben wird,
Wirklich nur kurz beirrt
Noch hat bestanden!
Faust.
Wie rührt mich im Bewußtsein meiner Schuld
Durch dies Konzert der hehren Geister Huld!
Ich, der so streng im richt'gen Konjugieren
Das Schülervolk gewohnt zu exerzieren,
Wie tröstet mich's, daß mir zum Benefiz
Diesmal darf gelten ein grammat'scher Schnitz!
Valentin.
Nur in der deutschen Schul bin ich gewesen,
Und das nicht lang, ich bracht' es kaum zum Lesen.
Ich sage einfach: Gnade ist geschehen
Für Recht. Was? Weichen vor dem Schwindelquark?
Rührt er sich wieder, dann soll's anders gehen,
Man soll mich finden und mein altes Mark! -
Was aber regt sich noch im Hintergrund?
Was geistert hinten in dem Höhlenschlund?
Sind's gar die Mütter, die man nicht mehr sah?
Wo staken sie? Potz Blitz, sie sind schon da!
(Die Mütter, die aus einem Winkel der Höhle hervorgeschlüpft, erscheinen mit verschiedenem Küchengerät und Geschirr, auch Feuerbränden bewaffnet.)
Die Mütter.
Volkes Stimm Gottes Stimm!
Unser Kaplan
Füllte mit Gall und Grimm
Frommes Organ,
Christlichste Zeitungen,
Wahrheitsverbreitungen.
Stechet mit spitzem Stift,
Speiet und spritzet Gift!
Hussa packan!
Halali!
Laßt ihm den Schlüssel nicht,
Haltet ihn fest,
Strafet den Bösewicht
In unsrem Nest!
Quälet und peiniget,
Kreuziget, steiniget
Ketzerisch Sünderpack
In unserem Höhlensack!
Hussa packan!
Halali!
(Sie machen einen Angriff mit ihren Instrumenten, werfen Brände und einen Hagel von Geschirren, aus denen verschiedene Brühe, Essig, Kaffeesatz und dergl. sich ergießt.)
Faust.
Auch das noch! Mit den schnöden Vetteln
Soll man noch seine Zeit verzetteln?
Schaff du sie fort, ich rühre keine Hand.
Valentin.
Man schlenkert sie halt einfach an die Wand!
Sich da befassen tut nicht gut;
Sie schaden dem nur, der sie fürchten tut.
(Er wirft sie verächtlich an die Wand, wo sie, in Papierfetzen verwandelt, hängenbleiben.)
Gesang unsichtbarer Geister.
Völlig erstanden!
Selig der würdige
Nordengebürtige,
Der auch die letzliche,
Lästige, bürdige,
Zwar nicht entsetzliche,
Doch nicht ergetzliche,
Maulig bemutternde,
Nervenerschutternde,
Schwach Herz verbutternde
Prüfung bestanden!
Dir auch, du anderer
Unterweltswanderer,
Nicht leicht entfärblicher,
Derblicher
Sterblicher,
Der du befreitest schon
Früher den Sorgensohn
Voll Resolution
Aus jener brätlichen,
Duftend salätlichen,
Sinne beschleichenden,
Nase bestreichenden
Prüfung und treuelich,
Nimmermehr scheuelich
Ihm in dem spassischen,
Helenaklassischen
Und in dem sohnischen
Euphorionischen,
Hüpferlich narrischen,
Grillig bizarrischen
Strauß dich geselletest,
Dann zum gefährlichen,
Sehr militärlichen
Kampfe dich stelletest
Und mit ihm schwitzetest,
Feind niederblitzetest,
Dann in der kritischen,
Kulturpolitischen,
Stickluftmephitischen
Prüfung zwar wackeltest,
Wankelhaft fackeltest,
Doch dich ermannetest,
Anfangs zu klügliche,
Schwache, verzügliche
Geisteskraft spannetest
Und den halb faktischen,
Futur-exaktischen
Sieg mit errangest,
Götzen bezwangest,
Endlich den Mütterspuk,
Schwarzen Gespenstertuck
Warfst an die Wand zuruck,
Sagen wir Amen
Nach dem Examen!
Valentin.
Nun ja, doch jetzt genug der Dudelei!
Ich mag sie nicht und brauch sie nicht,
Die höchst langweilige Lobeshudelei,
Tu halt nach Kräften meine Pflicht.
Zu meiner Bärbel möcht ich jetzt nach Haus,
Mach, Faust, zieh deinen Schlüssel wieder raus!
Doch halt! dann kommt der Schornsteinfeger wieder,
Dem steh ich nicht für seine ganzen Glieder;
Der Schandgeselle, der im Ruße haust,
Seh ich ihn nur, so juckt mir schon die Faust;
Doch diesmal leider werden wir ihn brauchen,
Wer sonst kann durch den Schlot hinauf uns schlauchen?
Faust.
Ich glaube doch, zur Auffahrt an das Licht
Bedürfen wir des schwarzen Helfers nicht;
Die Rückkehr in das ganze Eine,
Wo sich das Wahre mit dem schönen Scheine
Vereint, wo sich vollzieht das höchste Gut,
Bedingt nicht wieder die Negation;
Drum zweifle nicht, mein Sohn,
Diesmal ermahne ich dich, fasse Mut!
Ich höre etwas wie ein wirbelnd Sausen,
Ein ziehend Wehn von oben her und außen,
Der Himmel hat, so wage ich zu hoffen,
Etwas wie eine Luftdruckpost zur Hand - -
Entschlossen pfeif ich -
(er pfeift auf dem Schlüssel, die Türflügel springen auf)
sieh, der Weg ist offen!
Ich spür's, der Zug ergreift schon mein Gewand,
Hinauf, hinan!
Frei ist die Bahn!
Hinauf aus schwarzer Tiefe.
Ins Lichte, Positive!
(Während dieser Worte sind beide schon vom Boden gehoben, schweben dem Tore zu, durch dasselbe hinaus, dann, wie von einer Windhose gefaßt, wirbelnd nach oben und verschwinden.)
(Ende des zweiten Aufzugs.)
Mephistopheles vor einer großen, dunkeln Wolke, hinter welcher Glanz hervorstrahlt.
Mephistopheles.
Beim siedenden, höllischen Pech und Schwefel!
Das ist nicht recht, ist Verrat und Frevel!
Ein andrer, ein Schwächling mag dich loben,
Wortbrechende Eigenmacht da oben!
Sooft er mir in die Falle tappt,
Wird er mir wieder weggeschnappt;
Fass' ich ihn wieder, wird aus meinen Ketten
Ihn sicherlich ein neuer Staatsstreich retten!
Stimme des Herrn (aus der Wolke).
Es irrt der Mensch, solang er strebt.
Mephistopheles.
Nicht übel! Und wenn er zappelnd klebt
Und also in Wahrheit nicht mehr strebt,
Ist er nicht mein?
Stimme des Herrn.
Nein!
Er wird sich erheben
Und wieder streben.
Mephistopheles.
Schon gut, nur dauert es nicht lange.
Stimme des Herrn.
Auch dann ist uns um ihn nicht bange,
Aufs neue schwingt er sich empor.
Mephistopheles.
So, so! Nun aber kommt mir's vor,
Wir geraten ins ewige Lied hinein,
In die Schraube ohn Ende;
Mir wirbelt's im Oberkämmerlein,
Als ob das Gehirn mir brennte;
Wer sagt mir in dieser Finsternuß,
Wie das Drama dann finde seinen Schluß? -
Und noch etwas: liegt er im Sumpf und Schilfe,
Dann schickst du Geister zu seiner Hilfe.
So freilich zerreißt er leicht seine Kette:
Das ist Unrecht, das ist gegen die Wette.
Du sprachst von einem dunkeln, sichern Drange,
Der ihn noch in die Klarheit werde führen,
Du sprachst kein Wort von Helfen, Sekundieren,
Dir schien um Faust auch ohne das nicht bange;
Du gabst mir vor, er war mir überlassen,
Mit meinen Künsten durfte ich ihn fassen;
Auf seinen Urquell bautest du allein,
Und jetzt mit Geistern greifst du treulos ein.
Stimme des Herrn.
Ihre Kraft, sie gilt wie seine,
Denn die Menschheit, sie ist nur eine. -
Im Wechsel von Fallen und Streben
Bewegt sich ewig das Leben
Und des Lebens innerster Kern und Saft,
Das ist im Wechsel die strebende Kraft.
Unendlich dehnt sich im Lauf die Zeit,
Sie ist nur ewige Endlichkeit,
Wahrhaft ewig, unendlich in sich
Ist der Geist nur, das wahre, reine Ich.
Mephistopheles (lacht stark).
Stimme des Herrn.
Du lachst?
Mephistopheles. Ich lache, ja!
Denn in die Metaphysika,
So merk ich nun, geht's da hinein.
Hab solche Sachen, dünn und fein -
Jetzt will mir die Erinnerung wieder kommen -
In einem deutschen Hörsaal einst vernommen.
Nun aber - wird alles so enthüllt,
Wo bleibt dann Gestalt und Schein und Bild,
Was wird aus dir?
Was wird aus mir?
Wo bleibt der Tragödie ganzer Staat
Ohne den mythischen Apparat?
Und also der Schluß? Nun sage!
Ich wiederhole die Frage!
Mit Fausto was soll am Ende geschehn?
Bin doch begierig, will doch sehn!
Stimme des Herrn.
Nun ja, zum Himmel führ ich ihn ein,
Und das zweitemal soll es gültig sein.
Mephistopheles.
Ja, wenn er doch immer wieder irrt
Und der Sinn nur abstrakt in den Lüften schwirrt,
Daß das Streben im ewigen Einerlei
Von Fallen und Streben das Wahre sei,
Dann wird ja als sinnlich einzelnes Fakt
Die Rettung zu einem gewaltsamen Akt,
Ist Staatsstreich, ist Handeln wider den Pakt.
Ist des Bilds Bedeutung herausgehoben,
So ist es verflüchtigt, ist zerstoben,
Drängt es sich dick auch dann noch ein,
So ist es schiefer, konfuser Schein.
Stimme des Herrn (schweigt lange).
Mephistopheles.
Nun, nun? Kein Wort?
Wie lange währt das Schweigen fort?
(Für sich.)
Ich hör etwas - vertrau ich meinem Ohr,
So kommt mir's wie ein heimlich Lachen vor.
Da hätt' er also doch das Lachen
Sich nicht ganz abgewöhnt;
Das wäre nett, bei so bestellten Sachen
Ständ' es nicht krumm, wir wären halb versöhnt.
Erzengel Michael (tritt aus der Wolke hervor).
Nicht weiter verhandelt der Herr mit dir,
Sein letztes Wort übergibt er mir.
Es lautet: Punktum. Es bleibt dabei,
Faust wird gerettet, er wird frei!
Dir aber gönnt die Resolution
Noch etliche Satisfaktion.
Dafür, daß Faust, betäubt vom Myrrhendampfe,
Nicht wacker aushielt in dem Pfaffenkampfe,
Muß er von schimmlich modernden Figuren
Ertragen abgeschmackte Prozeduren,
Legendenhaft,
Studentenhaft
Zur Himmelfahrt sich weihen lassen.
Dann darfst du noch einmal ihn fassen:
Zu Fausti Sanctificatur
Bedarfs noch einer Doppelkur,
Einer trocknen und einer nassen;
Du darfst sie leiten, darfst für seine Nerven
Nach Lust die Läutrung schärfen.
Die Formen, das Verfahren
Wird man dir offenbaren.
Doch nicht mißbrauche das bedingte Recht,
Sonst geht dir's schlecht!
Laß insbesondre bei der zweiten Kur
Das Feuer weg, sonst zittre nur!
Und endlich soll der aufgeschloßne Himmel
Im Unterschied vom früheren Gewimmel
So übersinnlich mager sein,
So transparent, so äußerst fein,
So fadenscheinig und so dünn,
Daß nicht zu glänzend der Gewinn;
Conclusum. Imprimatur!
Janicula claudatur!
(Michael und der Glanz verschwinden.)
Mephistopheles.
O klägliche Abfinderei!
Schäbige Halbheit, unrecht gütliche,
So recht perfid gemütliche
Philistertyrannei!
Was kann ich sagen?
Ich muß es tragen!
Es ist mein Schicksal, ach, ich sehe,
Es kann einmal nicht anders sein
In der ewigen gemischten Ehe,
Der Ehe zwischen Ja und Nein!
Doch was ich kann, das will ich nützen,
Der Kerl soll stöhnen und schwitzen,
Will ihn schrauben und schütteln,
Stoßen und rütteln,
Zwicken und zerren,
Er soll mir plärren!
Und mag mir's auch verboten sein,
Das Feuer schmuggl ich dennoch ein!
Ich, der geborne Vulkanist,
Soll auf des Feuers Kraft verzichten?
Mitnichten, strenger Herr, mitnichten!
Der Willkürmacht begegne ich mit List!
Ich will ihn braten, rösten, brühen,
Das Fegefeuer soll nicht heißer glühen!
Dann sag ich mit lustigem Teufelston:
Siehst du, das ist der Humor davon!
Geräumige Stube in Valentins Wirtshaus. Ein Teil des Raums durch einen seitlich gezogenen Vorhang geschieden und verhüllt, für den Zuschauer offen; ein Schragen ist darin sichtbar.
Bärbelchen (einen langen Tisch herrichtend).
Mein guter Vältl ist wieder da,
Den ich in Ängsten lange nicht mehr sah.
Was Grausliches auf seinem Gang geschehn,
Das deutet er mit dunkeln Winken an,
Spricht von Gespenstern, die sie schaudernd sahn,
Mein armer Kopf kann es nicht recht verstehn.
Bin nur zufrieden, wieder ihn zu haben. -
Mit einem Festtrunk soll ich Gäste laben,
Und an den Trunk soll anderes sich knüpfen,
Wovon die Decke jetzt noch nicht zu lüpfen.
Was steht uns wohl geheimnisvoll bevor?
Ein Wort von letzten, starken Läuterungen,
Von Himmelan, von Schweben und Empor
Ist halbverständlich mir ans Ohr gedrungen.
Was hat dabei mein Valentin zu tun?
Gibt's Arbeit noch? Darf er als Zeuge ruhn?
Was wird aus uns, aus unsrem Wirtshaus werden,
Wenn's Flattern angeht hochweg von der Erden?
Des Himmels Vorraum ist mir gut genug,
Nicht folgen kann ich allzu hohem Flug.
Faust tritt mit Lieschen ein.
Lieschen.
Sei mir gegrüßt, du schlichte Frau!
Der Horizont ist wieder blau,
Er strahlet Wonne auf uns nieder!
Wir haben unsre Freunde wieder!
Und bist du auch an Bildung mir nicht gleich,
Doch nah wie ich dem offnen Himmelreich.
Bärbelchen.
Ach Gott! Ich spüre gar kein Bildungsstreben,
Als brave Wirtin möcht ich weiter leben!
Faust (zu Lieschen).
Bestanden ist der dreifach harte Strauß,
Doch weh, noch ist die Probezeit nicht aus!
Nicht freut mich die Tafel, im wirtlichen Saal
Gerüstet zum Einweihungsfestbacchanal,
Verhülltes Schweres ist noch angedroht -
Oh, mir ist bang, und Zuspruch tut mir not!
Lieschen.
Sei stark! So hart wie die bestandne Pein
Kann diese letzte Läuterung nicht sein!
Faust.
Wer weiß! Sieh diesen Vorhang ausgebreitet!
Wie geisterhaft die langen Falten zucken!
Was hinter ihm sich mystisch vorbereitet,
Gibt mir gewiß noch Grausiges zu schlucken.
(Man sieht in der offenen Türe vier Gestalten in Kutten, mit Studentenmützen und Heiligenscheinen. Eine derselben schwebt beständig auf und ab.)
Aha! das sind sie, die beim leidensvollen
Einkleidungsfest mir assistieren sollen!
»Ein heil'ger Doktor, in Scholastik groß,
Soll Täufer sein bei deinem Fuchsenstoß,
Drei Patres seien Paten dir und Zeugen!«
So ist mir angesagt; ich muß mich beugen,
Muß sie ertragen nach dem finstern Spruch
Mit ihrem ranz'gen Heiligengeruch!
Ach! ich gesteh es, mir geschieht nur recht!
Warum auch hielt ich damals mich so schlecht
Vor dem Gespenste mit der schwarzen Kutte!
Dafür entlehnt aus faulem Kirchenschutte
Mein Dichter aus des alten Goethe Spalten
Boshaft die sporig modrigen Gestalten!
Lieschen.
Laß von Verdruß dich nicht zu stark beschweren:
Es gilt, sie allegorisch zu erklären!
Faust.
Ein schwacher Trost für meinen Katzenjammer:
Sie riechen eklich nach der Rumpelkammer.
Lieschen.
Zählst du dich zu den Schuldigen,
Zähl' auch zu den Geduldigen!
Zwar nach der Lehre neuerer Theologen,
Die einem denkenden Glauben huldigen,
Bin ich im Töchterinstitut erzogen,
Entwachsen dem byzantinischen Stil,
Wie auch dem folgenden Formenspiel,
Als da ist: dem romanischen Halbrundbogen
Und dem steilen, spitzigen, gotischen;
Aus Andachtbüchlein, niedlichen, modischen,
In schwarzem Saffian mit goldnem Schnitte
Ward schön gesungen in der Töchter Mitte.
Doch ließ' ich, um beseligt hinzuwallen,
Mir gern auch jeden ältern Stil gefallen;
Sei objektiv! Bedeutung ist in allen!
Faust.
Ach, sieh doch nur den einen von den Vieren
Beharrlich auf und nieder oszillieren!
Weist dies auf meines ungeratnen jungen
Euphorion verrückte Purzelungen?
Lieschen.
Mahnt dieses Bild magnetischen Prozesses
Dich an die Frucht begangenen Exzesses:
Als Buße für erkannte Schuld
Ertrag' auch dieses mit Geduld!
Die vier Patres treten ein. Pater Ecstaticus, auf- und abschiebend, Pater Seraphicus, Pater Profundus, an ihrer Spitze Doktor Marianus.
Dr. Marianus (mit segnender Gebärde).
Sei benedeit, o Faust, auf diesen Wegen!
Zum letzten Schritt empfange unsern Segen!
Faust.
Mit Ehrfurcht grüß ich euch, altheilige Gestalten,
Entschlossen, fromm und zahm die Weihung auszuhalten!
(Für sich.)
Dem Teufel fast möcht' ich mich lieber stellen
Als diesen übeldunstigen Gesellen!
(In dem durch Vorhang abgeteilten Nebenraum erscheint Mephistopheles mit Valentin, der eine Gerte trägt.)
Mephistopheles (für sich).
Brauchst ihn nicht zu zitieren,
Wirst ihn schon spüren!
Dr. Marianus (zu Faust).
Fürs erste bist du nun gebeten,
Hier in den innern Raum hineinzutreten.
(Während Faust unbemerkt noch zögert, zu Lieschen.)
Du, dieses Manns moralische Adjunkte,
Es gibt mitunter so gewisse Punkte,
Es kommt etwas, es geht jetzt etwas vor,
Das nicht wohl paßt für Weibes Aug und Ohr.
Dein Doktor Faustus wird ein wenig stöhnen,
Geh lieber fort, sei fern von diesen Tönen!
Die Festpokale wirst du gern noch scheuern,
Tu es und laß auf kurze Zeit den Teuern!
Lieschen.
Ach Gott, ach Gott, wird ihm doch nichts geschehen?
Dr. Marianus.
Ah bah! Du wirst gesund ihn wiedersehen!
(Lieschen geht ängstlich ab. Zu Bärbelchen.)
Du sorge, daß aus eurer Brauerei
Das volle Faß nun bald zur Stelle sei,
Dein Mann hat jetzt was anderes zu tun.
Bärbelchen.
Was denn? Was gibt es denn?
Dr. Marianus. Nun, nun,
Er wird ein wenig streichen.
Bärbelchen.
Wen denn?
Dr. Marianus.
Den Faust, er hat bei ihm noch etwas gut.
Zwar du gehörst nicht zu den Allzuweichen,
Doch weilst du besser in des Kellers Hut.
Bärbelchen.
Den Faust? Das wäre leichtlich zu ertragen,
Hört' ich den Herrn ein wenig winseln, klagen;
Auch sah ich oft mit guter Ruh
Dem Raufen und Balgen im Wirtshaus zu.
Dr. Marianus.
Da sahst du nur bekleidete Gestalten;
Verschöben sich des Vorhangs breite Falten,
Der Anblick würde Frauen wohl beschämen:
Zur Adamstracht muß Faustus sich bequemen.
Geh lieber fort, es ist doch besser,
Und kümmre dich um deine Fässer.
(Bärbelchen geht ab.)
Faust (vortretend).
So, so? Und mich, mich fragt man nicht,
Ob ich es dulde, solches Schmachgericht?
Dr. Marianus.
So nah, mein Freund, dem Tor des Paradieses,
Sei doch vernünftig und erwäge dieses!
Es sammeln sich durch unsre Sünden
In unsres irdischen Leibes Schlünden,
In unsern Därmen, Muskeln, Sehnen,
Arterien und Venen
Gewisse spröde Stockungen,
Gewisse Saftverhockungen,
Gichtische Pfropfungen,
Kalkige Stopfungen;
Durch diese, wenn sie zähe sich verklemmt,
Wird auch der Seele Rührigkeit gehemmt,
Vorab bei Denkern, welche viel gesessen
Und teils zu wenig, teils zu viel gegessen.
Da gibt's nichts Beßres als ein tüchtig Kneten,
Vereint natürlich mit andächt'gem Beten. -
Mephistopheles (für sich).
Das lassen wir auf sich beruhn,
Ich denk, es wird's auch so noch tun.
Dr. Marianus.
Von Männerfaust läßt man die Muskel streichen,
Durchtalgend, mangend, bügelnd sie erweichen,
Man schafft durch diese gründliche Massage,
Dem trägen Blut erleichterte Passage,
Und mit der Flucht des Hämorrhoidalen
Erwacht die Seele neu zum Idealen.
Zu dieser Kur will's eine derbe Hand,
Drum ist dazu der Valentin ernannt.
Er hat in deinen Prüfungstagen
Dir deine Schuld nicht nachgetragen,
Hat dich geleitet, dich gestützt,
Als treuer Knappe dich beschützt,
Dies Satisfaktiönelein
Soll ihm darum gegönnet sein.
Ertrag es, wenn es brennt und saust,
Du weißt: es reimt sich Faust auf Faust!
Nun denn, so unterwerfe dich, mein Bester!
Faust.
Die alte Schuld an Bruder und an Schwester
Bricht meinen Stolz. So führet mich hinein!
Auch diese Buße will geduldet sein.
Dr. Marianus und die drei Patres treten mit Faust durch den Vorhang in den zweiten Raum.
Faust (den Mephistopheles erblickend).
Nun, da sieht's gut aus, der ist da!
Mephistopheles.
Mit höherem Permisse, ja!
Faust (zu Valentin).
Ach Gott, es sei! ich füge mich,
Nur macht es nicht zu fürchterlich!
(Er wird entkleidet und legt sich auf den Schragen
Valentin (zu Mephistopheles).
Dies eine Mal gehorch ich dir;
Ich bin bereit, nun kommandier!
Mephistopheles.
Sänftlich streiche,
Fleisch erweiche!
(Es geschieht.)
Faust.
Wird's nur nicht stärker, ist es zum Ertragen,
Ich dulde still auf meinem Schragen.
Mephistopheles.
Derber reibe,
Pressend drücke,
Klemmend kneipe,
Zwage, zwicke!
Faust.
Au weh!
Ich vergeh!
Mephistopheles.
Ma