Personen:
Astragalus , der
Alpenkönig
Linarius und Alpanor, Alpengeister
Herr von Rappelkopf, ein reicher Gutsbesitzer
Sophie, seine Frau
Malchen, seine Tochter dritter Ehe
Herr von Silberkern, Sophiens Bruder, Kaufmann in Venedig
August Dorn, ein junger Maler
Lischen, Malchens Kammermädchen
Habakuk, Bedienter bei Rappelkopf
Sebastian, Kutscher in Rappelkopfs Dienst
Sabine, Köchin in Rappelkopfs Dienst
Christian Glühwurm, ein Kohlenbrenner
Marthe, sein Weib
Salchen, ihre Tochter
Hänschen, Christoph und Andres, ihre Kinder
Franzel, ein Holzhauer, Salchens Bräutigam
Christians Großmutter
Rappelkopfs verstorbene Weiber:
Victorinens Gestalt
Wallburgas Gestalt
Emerentias Gestalt
Alpengeister. Genien im Tempel der Erkenntnis.
Dienerschaft in Rappelkopfs Hause.
Die Handlung geht auf und um Rappelkopfs Landgut vor.
Erster Aufzug
Erster Auftritt
Die Ouvertüre beginnt sanft und drückt fröhlichen
Vogelsang aus, dann geht sie in fremdartiges Jagdgetön über, begleitet
von Büchsenknall. Beim Aufziehen der Kurtine zeigt sich eine reizende
Gegend am Fuß einer Alpe, welche sich im Hintergrunde majestätisch
erhebt. Im Vordergrunde zeichnet sich in der Mitte ein Gebüsche von
Alpenrosen, links ein abgebrochener Baumstamm und im Vordergrunde rechts
ein hoher Fels aus.
Ein Chor von Alpengeistern, dabei Linarius, durchaus
grau als Gemsenjäger gekleidet, jeder eine erlegte Gemse über den
Rücken hängen, eilt von der Alpe herab und sammelt sich im
Vordergrunde der Bühne.
Chor.
Stellt die Jagd ein, luftge Schützen!
Von den steilen Alpenspitzen
Steigt herab ins blumge Tal.
Vierter Auftritt
Auf der entgegengesetzten Seite Malchen, Lischen.
Erstere im lichtblauen Sommerkleide, einen Strohhut auf dem Haupte,
läuft fröhlich voraus.
Malchen.
Ach, das heiß ich gelaufen, wie pfeilschnell doch die Liebe macht! (Sieht
sich um.) Hier ist mein teures Tal. Wie herrlich alles blüht, heut
glänzt die Sonne doppelt schön, als wäre Festtag an dem Himmel und
sie des Festes Königin. Ach, wie dank ich dir, du liebe Sonne, daß du
mir meinen August bringst. Lischen, Lischen! (Ruft in die Kulisse.)
Wo bleibst du denn? Wie ängstlich sie sich umsieht. Was hast du denn?
Lischen (kommt ganz verwirrt und sehr
geschwätzig).
Aber Sie unglückseliges Fräulein, wie können Sie sich denn heute in
diese berüchtigte, verrufene, bezauberte Gegend wagen? Haben Sie nicht
die wilde Jagd gehört? heut ist der Alpenkönig los. Hätt ich das
gewußt, Sie hätten mich nicht mit zwanzig Pferden aus dem Haus
gezogen. Aber Sie weckten mich auf, sagten mir, ich sollte mich schnell
anziehen, Sie wollten Ihrem August entgegeneilen, der heute von seiner
Kunstreise aus Italien zurückkömmt.
Malchen.
Nun, das tat ich ja. Hier erwart ich meinen August. Sein letzter Brief
nennt mir den heutgen Morgen. Hier schieden wir in Gegenwart meiner
Mutter vor drei Jahren mit betrübtem Herzen voneinander. Du weißt,
daß mein Vater schon damals gegen unsere Liebe war, obwohl Augusts
Onkel starb und ihm einiges Vermögen hinterließ, schlug er ihm doch
meine Hand ab, geriet in den heftigsten Zorn und warf ihm
Talentlosigkeit in seiner Malerkunst vor. August, auf das bitterste
gekränkt, beschloß, nach Italien zu reisen, um seinen Kummer zu
zerstreuen und sich an den großen Mustern zu bilden. Hier schwor er mir
ewge Treue, meine gute Mutter versprach uns ihren Beistand, doch du
weißt, wie es um meinen armen Vater steht. Hier haben wir uns getrennt,
hier gelobten wir uns wieder in die Arme zu stürzen. Nach seinen
Briefen hat er große Fortschritte in seiner Kunst gemacht.
Lischen.
Was Italien, was Kunst, was helfen mir alle Maler von ganz Italien und
Australien! In diesen Bergen haust der Alpenkönig. Und wenn uns der
erblickt, so sind wir verloren.
Malchen.
So sei nur ruhig, es wird ja den Hals nicht kosten.
Lischen.
Aber die Schönheit kanns kosten, und der Verlust der Schönheit geht
uns Mädchen an den Hals. Und wie innig ist die Schönheit mit dem Hals
verbunden, wer halst uns denn, wenn wir nicht schön mehr sind? Wissen
Sie denn nicht, daß jedes Mädchen, das den Alpenkönig erblickt, in
dem Augenblick um vierzig Jahre älter wird? Ja sehen Sie mich nur an,
keine Minute wird herabgehandelt. Vierzig Jahre, und unsere jetzigen
auch noch dazu, da wird eine schöne Rechnung herauskommen. Stellen Sie
sich die Folgen einer so entsetzlichen Verwandlung vor. Was würde ihr
geliebter Maler dazu sagen, wenn er in Ihnen statt einer blühenden
Frühlingslandschaft eine ehrwürdige Wintergegend aus der
niederländischen Schule erblickte, was würden alle meine Anbeter dazu
sagen, wenn der Anblick dieses Ungetüms meine Wangen in Falten legte
wie eine hundertjährige Pergamentrolle?
Malchen.
Aber wer hat dir denn solche Märchen aufgebunden? Beinahe könnt ich
selbst in Angst geraten. Es gibt gar keinen Alpenkönig.
Lischen.
Nicht? Nun gut - bald werd ich Sie wie meine Großmutter verehren.
Folgen Sie mir, oder ich laufe allein davon. (Will fort.)
Malchen.
So bleib nur, mein August wird bald hier sein, die Sonne steht schon
hoch, du mußt mir Toilette machen helfen, der Wind hat meine Locken
ganz zerrüttet. Du hast doch den kleinen Spiegel mitgenommen, wie ich
dir befahl?
Lischen.
Ei freilich, ach, hätt ich lieber meine Angst vergessen!
Malchen.
So. (Setzt sich auf den Baumstamm und öffnet ihre Locken. Lischen
steht mit dem Spiegel vor ihr.) Halt ihn nur! Weißt du, Lischen,
ich muß mich doch ein wenig zusammenputzen, er kömmt aus Italien, und
die Frauenzimmer sollen dort sehr schön sein.
Lischen.
Hahaha, warum nicht gar! Ich kenne in der Welt nur ein schönes
Frauenzimmer. Sie werden mich verstehen, Fräulein.
Malchen (nimmt es auf sich).
Du bist zu galant, Lischen, das verdien ich nicht.
Lischen (beiseite).
Die glaubt, ich mein sie, wie man nur so eitel sein kann - und ich meine
mich.
Malchen.
So, Lischen, jetzt sind die Locken alle offen - jetzt halt nur gut, der
Alpenkönig tut uns nichts.
Lischen.
Ach ums Himmels willen, nennen Sie doch den abscheulichen Alpenfürsten
nicht - (erschrickt) es rauscht ja etwas im Gebüsche, Himmel,
ich laß den Spiegel fallen. (Ein Auerhahn fliegt aus dem Gebüsche
auf. Sie schreit.) Ach der Alpenkönig! (Läuft mit dem Spiegel
fort.)
Malchen (nachrufend).
Lischen, Lischen, was schreiest du denn, es ist ja nur ein Vogel. Ach du
lieber Himmel, sie hat ja den Spiegel mitgenommen, die läuft ganz
sicher nach Hause. Lischen, so höre doch! Entsetzlich, meine Locken,
wenn jetzt August kömmt und mich so erblickt. Das überleb ich nicht.
Ach du lieber Himmel, wie hätt ich mir das vorstellen können, das ist
doch das größte Unglück, das einem Menschen begegnen kann. (Besinnt
sich.) Aber pfui, Malchen, was ist das für eine Eitelkeit, August
wird dich doch nicht deiner Locken wegen lieben? (Ärgerlich.)
Aber die Locken tragen dazu bei, wenn die Männer nun einmal so sind,
was kann denn ich dafür? Und warum heißen sie denn Locken, wenn sie
nicht bestimmt wären, die Männer anzulocken? (Sieht in die Szene.)
Ach, dort eilt er schon den Hügel herauf. O welche Freude (hüpft),
welche Freude! (Plötzlich stille.) Wenn nur die fatalen Locken
nicht wären! Ich will mich hinter den Rosenbusch verstecken, vielleicht
bring ich sie doch ein wenig zurechte. (Verbirgt sich hinter das
Rosengebüsche.)
Fünfter Auftritt
August im einfachen Reiseanzug, eine Mappe unter dem
Arme.
August. Seid mir gegrüßt, ihr heimatlichen Berge!
O Erinnerung, wie nah trittst du an mich und reichst mir einen
schönen Kranz, geflochten aus vergangnen Freuden. Und doch muß ich bei
all dem Schönen hier das Schönste noch vermissen, bei all dem Lieben
fehlt mein Liebstes mir. Wo bist du, teures Malchen? Warum erwartest du
mich nicht? Sollte sie meinen Brief nicht empfangen haben? Ist sie
krank? Vielleicht kann sie so früh vom Haus nicht fort. Sie kömmt
gewiß. Ich will indes die Gegend zeichnen hier, die sie so liebt, und
zum Geschenk ihrs bieten, wenn sie naht. (Er setzt sich auf den
Baumstamm und zeichnet.) Wie herrlich dort die Alpe glänzt im
Sonnenstrahl, die heitre Luft, und hier - der dunkle Fels, der üppge
Rosenstrauch - nur eins gefällt mir nicht, die bleichen Rosen machen
sich nicht gut, ich wüßte schönere, die auf ihren Wangen blühn. Wär
nur Malchen hier, sie sagte mir gewiß, was ich für Farben wählen
soll.
Malchen (öffnet mit beiden Händen den
Rosenstrauch und blickt liebevoll hervor, so daß sie mit halbem Leibe
sichtbar ist und sagt zärtlich).
Laß sie blau sein wie Beständigkeit.
August (höchst entzückt).
Amalie!
(Sie stürzen sich in die Arme.)
Malchen.
August, lieber August!
Astragalus (erscheint auf dem Fels im
Vordergrunde und ruft).
Heisa he! da gehts ja lustig zu im Alpentale. (Er stützt sich auf
sein Gewehr und behorcht das folgende Gespräch.)
August.
Liebes, schönes, gutes Malchen - (plötzlich scherzhaft) böses
Malchen, warum hast du mich auch nur einen Augenblick geneckt?
Malchen.
Sei nicht böse, lieber August!
August.
Dafür räch ich mich durch diesen Kuß. (Küßt sie.)
Malchen.
O du rachsüchtiger Mensch!
August (sanft).
Bist du ungehalten darüber?
Malchen (unschuldig).
Gott bewahre, räche dich nur. Böse Leute sagen, die Rache sei süß,
und auf diese Weise möcht ich es beinahe glauben.
August.
Gutes Malchen! Wie glücklich fühl ich mich, dich wieder zu sehen,
nichts soll uns trennen als der Tod
Malchen.
Und mein Vater, August, der ist noch weit über den Tod. Wenn der gute
Vater nur nicht gar so böse auf mich wäre!
August.
Sorge nicht, Malchen, wenn er die Fortschritte meiner Kunst erfahren
wird, wenn er sich von der Beständigkeit meiner Liebe überzeugt, so
kann uns seine Einwilligung nicht entgehen. Ich will noch heute zu ihm.
Malchen.
Ach, das ist vergebens. Mein Vater spricht niemand außer seiner
Familie, nur selten die Dienerschaft. Er ist zum Menschenfeind geworden.
August.
Unmöglich, und du rühmtest mir sein Herz, seine Rechtlichkeit.
Malchen.
Er besitzt beides. Doch du weißt, daß mein Vater, als er in der Stadt
noch den ausgebreiteten Buchhandel hatte, um große Summen betrogen
wurde, die er aus Gutmütigkeit an falsche Freunde verlieh. Undank und
Niederträchtigkeit brachten ihn zu dem Entschluß, seinen Buchhandel
aufzugeben, die Stadt zu fliehen und sich auf seinem gegenwärtigen
Landsitz vor der Zudringlichkeit ähnlicher Menschen zu verbergen. Hier
liest er nun unaufhörlich philosophische Bücher, die ihm den Kopf
verrücken. Sein Mißtrauen hat keine Grenzen. Er hat die unglückliche
Weise, gegen jeden Menschen so aufzufahren, daß er die
gleichgültigsten Dinge mit einer Art von Wut verlangt. Niemand, selbst
die Mutter, kann um ihn weilen. Alles flieht und fürchtet ihn, und
darum hat er jeden im Verdacht der Untreue und gönnt doch keinem eine
Verteidigung. Sein Menschenhaß steigt mit jedem Tage, und wir fürchten
für sein Leben. Wie gerne würden wir alles dafür tun, ihn von unserer
Liebe zu überzeugen; doch, wer lehrt ihn den Fehler seiner unbilligen
Heftigkeit einsehen und ablegen, womit er sich alles zum Feinde macht
und sich der Mittel beraubt, die Menschen aus einem bessern
Gesichtspunkte zu betrachten. Deinen Namen dürfen wir gar
nicht aussprechen, er weiß, daß meine Mutter unsre Liebe billiget, und
haßt sie darum bis in den Tod.
August.
O grausames Schicksal, warum vernichtest du all meine glücklichen
Träume wieder? Also kann ich dich nie besitzen, Malchen?
Malchen.
Wenn ich nur ein Mittel wüßte, dich zu erringen! Wär ich frei wie
jener Vogel, der sich so fröhlich in der blauen Luft dort wiegt, ich
zöge mit dir durch die ganze Welt. Glückliches beneidenswertes Tier!
Wer darf dir deine Freiheit rauben?
(Astragalus schießt den Vogel aus der Luft. Man sieht ihn aber nicht
fallen. Malchen erschrickt.)
Ha!
Astragalus (immer im rauhen Tone).
Des Schützen Blei, weil du die Frage stellst.
Malchen (blickt hinauf). O August, sieh!
August.
Wer bist du, grauer Wundermann?
Astragalus.
Den Alpenkönig nennt man mich.
Malchen.
Der Alpenkönig! wehe mir! (Sinkt ohnmächtig in Augusts Arme.)
August.
Was ist dir, Malchen? Hülfe, Hülfe, steht ihr bei!
Astragalus (lachend).
Da müssen Steine sich erbarmen selbst. Hab Mitleid, Fels, und öffne
schnell dein Herz! (Er stoßt mit dem Kolben des Gewehrs an den Fels.
Der Fels öffnet sich, man sieht einen kleinen Wasserfall, der über
Rosen sprudelt, an dem zwei Genien lauschen, sie fangen mit goldnen
Muscheln Wasser aus der Quelle und besprengen Malchen damit.)
Erwache, Törin, die sich Flügel wünscht und so die Erde höhnt!
August.
Sie schlägt das Auge auf. Wie ist dir, Malchen?
Malchen.
Ach, wie kann mir sein! Ich habe den Alpenkönig erblickt. Jetzt bin ich
gewiß um vierzig Jahre älter geworden. Erkennst du mich noch, August?
August.
Bist du von Sinnen? Was hast du denn?
Malchen.
Ach, Falten habe ich, lieber August, viele tausend Falten. Ich muß
entsetzlich aussehen. Sieh mich nur nicht an!
August.
Was fällt dir ein! Du bist so schön, als du es immer warst.
Malchen.
Schön wär ich? Gewiß? Und hätte keine Falte, keine einzige?
August.
Gewiß nicht.
Malchen.
Ach du lieber Himmel, wie danke ich dir! Nein, eine solche Angst
hab ich in meinem Leben noch nicht ausgestanden!
August.
Was war dir denn?
Malchen.
Nun, Lischen sagte mir, ein Mädchen, das den Alpenkönig sieht, würd
um vierzig Jahre älter.
Astragalus (tritt vor).
So sagte sie?
Malchen.
Ach! da ist er schon wieder! (Verhüllt das Gesicht.)
Astragalus.
Seid ohne Furcht und horcht, was Alpenkönig spricht.
Schon zweimal sah ich eurer Herzen Brand
Wie Morgenrot auf Lilienschnee erglühen
Und Tränen, edler Sehnsucht nur verwandt,
Leidkündend über eure Wangen ziehen.
Und weil mich dies so inniglich erfreut,
Daß ihr so seltsam treu noch denket,
Hab ich euch meine Fürstengunst geweiht
Und eure Lieb mit meinem Schutz beschenket.
(Zu Malchen.)
Ich weiß um deines Vaters Menschenhaß,
Hab ihn belauscht, wenn er den Wald durchrannte
Mit Ebersgrimm, auf Bergesgipfel saß
Und seinen Fluch nach allen Winden sandte.
Doch laßt darum den treuen Mut nicht sinken.
Erkennen wird mit seinem Wahnsinn rechten.
Die Sterne werden bald zur Brautnacht winken,
(zu Malchen)
Und Alpenkönig wird den Kranz dir flechten. (Ab.)
Sechster Auftritt
August. Malchen.
Malchen.
Hast dus gehört, August, ists ein Traum, wir sollen glücklich werden?
August.
Wir wollen seinem Worte glauben. Und obwohl ich seine Existenz für ein
Märchen hielt, muß ich sie für wahr erkennen, wenn ich nicht
ungerecht gegen meine Sinne handeln will.
Malchen.
Komm, wir wollen meiner Mutter alles erzählen, ich werde schon sehen,
daß du mit ihr sprechen kannst. Laß uns vertrauen auf den Alpenkönig.
Er scheint nicht bös zu sein, ich hab ihm auch dreist ins Auge
geblickt, und es hat mir nichts geschadet, nicht wahr, lieber August?
Ich bin um gar nichts älter geworden?
August.
Nein, liebes Malchen. Seit ich dich wiedersehe, kaum um eine Stunde.
Malchen.
Um eine Stunde nur? (Ihm sanft ins Auge blickend.) Nun, eine
Stunde kann ich schon verschmerzen und es war eine glückliche, denn ich
habe sie mit dir verlebt.
August.
O gutes Malchen, wie beglückst du mich!
(Beide Arm in Arm ab.)
Siebenter Auftritt
Verwandlung
Zimmer auf Rappelkopfs Landgut.
Sophie. Sabine. Der Kutscher. Die sämtliche
Dienerschaft.
Chor.
Euer Gnaden sind so gütig,
Doch wir haltens nimmer aus.
Unser Herr ist gar zu wütig,
Und das treibt uns aus dem Haus.
Niemand kann bei ihm bestehn,
Und wir wollen alle gehn.
Sophie.
Seid nur ruhig, liebe Leute, verseht euren Dienst, nur kurze Zeit noch,
es wird sich vielleicht bald alles ändern. Geht an eure Pflicht! Wenn
mein Mann herüberkäme, ich bin in Todesangst.
Kutscher.
Ei, was nutzt denn das, Euer Gnaden, er solls wissen, wir könnens nicht
mehr länger aushalten mit ihm, wir tun unser Schuldigkeit, und er kann
uns nicht leiden.
Sophie.
Es wird sich alles ändern, ich habe an meinen Bruder nach Venedig
geschrieben, ihm meines Mannes Seelenkrankheit und ihre üblen Folgen
vorgestellt, er wird vielleicht noch heute ankommen, um alles zu
versuchen, seinen Menschenhaß zu heilen - oder mich von meinem armen
Mann zu trennen.
Kutscher.
Na, das ist die höchste Zeit, Euer Gnaden schauen sich ja gar nimmer
gleich. Drei Weiber hat er schon umbrachte er ist ja ein völliger
blauer Bart.
Achter Auftritt
Vorige. Habakuk.
Sophie.
Diese gemeinen Äußerungen hören zu müssen! Habakuk, ist mein Mann
auf seinem Zimmer? Ist Malchen schon zu Hause?
Habakuk.
Der gnädige Herr ist schon wieder im Gartenzimmer, er hat sich selbst
seinen Schreibtisch und seinen Stuhl hinübergetragen und geht mit
sieben Ellen langen Schritten auf und ab. Ich versichere Euer Gnaden,
ich war zwei Jahr in Paris, aber ein solcher Herr ist mir nicht
vorgekommen.
Sabine (im schwäbischen Dialekt).
Nu da habe wirs, jetzt trau ich mich nicht in den Garte hinaus, er hat
den Schlüssel von der Hofgartetür abgezogen. - Ich kann nicht
koche -
Sophie.
Nun so geh Sie durch das Gartenzimmer.
Sabine.
Ja wer traut sich denn hinein? Wenn der Herr drinne ist? Da geh ich ja
eher zu einem Leopard in die Falle. Er jagt ja alles hinaus. Wenn er in
die Kuchel kommt, so wärs notwendig, ich schliefet unter den Herd.
Habakuk.
Nun ja, und da sind so schon so viel Schwaben unten.
Kutscher.
Mich kann er gar nicht leiden, ich muß mich immer unters Heu
verstecken.
Habakuk.
Mich haßt er doch nur bis daher (zeigt den halben Leib). Er
sagt, ich wär nur ein halbeter Mensch.
Sophie.
Aber er beschenkt euch ja so oft.
Sabine.
Ja aber wie? Er tut einem dabei alle Grobheiten an und wirft einem das
Geld vor die Füß.
Habakuk.
Oh, da ist er noch in seinem besten Humor, aber neulich nimmt er sein
goldene Uhr, ich glaub, er macht mir ein Präsent, derweil wirft er mir
s' an den Kopf. (Hochdeutsch.) Ja, das sind halt Berührungen, in
die man nicht gern mit seiner Herrschaft kommt, ich war zwei Jahr in
Paris, aber das hab ich nicht erlebt. Zu was brauch ich zwei Uhren, ich
hab meine Uhr im Kopf, aber am Kopf brauch ich keine.
Sabine.
Kurz, in dem Haus ist nichts zu mache, wenn man nicht einmal in den
Garten kann -
Habakuk.
Wie soll man denn da auf ein grünes Zweig kommen!
Alle.
Kurzum, wir wollen alle fort.
Sophie.
Also wollt ihr eure Frau, die euch immer so menschenfreundlich gewogen
war, so plötzlich verlassen, da ihr doch seht, daß sowohl ich als
meine Tochter eine gleiche Behandlung zu erdulden haben? Ich kann euch
nicht fortlassen, weil zwischen heut und morgen mein Bruder ankömmt,
der vieles über meinen Mann vermag. So lange müßt ihr die Launen
eures Herrn noch ertragen.
Alle.
Es geht nicht, Euer Gnaden, es ist nicht zum existieren.
Sophie.
Nun, so nehmt dieses kleine Geschenk (sie gibt jedem einige
Silberstücke) und stärkt eure Geduld damit, vielleicht geht es
doch.
Alle.
Ach! Wir küssen die Hand, Euer Gnaden.
Kutscher.
Wir werden halt sehen, ob wir auskommen können mit ihm.
Habakuk.
Solang wir mit dem Geld auskommen, kommen wir schon mit ihm auch aus.
Sabine.
Und wisse Euer Gnade, er wär nicht gar so übel, der gnädge
Herr -
Kutscher.
Ach gar nicht - wenn er nur anders wär.
Habakuk.
Freilich, das ist der einzige Umstand.
Sophie.
Doch jetzt geht beruhigt an eure Geschäfte.
Alle.
Gleich, gnädige Frau. (Ab.)
Kutscher.
Euer Gnaden sind halt eine gscheide Frau. Ich sag immer, Euer Gnaden
sind einmal ein Kutscher gwesen, weil Euer Gnaden so gut wissen, daß
man einen Wagen schmieren muß, wann er fahren soll. (Lacht dumm und
geht ab.)
Sabine (küßt ihr die Hand).
Das ist wahr, Euer Gnaden sind eine Frau, die man in der ganzen Welt
suche darf. (Ab.)
Habakuk.
Ich versichere Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber ein Herz,
wie Euer Gnaden zu haben belieben, das ist wirklich, wie man auf
französisch sagt, nouveau!
Neunter Auftritt
Lischen. Vorige.
Sophie.
Nun endlich seid ihr zurück. Wo ist Malchen? Ist August angekommen?
Haben sie sich getroffen?
Lischen.
Von allen dem weiß ich keine Silbe, gnädige Frau, ich weiß gar
nichts, als daß der Mädchen verfolgende Alpenkönig eine Jagd gegeben
hat, daß mich an dem Ort des Rendezvous eine Angst befallen hat und
daß ich über Hals und Kopf zurückgelaufen bin.
Sophie.
Und Malchen?
Lischen.
Wollte ihren Liebhaber erwarten und war nicht zu bewegen, mit
zurückzugehen.
Sophie.
Aber wie kann Sie sich unterstehen, meine Tochter allein zu lassen? Sie
leichtsinnige Person, der ich mein Kind anvertraut habe! Ich muß nur
gleich Leute hinaussenden. Wenn ihr ein Unglück widerführe!
O Himmel, was bin ich für ein gequältes Geschöpf!
Lischen.
Aber gnädge Frau -
Sophie.
Geh Sie mir aus den Augen. (Eilig ab.)
Zehnter Auftritt
Lischen. Habakuk.
Lischen (äußerst zornig).
Nein, das ist nicht zum Aushalten, das Haus ist ja eine wahre
Folterbank. Wie man nur die Dienstleute so herabsetzen kann?
Habakuk.
Es ist aber auch ein Volk. Ich bin ein Bedienter, aber wenn ich mein
eigner Herr wär, ich jaget mich selber fort.
Lischen.
Mich eine Person zu heißen!
Habakuk.
Solche Personalitäten!
Lischen.
Halt Er Sein Maul! Wenn ich nur diesen langweiligen Menschen nicht mehr
vor mir sehen dürfte!
Habakuk.
Ich bin kein Menschenfeind, aber ich habe einen Stubenmädelhaß. Was
mir diese Person zuwider ist, bloß weil sies nicht glauben will, daß
ich in Paris gewesen bin. (Boshaft.) Gschieht Ihr schon recht,
Mamsell Liserl!
Lischen.
O Er erbärmlicher Wicht! Er verdient gar nicht, daß sich ein
Stubenmädchen von meiner Qualität mit Ihm unter einem Dache befindet.
Habakuk.
Oh, prahlen Sie nicht so mit Ihrer Stubenmädelschaft, Sie haben auch
die Stubenmädlerei nicht erfunden. Ich versichere Sie, ich war zwei
Jahr in Paris, da gibt es Stubenmädel - wenn man die ins Deutsche
übersetzen könnt, das gäbet eine Stubenmädliade, wo sich die ganze
hiesige Kammerjungferschaft verstecken müßt. Und Sie schon gar, meine
liebe Exkammerjungfer.
Lischen.
Er zwei Jahre in Paris gewesener Einfaltspinsel, Er kommt mir gerade
recht, wenn Er sich noch einmal untersteht, seine unverschämte Zunge zu
meinem Nachteil zu bewegen, so werd ich Seinen Backen einen Krieg
erklären und Ihm den auffallendsten Beweis liefern, auf was für eine
kräftige Art ein deutsches Kammermädchen die Ehre ihres Standes zu
rächen weiß. (Gibt ihm eine Ohrfeige und geht schnell ab.)
Habakuk (hält sich die Wange).
Nein, was man in dem Haus alles erlebt - ich war zwei Jahre in Paris,
aber so etwas ist mir nicht vors Gesicht gekommen. (Geht ab, indem er
sich den Backen hält.)
Elfter Auftritt
Verwandlung
Kürzeres Zimmer. Rechts die Eingangstür, links
führt eine Glastür nach dem Garten. Auf dieser Seite befindet sich ein
massiver altmodischer Tisch und ein Stuhl. Rechts an der Wand neben der
Tür ein hoher Spiegel. Neben der Gartentür ein Sekretär.
Rappelkopf kömmt in heftiger Bewegung zur Glastür
herein. Sein ganzes Wesen ist sehr auffahrend. Er sieht die Menschen nur
auf Augenblicke oder mit Seitenblicken an und wendet sich schnell,
entweder erzürnt oder verächtlich, von ihnen ab.
Rappelkopf.
Ha! Ja!
|
Lied |
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|
Ja, das kann nicht mehr so bleiben,
's ist entsetzlich, was sie treiben.
Ins Gesicht werd ich belogen,
Hinterm Rücken frech betrogen,
's Geld muß ich am End vergraben,
Denn sie stehln als wie die Raben.
Ich hab keinen Kreuzer Schulden,
Bare hunderttausend Gulden,
Und doch wirds mir noch zu wenig,
Es tät not, ich wurd ein König.
Meine Felder sind zerhagelt,
Meine Schimmel sind vernagelt,
Meine Tochter, wie betrübt,
Ist das ganze Jahr verliebt.
Alle Tag ist das ein Gwinsel
Um den Maler, um den Pinsel,
Der kaum hat ein Renommee,
Und vom Geld ist kein Idee.
Und mein Weib, bei allen Blitzen,
Will die Frechheit unterstützen,
Sagt, er wär ein Mann zum Küssen,
Wie die Weiber das gleich wissen!
Und das soll mich nicht verdrüßen?
Ja, da möcht man sich erschießen.
Und statt daß man mich bedauert,
Wird auf meinen Tod gelauert,
Und so sind sie alle, alle,
Ich zerberste noch vor Galle. |
|
Drum hab ich beschlossen und werd es vollstrecken,
Ich laß von den Menschen nicht länger mich necken.
Ich lasse mich scheiden, ich dringe darauf.
Der ganzen Welt künd auf Michäli ich auf.
Die Liebe, die Sehnsucht, die Freundschaft, die Treue,
Mir falln s' nur nicht alle gschwind ein nach der Reihe,
Die lockenden, falschen, gewandten Mamsellen,
Die mich fast ein halbes Jahrhundert schon prellen,
Die lad ich noch einmal zum Frühstück ins Haus
Und peitsch sie, wie Timon, zum Tempel hinaus. |
Es ist aus! Die Welt ist nichts als eine giftge
Belladonna, ich habe sie gekostet und bin toll davon geworden. Ich
brauch nichts von den Leuten, und sie kriegen auch nichts von mir,
nichts Gutes, nichts Übles, nichts Süßes und nichts Saures. Nicht
einmal meinen sauren Wein will ich ihnen mehr verkaufen. Ich habe
Aufrichtigkeit angebaut, und es ist Falschheit herausgewachsen. Es ist
schändlich, ich bin auf dem Punkte durch meinen eignen Schwager zum
Bettler zu werden. Er hat mich überredet, mein Vermögen einem
Handlungshause in Venedig anzuvertrauen, das jetzt dem Sturze nah sein
muß. Ich erhalte keine Interessen, keinen Brief von meinem
heuchlerischen Schwager, den ich verkannt und der vielleicht im Bunde
steht mit dem betrügerischen Volk. Und so täuscht mich alles! alles!
Darum will ich keinen Kameraden mehr haben als die zanksüchtige
Erfahrung.
|
Das ist der vorsichtge, weltghetzte Hase
Mit der vom Unglück zerstoßenen Nase,
Mit dem millionmal verwundeten Schädel,
Das ist mein Mann, den behandle ich edel. |
Ich hab zu viel ausgestanden in der Welt. Mich hat die
Freundschaft getäuscht, die Liebe betrogen und die Ehe gefoltert. Ich
kanns beweisen, ich hab vier Attestaten, denn ich hab das vierte Weib.
Und was für Weiber! Eine jede hat eine andere Untugend ghabt. Die erste
war herrschsüchtig. Die hat wollen eine Königin spielen. Bis ich als
Treffkönig aufgetreten bin. Die zweite war eifersüchtig bis zum
Wahnsinn. Wie sich nur eine Fliegen auf meinem Gsicht hat blicken
lassen, pums, hat sie s' erschlagen. Das waren zwei Ehen - da kann man
sagen, Schlag auf Schlag. Die dritte war mondsüchtig. Wenn ich in der
Nacht hab etwas auf sie sprechen wollen, ist sie auf dem Dach oben
gsessen. Jetzt frag ich einen Menschen, ob das zum Aushalten war? Aber
sie haben doch behauptet, sie könnten mit mir nicht leben, und sind aus
lauter Bosheit gestorben. Bin aber nicht gscheid geworden, hat mich die
Höllenlust angewandelt, eine vierte zu nehmen. Eine vierte, die viermal
so falsch ist als die andern drei. Die mein Kind in ihrem Ungehorsam
unterstützt. Den Maler protegiert, den Maler, der vor Hunger alle
Farben spielt. Nichts als immer wispert mit der Dienstbotenbrut,
Komplotte macht gegen ihren Herrn und Meister. (Sieht zur halboffnen
Eingangstür hinaus.) Aha! Da schleicht das Stubenmädel herum. Die
hat schon wieder eine Betrügerei im Kopf. Die wär nicht so übel, das
Stubenmädel, das ist noch die sauberste - aber ich hab einen Haß auf
sie, einen unendlichen - ich werd sie aber doch hereinrufen, bloß um
sie auf eine feine Art auszuforschen. He! Lischen! (Schreit.)
Herein mit ihr!
Zwölfter Auftritt
Voriger. Lischen tritt furchtsam ein.
Lischen.
Was befehlen Euer Gnaden?
Rappelkopf (immer barsch).
Ich hab etwas zu reden mit ihr.
Lischen (erschrickt).
Mit mir? (Beiseite.) Nun das wird eine schöne Konversation
werden. Was er schon für Augen macht!
Rappelkopf (beiseite).
Ich werd alle möglichen Feinheiten gebrauchen. (Roh.) Da geh Sie
her! (Lischen nähert sich verzagt. Rappelkopf betrachtet sie
verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen.) Infame Person!
Lischen.
Aber Euer Gnaden -
Rappelkopf.
Was Gnaden - nichts Gnaden - schweig Sie still und antwort Sie.
Lischen.
Das kann ich ja nicht zugleich.
Rappelkopf.
Sie kann alles. Es gibt keinen Betrug, der Ihr nicht möglich wäre. Sie
ist eine Mosaik aus allen Falschheiten zusammengesetzt. (Beiseite.)
Ich muß mich zurückhalten, damit ich nur nicht unhöflich mit ihr bin.
Lischen (empört).
Aber wer wird sich denn solche Impertinenzen sagen lassen?
Rappelkopf (heftig).
Sie, Sie wird 's sich sagen lassen. Und wird keinen Laut von sich
geben. Was hat Sie für eine Betrügerei vorgehabt? Sie will mich bestehlen?
Lischen.
Nein!
Rappelkopf.
Was denn?
Lischen.
Ich will mich empfehlen. (Will fort.)
Rappelkopf (nimmt ein ungeladenes Jagdgewehr).
Nicht von der Stelle, oder ich schieß Sie nieder!
Lischen (schreit).
Hülfe, Hülfe!
Rappelkopf.
Nicht mucksen! Antwort! Warum hat Sie so verdächtig herumgesehen? Was
ist im Werk?
Lischen.
Himmel, wenn es losgeht!
Rappelkopf.
Nutzt nichts! losgehn muß etwas, entweder Ihr Maul oder die Flinten.
Lischen.
Ach, was soll ich denn mein Leben riskieren! (Kniet nieder.)
Lieber gnädiger Herr, ich will alles bekennen.
Rappelkopf.
Endlich kommts an den Tag. Himmel, tu dich auf!
Lischen.
Ich habe gelauscht, ob das Fräulein nicht aus dem Alpental
zurückkömmt, die gnädge Frau hat mich ausgezankt, weil ich nicht bei
ihr geblieben bin, da sie ihren Liebhaber erwartet, der heute ankommt.
Die gnädige Frau ist mit ihr einverstanden, doch weil sie mich so
mißhandelt hat, so verrate ich sie.
Rappelkopf.
Entsetzlicher Betrug! O falsche Niobe! Und Sie niedrigdenkende
Person, Sie wagt es, Ihre Frau zu verraten - der Sie so viel Dank
schuldig ist? O Menschen, Menschen! Ausgeartetes Geschlecht! Aus
meinen Augen geh Sie mir, Sie undankbare Kreatur, ich will nie mehr
etwas von Ihr wissen.
Lischen.
Aber was hätt ich denn tun sollen?
Rappelkopf.
Schweigen hätt Sie sollen.
Lischen.
Aber Euer Gnaden hätten mich ja erschossen.
Rappelkopf.
Ist nicht wahr, es ist nicht geladen. Betrug für Betrug.
Lischen.
So, also hätt ich diese Angst umsonst ausgestanden? Das ist
abscheulich.
Rappelkopf.
Nein, nicht umsonst. Du Krokodil von einem Stubenmädel - du sollst eine
Menge dafür haben: meine Verachtung, meinen Haß, meinen Schimpf, meine
Verfolgung und deinen Lohn. (Wirft ihr einen Beutel vor die Füße.)
Nimms und geh aus meinem Haus. Mach dich zahlhaft, oder ich zahl dich
auf eine andre Art aus. So nimms, warum nimmst du es denn nicht?
Lischen.
Oh, ich werds schon nehmen. (Denkt nach.) Gnädger Herr!
Rappelkopf.
Was denkst denn nach, du Viper? Nimms und ruf mir deine Frau.
Lischen (schnell auf die Gartentür deutend).
Dort ist sie ja!
Rappelkopf (schießt schnell gegen die
Gartentür).
Wo ist sie? Wo? Her mit ihr.
Lischen (hebt schnell den Beutel auf).
Das ist ein alter Narr! (Läuft schnell ab.)
Rappelkopf (sieht ihr nach).
Hat ihn schon! O ihr Welten, stürzt zusammen, dieses weibliche
Insekt wagt es, mich zum besten zu halten! O Rappelkopf! Wie falsch
diese Menschen mit mir sind, und ich bin so gut mit ihnen! Ha! Dort
kommt mein Weib, entsetzlicher Anblick - meine Haar sträuben sich
empor, ich muß aussehen wie ein Stachelschwein.
Dreizehnter Auftritt
Voriger. Sophie.
Sophie (gelassen).
Was willst du denn, lieber Mann?
Rappelkopf.
Dich will ich, aus der gesamten Menschheit dich! und von
dir mein Fleisch und Blut, mein Kind! Wo ist sie?
Sophie (verlegen).
Sie ist nicht zu Hause -
Rappelkopf (sehr heftig).
Nun also, wo ist sie -? Wo? -
Sophie.
So sei nur nicht so heftig.
Rappelkopf.
Jetzt bin ich heftig, und ich bin ganz erstaunt über meine
Gelassenheit. Im Wald ist sie draußen. Also auch mein Kind ist verloren
für mich?
Sophie.
Nu, nu, in dem Wald ist ja kein Bär.
Rappelkopf.
Aber ein junger Herr - Also die Gschicht ist noch nicht aus, mit diesem
Maler?
Sophie.
Und darf nicht aus sein, denn das Glück und die Ruhe deiner
Tochter stehen auf dem Spiele. Sie wird ihn ewig lieben.
Rappelkopf.
Und ich werd ihn ewig hassen.
Sophie.
Was hast du als Mensch an ihm auszusetzen?
Rappelkopf.
Nichts, als daß er einer ist.
Sophie.
Was hast du gegen seine Kunst einzuwenden?
Rappelkopf.
Alles! Ich hasse die Malerei, sie ist eine Verleumderin der Natur, weil
sie s' verkleinert. Die Natur ist unerreichbar. Sie ist ein ewig
blühender Jüngling, doch Gemälde sind geschminkte Leichen.
Sophie.
Ich kann deine Ansichten nicht billigen und darf es nicht. Meine Pflicht
verbietet es.
Rappelkopf.
Weil du dir die Pflicht aufgelegt hast, mich zu hassen, zu betrügen, zu
belügen et cetera. (Wendet sich von ihr ab.)
Sophie.
So laß dir doch nur sagen -
Rappelkopf.
Ist nicht wahr.
Sophie.
Ich habe ja nichts gesagt noch -
Rappelkopf.
Du darfst nur das Maul aufmachen, so ist es schon erlogen.
Sophie.
So blick mich doch nur an -
Rappelkopf.
Nein, ich hab meinen Augen jedes Rendezvous mit den deinigen untersagt.
Lieber Kronäugeln als Liebäugeln. Aus meinem Zimmer! (Setzt sich
und dreht ihr den Rücken zu.)
Sophie (empört).
Du wendest mir den Rücken zu?
Rappelkopf.
In jeder Hinsicht. Weil du alles hinter meinem Rücken tust, so red auch
mit mir hinter meinem Rücken. Ich bin kein Janushaupt, ich hab nur ein
Antlitz, und da ist nicht viel daran, aber wenn ich hundert hätt, so
würd ich sie alle von euch abwenden. Darum befrei mich von deiner
Gegenwart! Hinaus, Ungeheuer!
Sophie.
Mann, ich warne dich zum letzten Male. Diese Behandlung hab ich
weder verdient, noch darf ich sie länger erdulden, wenn ich nicht die
Achtung vor mir selbst verlieren soll. Niemand ist deines Hasses
würdiger als dein Betragen. Es ist ein Feind, der sich in seinem eignen
Haus bekriegt. Und es ist wirklich hohe Zeit, daß ich mich entferne,
damit ich mich nicht durch den Wunsch versündige, der Himmel möchte
dich von einer Welt befreien, die deinem liebeleeren Herzen zur Last
geworden ist und in der du keine Freude mehr kennst als die Qual deiner
Angehörigen. (Geht erzürnt ab.)
Rappelkopf (allein).
Das ist eine schreckliche Person. Alles ist gegen mich, und ich tu
niemand etwas. Wenn ich auch manchmal in die Hitz komm, es ist eine
seltene Sach, wenn ich ausgeredt hab, ich weiß kein Wort mehr, was ich
gsagt hab. Aber die Menschen sind boshaft, sie könnten mich vergiften.
Und dieses Weib, gegen die ich eine so auspeitschenswerte Liebe ghabt
hab, ist imstande, mich so zu hintergehen. Und doch fordert sie
Vertrauen. Woher nehmen? Wenn ich nur einen wüßt, der mir eines leihte!
Ich wollte ihm dafür den ganzen Reichtum meiner Erfahrung einsetzen. (Stellt
sich an die Gartentür.) Dieser Garten ist noch meine einzige Freud.
Die Natur ist doch etwas Herrliches. Es ist alles so gut
eingerichtet. Aber wie diese Raupen dort wieder den Baum abfressen.
Dieses kriechende Schmarotzergesindel. (Sich höhnisch freuend.)
Freßts nur zu. Nur zu. Bis nichts mehr da ist, nachher wieder weiter um
ein Haus. O bravissimo! (Bleibt in den Anblick versunken mit
verschlungenen Armen stehen.)
Vierzehnter Auftritt
Voriger. Habakuk tritt zur Eingangtür herein, ein
Kuchelmesser in der Hand.
Habakuk.
Jetzt wollen wirs probieren. (Sieht Rappelkopf, erschrickt.)
Sapperment, da steht er just vor der Gartentür! Wie komm ich denn jetzt
hinaus? Ich trau mich nicht vorbei. Er fahret auf mich los als wie ein
Kettenhund. Ach, was kann denn mir geschehen! Ich war zwei Jahr in
Paris. Euer Gnaden erlauben, daß ich (Rappelkopf kehrt sich schnell
um und erschrickt. Habakuk erschrickt ebenfalls.)
Rappelkopf.
Was ists -? Was will Er?
Habakuk (für sich).
Bellt mich schon an. (Versteckt das Messer unwillkürlich.)
Rappelkopf (packt ihn an der Brust).
Was willst du da herin, warum erschrickst?
Habakuk (für sich).
Hat mich schon. (Laut.) Euer Gnaden verzeihen, ich hab -
Rappelkopf.
Was hast? Ein schlechtes Gewissen hast. Was versteckst denn da? Ans
Licht damit!
Habakuk (zeigt es vor).
Ich versteck gar nichts, Euer Gnaden. Es ist ein Kuchelmesser -
Rappelkopf (prallt entsetzt zurück).
Himmel und Hölle! Der Kerl hat mich umbringen wollen.
Habakuk.
Warum nicht gar -
Rappelkopf.
Den Augenblick gesteh! (Packt ihn und entreißt ihm das Messer.)
Ist dieses Messer für mich geschliffen?
Habakuk.
Ah, das wär ja rasend, wenn Euer Gnaden so was glauben könnten - Ich
hab ja Euer Gnaden nur fragen wollen -
Rappelkopf.
Ob du mich umbringen darfst?
Habakuk.
Warum nicht gar, da würd man ja Euer Gnaden lang fragen -
Rappelkopf.
O du schändlicher Verräter!
Habakuk.
So lassen sich Euer Gnaden nur berichten -
Rappelkopf.
Keine Entschuldigung, hinaus mit dir!
Habakuk (beiseite).
Er laßt einem nicht zu Wort kommen. (Laut.) Euer Gnaden müssen
mich hören. (Will auf ihn zu.)
Rappelkopf (hält einen Stuhl vor).
Untersteh dich und komm mir auf den Leib. Ich glaub, er hat noch ein
paar Messer bei sich. Der Kerl ist ein völliger Messerschmied.
Habakuk.
So untersuchen mich Euer Gnaden ins Teufels Namen -
Rappelkopf (packt ihn wieder).
Das will ich auch. Gesteh, Bandit von Treviso, wer hat dich gedungen?
Habakuk.
Ich versteh Euer Gnaden gar nicht.
Rappelkopf.
Ich will wissen, wer diese Schreckenstat veranlaßt hat.
Habakuk.
Mein Himmel, die gnädige Frau hat gschafft -
Rappelkopf.
Genug, ich brauch nicht mehr zu wissen. Entsetzlich! (Habakuk will
reden. Rappelkopf schreit.)
Nichts mehr! Mein Weib will mich ermorden lassen! (Sinkt in einen
Stuhl und verhüllt sein Gesicht.)
Habakuk (für sich).
Ah, das ist schrecklich! ich hätt sollen einen Zichori ausstechen (ringt
die Hände), und er glaubt, ich will ihn umbringen. Ah, das ist
schrecklich, das ist schrecklich!
Rappelkopf.
Ja, es ist schrecklich - es ist entsetzlich, es ist das Unmenschlichste,
was die Weltgeschichte aufzuweisen hat. (Nimmt den Stuhl.)
Hinaus, du Mörder! du Abällino! du Ungeheuer in der Livree!
Habakuk.
Aber Euer Gnaden -
Rappelkopf.
Hinaus mit dir -
Habakuk.
Nein, ich war -
Rappelkopf (wütend).
Hinaus, sag ich, oder - (jagt ihn hinaus.)
Habakuk (schon vor der Tür, schreit).
Ich war zwei Jahr in Paris, aber das hab ich noch nicht erlebt. (Ab.)
Rappelkopf (allein).
Es ist vorbei, ich bin unter meinem eignen Dache nicht mehr sicher.
|
Drum hinaus, nur hinaus
Aus dem mörderischen Haus!
Doch vorher will ich mich rächen,
Alle Möbel hier zerbrechen.
Gleich zuerst nehm ich beim Schößel
Diesen vierzigjährgen Sessel,
Auf dem meine Weiber saßen,
Die mein Lebensglück mir fraßen.
Ha! Dich tret ich ganz zuschanden.
(Zertritt den Stuhl.)
So - der hat es überstanden.
Auch den Tisch, an dem ich Briefe,
Voll Gemüt und treuer Tiefe,
Einst an falsche Freunde schrieb,
Spalte ich auf einen Hieb.
(Schlägt in den Tisch.)
Und der weltverführnde Spiegel,
Der Verderbtheit blankes Siegel,
Dieser Abgott aller Schönen,
Dem die eitlen Narren frönen,
Wo sie stehen, wo sie gaffen
Und sich putzen wie die Affen,
Gsichter schneiden, Buckerl machen,
Weißer Zähne willen lachen:
O du truggeschliffner Räuber!
Du Verführer eitler Weiber!
O du niedrige Lappalie!
Wart, dir liefr ich jetzt Bataille.
(Erblickt sich in dem Spiegel.)
Pfui! das häßliche Gesicht,
Ich ertrag es länger nicht.
(Zerschlägt den Spiegel mit geballter Faust.)
So! da liegt er jetzt, der Held,
Und sein Harnisch ist zerschellt.
(Besieht die Hand.)
Ha! der glänzende Betrüger
Hat verwundet seinen Sieger,
Doch ich mach mir nichts daraus,
Flöß ein Eimer Blut heraus.
(Öffnet den Schreibtisch und nimmt Briefe aus demselben.)
Auch die Briefe voll von Lieb,
Die im Wahnsinn ich einst schrieb,
Die zerreiß ich alle hier.
's ist nur schad um das Papier.
(Zerreißt sie und streut sie auf den Boden.
Nimmt Geldrollen und Geldbeutel aus einer Schatulle.)
Nur das tiefgehaßte Geld,
Die Mätresse dieser Welt,
Das bewahr ich mir allein,
Das muß mit, das steck ich ein.
(Steckt es schnell in die Taschen.)
Nun? Ihr Esel, ihr vier Wände,
Die ich hasse ohne Ende,
Warum schaut ihr mich so an?
Bin ich nicht ein ganzer Mann?
Euch kann ich zwar nicht zerschlagen,
Doch ich will euch etwas sagen:
Ich geh jetzt in Wald hinaus
Und komm nimmermehr nach Haus.
(Läuft wütend ab.) |
Fünfzehnter Auftritt
Verwandlung
Das Innere einer Köhlerhütte. Rußige Wände.
Salchen am Spinnrocken. Hänschen, Christopherl,
Andresel sitzen am Tisch. Marthe an einer Wiege, in der ihr Kind liegt.
Unterm Tisch ein großer schwarzer Hund. Auf dem Tisch eine Katze, mit
welcher die Knaben spielen. Im Hintergrunde zwei schlechte Betten. In
einem liegt die kranke Großmutter, in dem andern der betrunkene
Christian.
Quintett
Salchen (fröhlich).
Wenn ich an mein Franzel denk,
Wird mir halt so gut.
's Herzel, das ich ihm nur schenk,
Kriegt gleich frohen Mut.
Die drei Kinder.
He, Mutter, gib was z' essen her,
Der Magen tut uns weh!
Salchen.
Das Hungern fällt mir gar nicht schwer,
Wenn ich mein Bürschel seh.
Wenn ich an mein Franzel denk,
Wird mir halt so gut.
's Herzel, das ich ihm nur schenk,
Kriegt gleich frohen Mut.
Die drei Kinder.
Mutter, gib uns Brot!
Christian (mit lallender Stimme).
Ihr Bagage, seids nicht still?
Tausendschwerenot!
Marthe (ruft).
Still!
Das Kind.
Qua qua!
Die Katze.
Miau!
Der Hund.
Hau hau!
(Die erste Melodie fällt ein.)
Salchen.
Mein Franzel ist ein wiffer Bua,
Singt den ganzen Tag:
Daß er mich alleinig nur
Und kein andre mag.
Die drei Kinder.
Wenn wir nicht was z' essen kriegn,
So gehn wir ja zugrund!
Salchen.
So weckts das Kind nicht in der Wiegn,
Und spielts euch mit den Hund!
Mein Franzel ist ein wiffer Bua,
Singt den ganzen Tag:
Daß er mich alleinig nur
Und kein andre mag.
Die drei Kinder.
Sapperment, ein Brot!
Christian.
Wanns nicht euern Schnabel halts,
Schlag ich euch noch tot!
Sechzehnter Auftritt
Vorige. Rappelkopf öffnet die Tür und bleibt stehen.
Rappelkopf.
Holla, da gehts zu, nur hinauf auf die Köpf! Das ist ein Gesindel. (Geht
in die Mitte des Zimmers und klatscht in die Hände. Schadenfroh.)
Bravo! Bravissimo!
Salchen.
Jetzt schauts den an. Was will denn der da?
Marthe.
Nu was will Er? Was schaut Er?
Rappelkopf.
Sie will ich nicht. Sie Altertum! Was kost die Hütten da? Was muß ich
zahlen, wenn ich euch alle hinauswerfen darf?
Salchen.
Ah, der hat einen kuriosen Gusto.
Marthe.
Er impertinenter Mensch, was untersteht Er sich denn, da
hereinzukommen -
Salchen.
Und uns Grobheiten anzutun.
Christian (halb schlaftrunken).
Werfts ihn aussi!
Marthe (verdrüßlich).
Halt's Maul! (Zu Rappelkopf) Was hat denn Er zu befehlen, ich
kann meine Kinder schlagen, wie ich will.
Marthe und Salchen.
Hinaus mit Ihm!
Rappelkopf.
Still! kein Wort reden! (Zieht zwei Geldbeutel hervor und klingelt
damit.) Geld ist da! Dukaten sind da! Die gehören alle euch.
Verstanden? Also freundlich sein. Die Zähn herblöcken. Euer Gnaden
sagen. Gschwind! Bagage! Gschwind!
Marthe.
Euer Gnaden, wir bitten um Verzeihung. Gehts, Kinder, küßt den
gnädigen Herrn die Hand. Kriegts was zu schenken.
(Die Kinder kriechen hervor.)
Christian.
Bringts mir auch welche her!
Salchen.
Schamts euch nicht? er foppt euch nur.
Rappelkopf.
Was will die Frau, da, für die Keischen? Ich kauf s'. Wenn s' noch so
teuer ist.
Marthe.
Ah, Euer Gnaden machen nur einen Spaß. Was wollten S' denn mit der
miserablichen Hütten da?
Rappelkopf.
Das geht Sie nichts an. Hat Sie genug an zweihundert Dukaten?
Marthe.
O mein, Euer Gnaden! So viel Geld kanns ja gar nicht geben auf der Welt,
da wären wir ja versorgt auf unser Lebtag.
Salchen.
Aber die Mutter wird doch nicht die Hütten verkaufen? Was wird denn
mein Franzel sagen, wenn ers hört?
Marthe.
Du Mann! (Für sich.) (Während dieser Rede liebkost der Hund
Rappelkopf, welcher ihn mit dem Fuß von sich stößt. Der Hund bellt
auf ihn. Marthe laut.)
Die Hütten kannst verkaufen, stell dir vor, zweihundert Dukaten kriegen
wir dafür.
Christian (schlaftrunken).
Ist zu wenig - viel zu wenig.
Salchen.
Wenn er s' nur nicht hergebet!
Marthe.
Der Mann weiß gar nicht, was er redt. Sie können s' habn, Euer Gnaden,
es ist schon alles in der Ordnung.
Rappelkopf.
Da kauf ich alles, wies da liegt und steht.
Marthe.
Oh, da drauß ist auch ein Kuchel, da hängt a Menge Kuchelgschirr.
Rappelkopf.
Also da ist's Geld. (Wirft ihnen Geld hin.) Und jetzt
augenblicklich hinaus. Alle miteinander. In zwei Minuten will ich keins
mehr sehen.
Salchen.
Sieht die Mutter, jetzt kommts halt doch auf Hinauswerfen heraus.
(Während dieser Reden haben die Kinder alles nach und
nach zurückgeräumt, so daß die Bühne im Vordergrunde frei von
Möbeln ist, bis auf einen Stuhl, auf den sich Rappelkopf setzt. Franzel
tritt ein.)
Franzel.
Guten Abend, der Franzel ist da!
Rappelkopf.
Da kommt noch so ein Halbmensch.
Salchen.
O lieber Franzel, schau nur den Fremden an, dem hat die Mutter die
Hütten verkauft, er wirft uns alle 'naus. Er hat s' schon zahlt.
Franzel.
Aber Mutter, was fallt Euch denn ein? Gebts ihm doch 's Geld zurück,
dem abscheulichen Menschen.
Marthe.
Warum nit gar - das gib ich nimmer her, keinen solchen Narren finden wir
nicht mehr. Seids still, von dem Geld könnts euch heiraten.
Salchen.
Aber wo bleiben wir denn? Es ist ja schon bald Nacht.
Marthe.
Ums Geld lassen s' uns überall hinein. He! Kinder, Vater, Mutter, auf,
auf! wir müssen alle fort.
Andresel.
Das wird ein Auszug werden! Ich freu mich schon.
Marthe.
Aufsteh, Mann! (Sie zerrt ihn auf und führt ihn vor.)
Rappelkopf.
Ist er krank?
Marthe.
Nu, ich glaubs.
Rappelkopf.
Schon lang?
Marthe.
Halt ja, das ist gar ein altes Übel, das ist noch vom vorigen Jahr.
Rappelkopf.
Das ist nicht wahr! es ist vom Heurigen. Hinaus mit ihm!
Christian.
Ich geh nicht fort, bis ich das Geld nicht hab. Ich bin ein Mann, ich
hab etwas im Kopf, so will ich im Sack auch was haben.
Marthe.
Ich hab schon 's Geld, (zieht ihm den Rock an und setzt ihm den Hut
auf) so geh nur zu! Jetzt Kinder, packts zusammen.
(Hansel nimmt den Hund an einen Strick.)
Rappelkopf.
Und das Kind? Was gschieht mit den?
Marthe.
Das nimm ich unterm Arm.
Rappelkopf.
Das ist ein Hottentottenvolk. Seid ihr in Ordnung jetzt?
Rappelkopf.
So fahrt hinaus.
Salchen.
So müssen wir denn wirklich fort, aus unsern lieben Haus -
Christoph (weint).
Wo wir alle geboren und verzogen sein.
Salchen.
Meiner Seel, der Herr kanns nicht verantworten, was der Herr mit seinen
Geld für ein Unheil anstift.
Sextett
Salchen.
So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrübt aus dir hinaus.
Alle (bis auf Rappelkopf).
So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrübt aus dir hinaus.
Salchen.
Und fänden wir das höchste Glück,
Wir dächten doch an dich zurück.
Alle.
Und fänden wir das höchste Glück,
Wir dächten doch an dich zurück.
(Alle Paar und Paar ab. Sie sehen sich im Abgehen
betrübt um, auch der Hund.)
Der Hund (mit gedämpftem Ton gegen Rappelkopf im
Abführen).
Hau hau! Hau hau! (Geht hinten nach, von Hänschen an einem Strick
geführt.)
Siebzehnter Auftritt
Rappelkopf allein.
Lied mit Chor
Rappelkopf (springt vom Stuhle auf).
Jetzt bin ich allein, und ich will es auch bleiben,
Will mich mit der Einsamkeit zärtlichst beweiben,
Will gar keine Freunde als Berge und Felsen,
Verjag das Schmarotzergesindel wie Gelsen,
Will nie dem Geschwätze der Weiber mehr lauschen,
Da hör ich viel lieber des Wasserfalls Rauschen.
Zu Pagen erwähl ich die vier Elemente,
Die regen geschäftig die riesigen Hände.
Den Westwind ernenn ich zu meinem Friseur,
Der kräuselt die Locken und weht um mich her,
Und wenn ich ein hohes Toupet vielleicht schaff,
Frisiert mich der Sturmwind gleich à la Giraff.
So leb ich zufrieden im finsteren Haus
Und lache die Torheit der Menschen hier aus.
(Tritt in die Mitte des Theaters zurück und starrt vor sich hin. Nah
an der Hütte ertönt sanft der Chor nach der vorigen Melodie.)
Chor.
So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrübt aus dir hinaus.
Der Hund.
Hau hau!
Rappelkopf (tritt vor).
Ich will nichts mehr hörn von den boshaften Leuten,
Verachte die Dummen und fliehe die Gscheidten.
Und ob sie sich raufen, und ob sie sich schlagen,
Und ob sie Prozesse führn und sich verklagen,
Und ob sie sich schmeicheln, und ob sie sich küssen,
Und ob sie der Schnupfen plagt, wie oft sie niesen,
Und ob sie gut schlafen, und was sie gegessen,
Und ob sie vernünftig sind oder besessen,
Und ob wohl in Indien der Hafer ist teuer,
Und obs in Pest regnt und in Ofen ist Feuer,
Und ob eine Hochzeit wird oder ein Leich:
Ha! das ist mir einerlei, das gilt mir gleich.
Ich lebe zufrieden im finsteren Haus
Und lache die Torheit der Menschen hier aus.
(Wirft sich in den Stuhl. Weiter entfernt von der
Hütte:)
Chor.
So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrübt aus dir hinaus.
Der Hund.
Hau hau!
(Es wird finster.)
Rappelkopf (springt auf und schleudert den Stuhl
zurück, auf dem er saß).
Und wollte die Welt sich auch gänzlich verkehren,
Und brächte der Galgen die Leute zu Ehren,
Und läge die Tugend verpestet am Boden,
Und tanzten nur Langaus die Kranken und Toten,
Und brauchten die uralten Weiber noch Ammen,
Und stünde der Nordpol in glühenden Flammen,
Und schenkte der Wucher der Welt Millionen,
Und würden so wohlfeil wie Erbsen die Kronen,
Und föcht man mit Degen, die ganz ohne Klingen,
Und flögen die Adler und fehlten die Schwingen,
Und gäbs eine Liebe, gereinigt von Qualen,
Und schien' eine Sonne, beraubt ihrer Strahlen:
Ich bliebe doch lieber im finsteren Haus
Und lachte die Torheit der Menschen hier aus.
(Er eilt zurück und öffnet die Fensterbalken. Der
Wald erglüht im Abendrot, welches auch Rappelkopf bestrahlt. Er blickt
düster hinaus und von ferne erschallt der)
Chor.
So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrübt aus dir hinaus.
Der Hund.
Hau hau!
(Langsam verwandelt sich die Bühne in ein kurzes
Zimmer in Rappelkopfs Hause. In der Mitte ein großer Spiegel. Tag.)
Achtzehnter Auftritt
Sophie, von Malchen und August geführt, setzt sich
weinend in einen Stuhl.
Malchen.
Trösten Sie sich, teure Mutter, der Vater wird schon wieder
zurückkehren, wenn er ausgetobt hat. Wie oft verließ er nicht das Haus
und lief den Bergen zu.
Sophie.
Ach Kinder, es ist eine böse Ahnung in meinem Busen, die mir jede
Hoffnung raubt, daß wir ihn gesund und wohlbehalten wiedersehen.
August.
Wenn Sie mir nur erlauben wollten, ihm nachzueilen, ich wollte alle
Mittel anwenden, ihn zu besänftgen.
Sophie.
O lieber August, Ihr Anblick würde ihn nur noch mehr erbittern. Eben
weil er Sie hier weiß, ist sein Unmut zur Raserei geworden.
Malchen.
Da kommt Lischen mit Habakuk, vielleicht hat man schon Nachricht
gebracht. (Lischen, eilig Habakuk hereinziehend.)
Lischen.
Da komm Er herein, Er abscheulicher Mensch, und erzähl Er der gnädgen
Frau den ganzen Vorfall! Stellen sich Euer Gnaden vor, mit dem Habakuk
hat er den letzten Auftritt gehabt. Wegen dem Habakuk ist er fort.
Habakuk.
So red Sie nur nicht so einfältig! Was kann denn ich dafür?
August.
Der Mensch ist ja blaß wie eine Leiche.
Sophie.
Warum hat Er denn das nicht gleich gemeldet, wo war Er bis jetzt?
Lischen.
Auf den Kornboden hat er sich versteckt, aus lauter Angst vor den
gnädgen Herrn. Er hat ihn ja ermorden wollen.
Alle.
Wen?
Lischen.
Der Habakuk den gnädigen Herrn.
Alle.
Nicht möglich!
Lischen.
Nicht möglich? Er hat es ja selbst gestanden. Sehen Euer Gnaden nur
diese Mörderphysiognomie, er bringt noch das ganze Haus um.
Habakuk.
Ah, das ist ja eine schändliche Person. Euer Gnaden, ich bitt, daß ich
mich an ihr eine halbe Stund vergreifen darf. Das kann ich ja nicht
leiden.
Lischen.
Untersteh Er sich und komm Er her, Er Missetäter!
Malchen.
Du wirst dir doch keinen Scherz erlauben, Lischen?
Sophie.
Sprech Er, Habakuk! Warum zittert Er denn so?
Habakuk.
Aus lauter Zorn, ich benimm mich gegen alle présence d'esprit, ich war
zwei Jahr in Paris, und mir schnappen die Füß zusammen.
August (gibt ihm einen Stuhl).
Hier setz Er sich nieder und erklär Er sich über die Sache.
Habakuk.
Ich kann mich nicht anders erklären, als daß ich, wie Euer Gnaden
geschafft haben, einen Zichori hab ausstechen wollen, und wie der
gnädige Herr ein Messer bei mir erblickt, so hat er behauptet, ich
hätt ihn gschwind unter der Hand umbringen wollen. Laßt mich nicht zu
Wort kommen, schüttelt mich wie einen Zwetschkenbaum und fragt mich,
wer mich gedünget hat. Ich wollt antworten: Die gnädige Frau braucht
einen Zichori. Wer aber diesen Zichori gar nicht aus mir herauslaßt,
das war er. Denn kaum hab ich das Wort: »Die gnädige Frau« gesagt, so
ist er schon mit beiden Füßen bis auf den Blavon hinauf gsprungen. Hat
immer geschrien, meine Frau will mich ermurden lassen, hat mich einen
Habällino hin, den andern her geheißen, und hat mich mir nichts dir
nichts bei der Tür hinausgeprügelt. Von wo ich mich aus lauter
Desperation auf den Kornboden versteckt hab. Bis mich dieses intrigante
Frauengeziefer heruntergestöbert hat und jetzt die ganze Gschicht auf
eine so verkehrte Weise erzählt.
Lischen.
Er hat einmal behauptet -
Habakuk.
Daß Sie eine niedrigdenkende Seele ist, die einen Mann von meinen
Meriten ins Unglück hineinstürzen will.
Sophie.
Genug jetzt, mit diesen Albernheiten. Also das ist die Ursache, die
meinen Mann in solche Wut geraten ließ? Des Mordes hält er mich
verdächtig? So ungereimt diese Zumutung auch ist, so gibt sie doch
einen Beweis, wie gemein er von meinem Charakter denkt.
Malchen.
Beruhigen Sie sich, liebe Mutter!
August.
Wer sollte glauben, daß ein gesunder Verstand so phantastisch ausarten
könne?
Lischen.
Der gnädge Herr hatte immer etwas Düstres an sich, selbst wie er noch
Buchhändler war, seine Bücher waren immer gut aufgelegt, er aber nie.
Habakuk.
Er ist ein Hypokontrolist. Er hat zu reizende Nerven.
Lischen (lacht).
Es ist schrecklich - dieser Mensch war zwei Jahr in Paris und ist so
einfältig wie eine Auster.
Habakuk.
Diese Person fällt noch von meiner Hand.
Sophie (zu Lischen).
Und du hast ihn aus dem Hause laufen sehen?
Lischen.
Dem Walde zu. Nachdem er vorher die große Schlacht gegen alle Möbel
gewonnen hatte.
Sophie (weint).
Ach du lieber Gott, mir bangt um sein Leben, ich kann nicht ruhig
bleiben mehr, ich muß selbst hinaus -
August.
Bleiben Sie -
Malchen.
Ach August, der Alpenkönig hat uns getäuscht.
August.
Ich verwünsche diesen Kobold.
(Donnerschlag. Der Spiegel öffnet sich, man sieht auf
einem schroffen Fels den Alpenkönig sitzen. Im Hintergrunde ferne
Berge, blauer Himmel.)
Sophie.
Himmel, welche Erscheinung!
August, Malchen.
Er ist es!
Sophie.
Wer?
Habakuk.
Der Aschenmann!
August, Malchen.
Der Alpenkönig!
Lischen.
Ach, daß der Himmel erbarm! (Sie schließt die Augen.)
Astragalus.
Warum verfluchst du mich?
August (kniet).
Du Wunderwesen, dessen Macht wir nicht erklären können und die doch
unleugbar, weil sie dem Auge und dem Herzen sich zugleich verkündet, du
hast uns deinen Schutz gelobt. Und doch ward diesem Haus so tiefes Leid,
daß ich beinahe fürchten muß, du könntest meiner Liebe Glück durch
ihres Vaters Unglück nur bezwecken.
Malchen (kniet).
Wenn du die Stelle kennst, auf der sein Fuß jetzt irrt, so rett ihn,
hoher Klippenfürst.
Sophie (kniet).
Ich verstehe meiner Kinder Worte nicht, doch wenn meines Mannes Herz in
deinen Zauberbanden liegt und darum sich von uns gewendet hat, so gib es
frei, wir werden dich dafür stets als ein gutes Wesen ehren.
Lischen (kniet).
Hoher Alpenkönig! Ich traue mich zwar nicht, mein Auge zu dir zu
erheben, warum? das weiß ich schon. Aber wenn du ein galanter Herr
bist, so wird auch die Bitte einer hübschen Kammerjungfer etwas bei dir
gelten.
Habakuk (kniet).
Ich bitt auch ganz erschrecklich, Euer gesteinigte Hochheit!
Astragalus (steht auf).
Ich dacht es wohl, es wandle euch Besorgnis an,
Weil mein Geschäft so üblen Anfang nimmt.
Doch sorgt euch nicht, ich bin ein kluger Handwerksmann,
Der seinen Vorteil schon voraus bestimmt.
Denn wenn man sprödes Erz geschmeidig sucht zu biegen,
So lasse man es in des Ofens Bauch erglühn.
Und so muß sein Gemüt in Hassesflammen liegen,
In wilder Leidenschaft die Seele Funken sprühn,
Dann kann ich seinen Wahn durch Überzeugung schmieden
Und seiner Denkart ihre alte Form verleihn.
Von selbst schließt mit der Menschheit er dann neu den Frieden
Und wird sein Wirken freudig ihrem Wohle weihn.
Drum, was ihr Böses mögt in baldger Zukunft schauen,
Wenn ihr bei nächster Sonne wieder ihn erblickt,
Doch mögt ihr kühn und treulich auf mein Wort vertrauen,
Noch eh sie sinkt, hat Alpenkönig euch beglückt.
(Sinkt in seine frühere Stellung zurück. Das
Spiegelglas erscheint wieder.)
Sophie.
So unerklärbar dieses Phantom mir ist, so hat es doch Trost in meine
Seele gesendet. Begleitet mich nach dem Gemach, das uns die Aussicht
nach dem Wald hin bietet, vielleicht sehen wir schon einige von den
Boten zurückkehren, welche ich nach meinem Manne ausgesendet habe. Dort
sollt ihr mir auch Aufklärung über den Alpenkönig geben.
(Sophie, Malchen, August ab.)
Neunzehnter Auftritt
Habakuk. Lischen.
Habakuk.
Nein, was einem in unserm Haus für Erscheinungen begegnen, das geht in
das Entsetzliche hinüber. (Stellt sich vor Lischen.)
Lischen.
Nu was gibts, Monsieur? Was sieht Er mich so an?
Habakuk (gezogen).
Sie hat mich auf das Schafott bringen wollen, darum hab ich Ihr in
dieser Welt nichts mehr zu sagen, als -
Lischen.
Daß Er zwei Jahre in Paris gewesen ist, Er abgeschmackter Mensch?
Habakuk.
Oui, Mademoiselle, und dieses Bewußtsein gibt mir die Kraft, Ihre
Gemeinheit zu verachten. (Geht pathetisch ab.)
Lischen (allein).
Und ich werde mich in des gnädgen Herrn Zimmer verfügen und mich in
den zerbrochenen Spiegel schauen, ob ich meine ganze Schönheit noch
besitze. Dann werde ich die zerrissenen Liebesbriefe zusammenkehren und
diese mit Füßen getretenen Empfindungen ganz langsam in den Kamin
hineinschaufeln. So sind die Männer, ihre Liebesschwüre sind lauter
Wechsel an die Ewigkeit, in diesem Leben zahlt sie keiner aus. Wenn ich
wieder auf die Welt komme, so werd ich ein Mann und will gar keine von
meinen jetzigen Eigenschaften behalten als die Eroberungskunst.
Zwanzigster Auftritt
Verwandlung
Tiefer Wald. Rechts vorne die Köhlerhütte. Eine
Tür, neben dieser ein Fenster, auf dem Dache ein praktikables
Bodenfenster. Dieser Hütte gegenüber ein großer Eichbaum. Hinter
diesem ein Gebüsch. Im Hintergrunde ein kleiner Wasserfall. Es ist
spät am Abend.
Rappelkopf mit einem Wasserkrug aus der Hütte. Er hat
eine berußte Schlafmütze des Köhlers und einen runden Bauernhut auf
dem Kopfe und eine Jacke von ihm an.
Rappelkopf.
So! - Der Timon ist fertig, nun fehlt nur noch sein Kompagnon, der Esel
- und wenn ich der auch jetzt nicht bin, so war ichs doch - ich war zu
gut, das ist mein größter Fehler. Die Leute wollen es nicht. Es gibt
manche Menschen, wenn ihnen einer begegnet, der ihnen noch so viele
Wohltaten erwiesen hat, so sagen s' höchstens zu einander: Oh, das ist
ein guter Kerl, der tut kein Menschen was, der ist froh, wenn man ihm
nichts tut. (Gleichgültig grüßend.) Servus! Servus! Lassen wir
ihn leben. Wenn aber einer kommt, von dem sie glauben, daß er ihnen
schaden könnt, da stoßen s' einander: Oh! das ist ein böser Kerl, vor
dem muß man sich in acht nehmen. (Freundliches tiefes Kompliment.)
Tänigster Diener! Tänigster Diener! hab ich die Ehr, mein Kompliment
zu machen. Wann der anfangt, der kanns. Gleich wieder: Tänigster
Diener! Oh, es wird mich noch zum Wahnsinn bringen. In meinem Haus bin
ich nicht sicher mehr, mein Weib will mich ermorden lassen. Habt ihrs
gehört, ihr verfolgten Stämme dieses edlen Waldes, die der Mensch gar
zu zweifachem Tod bestimmt, weil euch die Axt erst fällt und man euch
dann noch hinterdrein verbrennt? Habt ihrs gehört? Mein Weib will mich
ermorden lassen! Ist denn der Wald so echolos, daß ich der einzge bin,
der diese Schandtat ausposaunt?
(Geräusch in den Blättern.)
Ha! wer rührt sich da? ist es ein Mensch, so soll er
hervorkommen, damit ich meinen ganzen Vorrat von Impertinenzen in sein
Antlitz werfen kann. Heraus da, wer ist hier? Qui vive?
Ein Stier (streckt aus dem Gebüsche, hinter dem
er gefressen, seinen Hals gegen Rappelkopf und brüllt sehr stark.)
Ohn! (Man sieht ihn jedoch nur bis an die Brust, der Unterleib ist
durch das Gebüsch verdeckt.)
Rappelkopf (verblüfft).
Diese Antwort hab ich nicht erwartet. (Reißt einen Baumast ab und
jagt den Stier fort.) Gehst hinaus! Eine solche Gesellschaft möcht
ich mir noch ausbitten.
Einundzwanzigster Auftritt
Voriger. Astragalus tritt hervor.
Astragalus.
Du verdienst keine bessere. Warum verfolgst du diesen Sohn meiner Herde?
Rappelkopf.
Gib der Herr auf seine Kinder besser acht. Hier ist mein Territorium,
und da leid ich weder etwas Vierfüßiges noch etwas Zweifüßiges. Also
weiter, Vater und Sohn!
Astragalus.
Du irrest, wenn du wähnst, daß du auf eignem Boden herrschest. Mein
ist das Tal, in dem die Alpe wurzelt. Drum frag ich dich, wie du es
wagst, schamlose Flüche auszuhauchen hier, daß sie wie giftger Reif an
diesen Blättern hangen, und eine Welt zu schmähn, in der du Wurm, aus
Schlamm gezeugt, in eines Waldes dunklem Busen dich verkriechst, weil du
den Strahl des heitren Lebens fürchtest?
Rappelkopf.
Was kümmerts dich? (Beiseite.) Der Kerl sieht aus, als wenn er
von Gußeisen wär. Dem geh ich gar keine Antwort, den laß ich stehen. (Will
in die Hütte.)
Astragalus (zielt auf ihn).
Halt an! Gib Leben oder Worte!
Rappelkopf.
Was ist das für eine Art, auf einen Menschen zu schießen?
Astragalus.
Du bist kein Mensch.
Rappelkopf.
Nicht? Das ist das Neuste, was ich höre.
Astragalus.
Du hast dich ausgeschlossen aus der Menschen Kreis. Gib Losung, ob du es
noch bist. Bist du gesellig wie der Mensch? Du bist es nicht. Hast du
Gefühl? Du fühlst nur Haß. Hast du Vernunft? Ich finde keine Spur.
Rappelkopf.
Impertinent!
Astragalus.
Drum sprich, zu welcher Gattung ich dich zählen soll, der du des Tieres
unbarmherzge Roheit mit dem milden Ansehn und der Sprache eines Menschen
paarst.
Rappelkopf.
Ah, das ist eine gute Geschichte, der führt einen logischen Beweis,
daß ich ein Tier bin und noch dazu eins von der neuesten Gattung.
Astragalus.
Was hast du zu erwidern mir?
Rappelkopf (beiseite).
Ich wollt ihm schon etwas erwidern, wenn er keine Flinten hätte.
Astragalus.
Antwort gib, ob du in meine Jagdbarkeit gehörst und meiner Kugel bist
verwandt?
Rappelkopf (beiseite).
Jetzt muß ich vor dem eine Rechenschaft ablegen, und ich möcht ihn
lieber massakrieren. (Laut.) Die Flinte weg. Ich bin ein Mensch,
und das ein besserer, als ich sein hätt sollen.
Astragalus.
Und warum hassest du die Welt?
Rappelkopf.
Weil ich hab blinde Mäusl gespielt mit ihr, die Treue hab erhaschen
wollen und den Betrug erwischt, der mir die Binde von den Augen nahm.
Astragalus.
Dann mußt du auch dem Wald entfliehen, weil er mißgestalte Bäume
hegt, die Erde meiden, weil sie giftge Kräuter zeugt, des Himmels Blau
bezweifeln, weil es Wolken oft verhüllen, wenn du den Teil willst für
das Ganze nehmen.
Rappelkopf.
Was nützt das Ganze mich, wenn mich ein jeder Teil sekkiert. Ich bin in
meinem eignen Haus des Lebens nicht mehr sicher.
Astragalus.
Machs mit dem Mißtraun aus, das dich belogen hat.
Rappelkopf.
Mich haßt mein Weib, mich flieht mein Kind, mich richten meine
Dienstleut aus.
Astragalus.
Weil dein Betragen jeden tief erbittert, weil du den Haß verdienst, den
man dir zollt.
Rappelkopf.
Das ist nicht wahr, ich bin ein Mensch, so süß wie Zuckerkandel ist.
Nur mir wird jede Lust verbittert, und ich trage keine Schuld.
Astragalus.
Die größte, denn du kennst dich selber nicht.
Rappelkopf.
Das ist nicht wahr. Ich bin der Herr von Rappelkopf.
(Es fängt an, Nacht zu werden.)
Astragalus.
Das ist auch alles, was du von dir weißt. Doch daß du störrisch,
wild, mißtrauisch bis zum Ekel bist, vom Starrsinn angetrieben, hin bis
an der niedern Bosheit Grenze, und wie die üblen Eigenschaften alle
heißen, die du für Vorzug deines Herzens hältst, das ist dir
unbekannt, nicht wahr?
(Der Mond geht auf.)
Rappelkopf.
Mir ist nur eins bekannt, daß du ein Lügner bist, der eine Menge
Fehler mir andichtet, die ich doch nicht hab.
Astragalus.
So geh die Wette ein, daß du weit mehr noch hast. Ich führe den
Beweis, wenn du dich meiner Macht vertraust und mir gelobst, daß du
dich ändern willst.
Rappelkopf.
Das hätt ich lang getan, wenn ich das gefunden hätte. Ich vertrau mich
keinem Menschen an, Betrug ist das Panier der Welt.
Astragalus.
Glaubst du, die Welt sei darum nur erschaffen, damit du deinen Geifer
auf ihr Wappen speien kannst? Die Menschheit hinge nur von deinen Launen
ab? Dir dürften andre nur, du andern nicht genügen? Bist du denn
wahnsinnig, du übermütger Wurm?
Rappelkopf.
Sapperment, nicht lang per Wurm, das Ding fangt mich zu wurmen an. Ich
gib nicht nach, du bankrottierter Philosoph! Ich bin zu gut, und du zu
schlecht, als daß ich länger mit dir red. Drum fort mit dir, der Mond
geht auf, und du gehst ab, und künftighin werd ich in meiner Hütten
mich verschanzen und herunterstukatieren, wenn sich eins sehen läßt.
Astragalus.
So willst du nicht die Hand zur Beßrung bieten?
Rappelkopf.
Ich biete nichts, und wenn mir's Wasser bis an Hals auch geht.
Astragalus.
Wohlan! So laß uns den Versuch beginnen.
Weil nicht Vernunft kann dein Gemüt gewinnen,
Soll Geistermacht zu deinem Glück dich zwingen,
Und mit dem Alpenkönig wirst du ringen.
Vermeid dies Haus! Sonst tritt auf allen Wegen
Vergangenheit dir leichenblaß entgegen.
Und willst du Elemente Brüder nennen,
Lern ihre Wut und ihre Schrecken kennen.
Der Blitz soll deines Hauses Dach umarmen,
Dann kann dein Herz an Freundesbrust erwarmen.
Weil du die Luft willst statt der Gattin küssen,
Soll dich des Sturmes Angstgeheul begrüßen.
Der Boden soll dich Halbmensch nimmer tragen,
Dann magst du über Erdenundank klagen.
Und daß du mit den Wellen dich kannst streiten,
Will ich die Flut dir bis zur Kehle leiten.
So soll dich Feuer, Wasser, Luft und Erd betrügen.
Dann wähl, ob du dich willst in meinen Vorschlag fügen.
Und wirst du liebend nicht dein Herz zur Menschheit wenden,
So sollst du wildes Tier in Waldesnacht hier enden!
(Rasch ab.)
Rappelkopf (allein).
Das ist ein schrecklicher Kerl. Und ich tu doch, was ich will. Just! Du
sollst mich nicht um meinen Schlaf heut bringen. Gute Nacht, Freund
Wald, ihr Eicheln, lebet wohl, zum Frühstück finden wir uns wieder.
(Will gegen das Haus. Beim Öffnen der Tür sitzt
Victorinens Geist auf einem Stuhl. Sie ist in blaue Schleier gehüllt
und sieht gespensterartig aus. Ihr Gesicht ist bleich und die ganze
Gestalt von einem grünen Schirm beleuchtet. Sie spricht mit halblauter
Stimme.)
Victorinens Geist.
Wo bleibst du denn so lang, du liederlicher Mann?
Und kommst so spät erst in der Nacht nach Haus.
Gehst gleich herein, mir wird schon angst allein,
Sonst rauf ich alle Haar dir aus.
Rappelkopf.
Himmel! das ist mein erstes Weib, die erkenn ich, weil sie die
Herrschaft noch im Grab behauptet. Da bringt mich niemand bei der Tür
hinein. Die hat den Satan in den Leib. Wenn nur das Fenster offen wär! (Es
donnert.) Jetzt fangts zum donnern an. (Am Fenster zeigt sich,
ebenso wie Victorinens, Wallburgas Geist und sieht heraus.) Wer
schaut denn da heraus?
Wallburgas Geist (mit hohler Stimme).
Ich bins, du falscher Mann, du Ungetreuer du!
Warum hast du nach mir jetzt schon das zweite Weib?
Und ich hab dich so lieb, hab selbst im Grab kein Ruh,
Ich schau kein andern an, kann ohne dich nicht leben.
Drum komm herein, ich muß dir Küsse geben.
Rappelkopf (erschrickt).
Entsetzlich! Schaudervolle Nacht, zeigst du mir auch die zweite noch,
die sich durch Eifersucht verrät? Sie modert schon und will nicht leben
ohne mich. Welch schreckenvolle Lag! Es rieselt kalt durch mein Gebein. (Es
blitzt.) Der Donner brüllt, die Blitze leuchten fürchterlich.
Könnt ich doch nur durchs Dach ins Haus! Mut! ich versuchs. (Er
steigt hinauf. Währenddessen erscheint Emerentias Geist, auf dem Dach
sitzend. Rappelkopf erschrickt.) Weh! Hier die dritte noch, dem
Kirchhof ungetreu wie mir! (Will fort.)
Emerentias Geist.
Wo willst du hin? Du darfst nicht fort.
Du mußt den Mond mit mir betrachten.
(Der Mond verwandelt sich in ein weißumschleiertes Geisterhaupt, das
aus den Wolken sieht.)
Sieh hin, das bleiche Antlitz dort,
Es ist das Bild von deiner jetzgen Frau.
Sie weint! Schau hin! Schau! Schau!
Rappelkopf.
Jetzt grinst mich auch die vierte an. O teuflisches Quartett! Mich
würgt die Angst! Ha! laß mich fort! Mich wandelt Ohnmacht an.
Rachsüchtge Hölle, warum hast du das getan? Ich bleib nicht da. Ich
muß hinab. (Springt über das Dach.) O Himmel, sei gedankt!
daß deine Erd mich wieder trägt. Doch, was beginn ich nun? (Der
Sturm heult.) Der Sturm heult immer schrecklicher. Es gießt, und
doch verschwinden nicht die gräßlichen Gestalten. (Regen strömt
herab.) Nun platzt ein Wolkenbruch! ich rette mich auf diesen Baum,
sonst reißt die Flut mich fort. (Er steigt auf den Baum. Die Weiber
verschwinden, es schlagt in die Hütte ein, sie steht in hellen
Flammen.) Wenn das so fortgeht, bricht die Welt in Trümmer. (Die
Hütte brennt fort. Heftiger Regen, Sturmgeheul und Donner. Die
Wasserflut schwillt immer höher, bis sie Rappelkopf, der sich auf den
Gipfel des Baumes rettet, bis an den Mund steigt, so daß nur die
Hälfte seines Hauptes mehr zu sehen ist.) Zu Hülfe, zu Hülfe! ich
ersauf!
Astragalus(fährt schnell in einem goldnen Nachen
bis zu seinem Haupt und spricht).
Was bist du nun zu tun gesonnen?
Rappelkopf (voll Angst).
Ich will mich bessern, ich sehs ein, weil mir das Wasser schon ins Maul
'nein lauft.
Astragalus.
So führ ich dich nach meinem Schloß.
Schnelle Verwandlung
Der Nachen verwandelt sich in zwei Steinböcke mit
goldenen Hörnern. Der Baum, auf dem Rappelkopf steht, in einen schönen
Wolkenwagen, in dem sich der Alpenkönig und Rappelkopf befinden. Das
Wasser verschwindet. Das ganze Theater verwandelt sich in eine
pittoreske Felsengegend, die Teufelsbrücke in der Schweiz vorstellend,
auf welcher Kinder, als graue Alpenschützen angekleidet, Böller
losfeuern, während der Wolkenwagen über die Bühne fährt. Zugleich
von innen:
Chor.
Geendet ist die Geisterschlacht,
Die Sonne strahlt durch finstre Nacht.
Der Alpenkönig hat gesiegt,
Seht, wie er hin zum Ziele fliegt.
Zweiter Aufzug
Erster Auftritt
Thronsaal im Eispalaste des Astragalus, mit hohen
Säulen geziert, die silberartig erglänzen. Im Vordergrunde ein hoher
Thron von pittoreskem Ansehen, als wäre er aus unregelmäßigem Eis
geformt.
Auf ihm Astragalus als Alpenkönig. Eine lange
lichtblaue weißgestickte Tunika, weiten griechischen Mantel. Weißen
Bart, auf dem Haupte eine smaragdene Krone. Vor ihm knien im Kreise
ideal gekleidete Alpengeister. Weiße kurze Tunika, mit grünen
Folioblättern garniert.
Chor.
Hehr zu schauen auf dem Throne
Bist du, Fürst der Alpenflur,
Denn dich schmückt der Tugend Krone,
Du vertilgst des Lasters Spur.
Astragalus (steht auf und spricht).
Auf des Thrones eisgen Stufen
Horcht ich gern noch eurem Chor.
Doch laßt uns den Fremdling rufen,
Denn die Zeit tritt mahnend vor.
Alpanor.
Lange steht er schon bereitet
In der Halle vor dem Saal.
Auch ist er schon angekleidet,
Wie dein Wink es uns befahl.
Astragalus.
Höhnt ihn aus, wenn er erscheint.
(Rappelkopf in einem drapfarben Reiseüberrock,
gleichen Gamaschen mit silbernen Knöpfen, schwarzem Haar, etwas hoher
Stirne, wird hereingebracht.)
Ein Alpengeist.
Fürst, hier ist der Menschenfeind.
(Alle lachen.)
Rappelkopf.
Nun? Was ist da Spaßigs dran?
Alpanor.
Weißt du wohl, warum sie lachen?
Unter einem Menschenfeind
Dachten sie sich einen Drachen,
Der als grimmer Ries erscheint.
Und nun sehn sie einen Zwergen,
Wer soll 's Lachen da verbergen?
Von dem Unsinn mußt du lassen,
Freund, das ist ja ganz verkehrt.
Du willst alle andern hassen?
Und bist selber nicht viel wert.
Rappelkopf.
Versteht sich. Du wirst mir sagen, was ich zu tun hab. (Für sich.)
Verdammtes Hexenvolk!
Astragalus.
Du bist die Wette mit mir eingegangen, du wollest dein Gemüt in edleres
verkehren, wenn du die Fehler deines jetzigen erkennst.
Rappelkopf.
Das hab ich gsagt im Angesichte von vier Zeugen: Feuer, Wasser, Luft und
Erde. Nun gib mir Überzeugung, oder laß mir Ruh in meinem Wald.
Astragalus.
So hör mich an. Damit du kannst in solchem Seelenspiegel schauen, so
will ich deinen Geist aus deinem Leib entführn und ihn in eines
neuerschaffnen Körpers Haus verbannen.
Rappelkopf.
Das will sagen, mein Geist wird von einer Bouteille in die andere
hinübergefüllt, das ist schon nichts, da kann schon eine Spitzbüberei
geschehen, bei dieser Füllung muß ich dabei sein. Da kann er
ausrauchen, oder verwechselt werden. Ich traue niemand mehr.
Astragalus.
Er wird es nicht. Ich schwör es bei des Chimborassos eisgekröntem
Haupte. Du wirst dein Denken, Wollen, Handeln, Fühlen genau in eines
andern Bild erblicken.
Rappelkopf.
Und was gschieht dann mit mir, geh ich so ohne Seel herum, oder bekomm
ich wo eine andere zu leihen?
Astragalus.
Du wirst als Bruder deiner Frau erscheinen.
Rappelkopf.
Diese Verwandtschaft hätt ich mir nie träumen lassen.
Astragalus.
Doch ganz die Kraft der eigenen Gesinnungen behalten.
Rappelkopf.
Das heißt, ich werde aussehn wie mein Schwager und denken, was ich
will.
Astragalus.
So ists. Dadurch kannst du dich überzeugen, wie gegen dich dein Weib,
dein Kind und der von dir gehaßte Maler denken. Doch daß du auch an
deinem Ebenbild den höchsten Anteil nimmst und dich in ihm genau
ergründest und betrachtest, so hängt dein künftig Schicksal ganz von
dem freien Handeln dieses Doppelgängers ab. Und was zu deinem Nutzen
oder Nachteil wird durch ihn in deinem Haus geschehn, das wird, wenn er
verschwindet, unveränderlich dir bleiben.
Rappelkopf.
Also wenn er mir mein Haus verkauft, kann ich nachher auf der Straße
wohnen? Ah, das ist eine schöne Einquartierung.
Astragalus.
Auch ist dein Leben selbst an seines festgebunden, und wenn er es
verliert, solang er statt dir lebt, stirbst du mit ihm und wirst durch
ihn erkranken auch, wenn es der Zufall fügt, daß ihm ein bös Geschick
Gesundheit raubt.
Rappelkopf.
Zwei Menschen und nur ein Leben! Jetzt fangt sogar die Natur zum
ökonomisiern an. Da hats der Tod kommod, der nimmt s' gleich Paar und
Paar. Nun gut, so laß denn sehen, was deine Taschenspielerei vermag.
Der Prozeß ist eingeleitet. Ein unendlich verwickelter Fall, der wird
in hundert Jahren nicht aus. Also was gschieht denn jetzt? Hab ich noch
meinen Geist, oder hat ihn schon ein anderer? Bin ich schon mein
Schwager, oder bin ich noch der Schwager meines Schwagers?
Astragalus.
Es wird dich jeder für den Bruder deines Weibs erkennen. Darum hab ich
in deinem Äußern dich gestaltet so wie ihn. Ihr Alpengeister, führt
ihn fort und bringt ihn an des Berges Fuß. Dort werdet ihr ein
leichtberädert Fahrwerk finden, zwei rüstge Maultier vorgespannt, mit
Staub bedeckt, als kämen sie von weiter Reise aus dem Land der welschen
Glut. Sie bringen schnell ihn vor sein Schloß, dort werde seinem
Übermut Beschämung, Überzeugung, Strafe.
Rappelkopf.
Nun gut, so will ich dies Asyl der Falschheit noch einmal betreten. Ich
geh und übergeb dir meinen Geist, von dem ich weiß, daß er so wenig
Fehler hat, als die Donau Linienschiffe trägt, als Eicheln auf dem
Kirschbaum wachsen und blondes Haar in deinem grauen Bart. (Ab mit
den Alpengeistern, nur Alpanor bleibt zurück.)
Astragalus.
Sein Starrsinn ists, der mich zu festen Hoffnungen berechtigt, denn hat
er sich erkannt, wird ihn mit gleicher Heftigkeit der Trieb zur
Besserung erfassen, als seine kräftge Phantasie den Wahn des Hasses
jetzt umklammert hält. Alpanor! Hast du den Bruder seines Weibs
zurückgehalten, daß er nicht heute morgens schon von seiner Reise in
des Menschenfeindes Schloß eintrifft?
Alpanor.
Es geschieht in diesem Augenblick. Der Alpengeist Linarius leitet seiner
Pferde Zügel und setzt ihn aus in einer wüsten Felsengegend, so lang,
bis, großer Alpenkönig, du die Ankunft ihm erlaubst.
Astragalus.
Und ich will scheinbar mich in ihn verwandeln
(er verwandelt sich in Rappelkopfs Gestalt in seiner ersten Kleidung)
Und so durch Trug zu seinem Besten handeln.
Wie auf des Schlosses Dache die metallne Spitze
Das Haus bewahret vor der Wut der Blitze,
Will ich den Haß, den er sich gen die Welt erlaubt,
Herniederleiten auf sein eignes Haupt.
Dort mag die Donnerwolke sich entleeren
Und Glut durch Glut hellflammend sich verzehren,
Bis aus der Asche wird zum neuen Leben
Die Liebe gleich dem Phönix sich erheben.
(Beide ab.)
(Neues Lachen und schnelles Vorfallen der Kurtine,
welche ein Zimmer in Rappelkopfs Hause vorstellt.)
Dritter Auftritt
Mehrere Dienstleute stürzen auf die Bühne. Sophie
von der Seite.
Sophie.
Wo, wo ist mein Bruder?
Dienstleute.
Er kömmt soeben die Treppe herauf. Hier ist er schon.
Sophie.
Holt Herrn von Dorn und meine Tochter. Das Gepäcke in das grüne
Zimmer.
Vierter Auftritt
Vorige. Rappelkopf stürzt herein.
Sophie (fällt ihm um den Hals).
O mein Bruder, mein geliebter Bruder! (Bleibt an seiner Brust.)
Rappelkopf (für sich).
Entsetzlich! Diese Natter liegt an meiner Brust. Sie kennt mich wirklich
nicht. Nimm dich zusammen, Rappelkopf! (Freundlich.) Endlich seh
ich dich wieder, liebe Schwester. (Beiseite.) Ich kann s' nicht
anschaun. (Wieder freundlich.) Wie gehts dir denn, du liebe
Schwester du?
Sophie.
Ach Bruder, mir geht es sehr übel.
Rappelkopf (beiseite).
So? Da gschieht dir recht.
Sophie.
Was sagst du, lieber Bruder?
Rappelkopf.
Daß ich dich recht bedaure, und zwar auf eine ganz besondere Art. Denn
ich weiß alles, liebe Schwester, dein Mann ist ein schändlicher
Mensch.
Sophie.
Das ist er nicht, lieber Bruder, aber ein unglücklicher Mensch.
Rappelkopf (beiseite).
Viper!
Sophie.
Wenn du wüßtest, wie sehr ich mich nach dir gesehnt habe, um mein Herz
vor dir auszuschütten!
Rappelkopf.
So schütt es aus, liebe Schwester! (Beiseite.) Da erfahr ich
etwas. Schütts aus!
Sophie.
Aber du wirst ermüdet sein von der Reise?
Rappelkopf.
Nur meine Füß sind müde, meine Ohren nicht.
Sophie.
So setz dich, lieber Bruder. (Sie setzt Stühle.)
Rappelkopf.
Ich dank dir, liebe Schwester. (Setzt sich.) Fatale Situation!
Sophie.
Meine Tochter und ihr künftiger Bräutigam werden sogleich erscheinen.
Rappelkopf (fährt wild auf).
So? (Faßt sich und sagt plötzlich mit freundlichem Lächeln.)
Wird mir eine unendliche Ehr sein.
Sophie.
Du bist so sonderbar, lieber Bruder. Was ist dir denn?
Rappelkopf.
Verschiedenes. Die Reise, dein Anblick, es ist alles so ergreifend für
mich.
Sophie.
Ich danke dir. Du bist ein Bruder, wie man keinen mehr finden wird.
Rappelkopf (beiseite).
Der Meinung bin ich selbst.
Sophie.
Fünf Jahre bist du abwesend. Die Ursache meines Unglücks wird dir
schon aus meinen Briefen bekannt sein.
Rappelkopf.
Ich weiß, du hassest deinen Mann.
Sophie.
Was fällt dir ein! Wo gäb es eine Frau, die ihrem Manne mehr zugetan
wäre, als ich dem meinigen!
Rappelkopf.
Wirklich? (Beiseite.) Was man für Neuigkeiten erfährt!
Sophie.
Wenn du nur die Geduld hättest sehen können, mit welcher ich seine
Launen ertrug, die Sanftmut, mit der ich ihn behandelte.
Rappelkopf.
Ja, das hätt ich sehen mögen. (Beiseite.) Es ist zum Durchgehn,
wie sie lügt, ich bin schon völlig blau auf dieser Seite.
Sophie.
Und alles dies hat seinen ungerechten Menschenhaß nur noch vermehrt.
Rappelkopf.
Aber warum haßt er denn die Menschen, er muß doch eine Ursache haben?
Sophie.
Weil er ein Narr ist, der sie verkennt.
Rappelkopf (beiseite).
Ich bedank mich aufs allerschönste.
Sophie.
Und doch lieb ich ihn so zärtlich -
Rappelkopf.
Diesen Narren? o närrische Lieb! (Beiseite.) Es ist zum
Teufelholen!
Sophie.
Und muß die Angst ausstehen, ihn seit gestern zu vermissen.
Rappelkopf.
Ja wo ist er denn?
Sophie.
In einem Anfall von Wahnsinn zerschlug er alle Möbel, glaubte, der
Bediente wolle ihn ermorden, und rannte wütend aus dem Hause.
Rappelkopf.
Nun er wird schon wieder zurückkommen.
Sophie.
Nein, das wird er nicht. Was er beschließt, vollführt er auch.
Rappelkopf (beiseite).
Sie kennt mich doch. (Laut.) Aber wie ist er denn auf den
Gedanken gekommen, daß man ihn ermorden will?
Sophie.
Auf die unsinnigste Weise von der Welt. Ich befahl meinem einfältigen
Bedienten, er sollte nach dem Garten gehen und Zichorien ausstechen, und
das Messer in seiner Hand läßt meinen unglückselgen Mann glauben, er
wolle ihn ermorden.
Rappelkopf.
Zichorien hat er ausstechen wollen?
Sophie.
Ei freilich.
Rappelkopf (beiseite).
Das ist nicht möglich, oder ich wär der einfältigste Mensch, den die
Sonne noch beschienen hat. (In Nachdenken versunken.) Zichorien
hat er ausstechen wollen?
Sophie.
Warum ergreift dich das so?
Rappelkopf (gleichgültig).
Weil mir der Kaffee einfällt, den ich im letzten Wirtshaus getrunken
hab. Der war auch mit Zichorien vergiftet.
Sophie.
Was soll ich nun beginnen, lieber Bruder?
Rappelkopf.
Laß den Narren laufen!
Sophie.
Das kann dein Ernst nicht sein. Er ist mein Mann, und ich werd ihn nie
verlassen.
Rappelkopf (schnell).
Ist das wahr?
Sophie.
Gewiß.
Rappelkopf (unwillkürlich erfreut, beiseite).
Sie ist doch nicht gar so schlecht. (Wieder verändert.) Aber
schlecht ist sie doch.
Sophie.
Ach Bruder! (Sinkt an seine Brust.) Wenn mein Mann imstande
wäre, sich ein Leid anzutun! (Weinend.) Ich hätte mir nichts
vorzuwerfen, aber ich könnte diesen Vorfall nicht überleben.
Rappelkopf.
Das Weib martert mich, ich schwitz schon im ganzen Leib. Und sie weint
wirklich, mein ganzes Schapodl ist naß. Aber ich glaub ihr nicht, die
Weiber können alles. (Laut.) Beruhige dich nur, liebe Schwester,
es kommt jemand.
Fünfter Auftritt
Vorige. August. Malchen.
Malchen.
Ist es wahr, ist der Onkel angekommen? (Sieht ihn.) Ach liebster,
bester Onkel! mit welcher Sehnsucht haben wir Sie erwartet.
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